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Big Game

 

 



Eine gewisse ästhetische Mattigkeit macht sich in Jalmari Helanders finnischem B-Movie "Big Game" breit - trotz Samuel L. Jackson als amerikanischem Präsidenten.

Die Asymmetrien des Weltkinos: In Finnland ist "Big Game" mit einem Budget von achteinhalb Millionen Dollar die teuerste einheimische Filmproduktion aller Zeiten; in den USA darf der Film froh sein, dass er überhaupt die Kinos erreicht und nicht direkt in den Videotheken oder über Streamingplattformen verscherbelt wird. Wo er wohl trotzdem bald einsortiert werden dürfte, vermutlich in der Nähe von "Snakes on a Plane", einem Internet-Hype aus dem Jahr 2006, mit dem "Big Game" mindestens dreierlei teilt: eine High-Concept-lastige Prämisse; einen halbironischen Tonfall, der nicht so recht weiß, ob er diese Prämisse nun beim Wort nehmen soll oder doch lieber nicht; und den tarantinoerprobten, vermutlich gerade aufgrund seiner scheinbaren Allgegenwart chronisch unterschätzten Hauptdarsteller Samuel L. Jackson, dessen bloße Anwesenheit über die daraus resultierende ästhetische Mattigkeit hinwegtäuschen soll (und das streckenweise durchaus tut; der ebenfalls immer tolle Victor Garber hilft auch mit).

Samuel L. Jackson spielt (und das wurde wirklich einmal Zeit) den amerikanischen Präsidenten. Der muss die Air Force One mid-flight in einer Stahlkapsel verlassen, weil es Terroristen mit simplen Mitteln gelingt, alle Sicherheitsvorkehrungen außer Kraft zu setzen und das Flugzeug zu attackieren. Unten angekommen trifft Jacksons POTUS auf den 13-jährigen Oskari (Onni Tommila), der von seinem Vater für einige Tage, nur mit Pfeil und Bogen sowie einem motorisierten Offroadvehikel ausgerüstet, in den Bergen ausgesetzt wurde - das soll ihm dabei helfen, ein Mann oder etwas in der Art zu werden.

Die Erstbegegnung der beiden ist als nicht uninteressante, mit rassistischen Wahrnehmungsmustern spielende Variation auf die Spielberg'schen unheimlichen Begegnungen der Dritten Art inszeniert, aber das bleibt ein isoliertes Zitat; kindliches Staunen und Mythenproduktion (oder gar: Ideologiekritik) interessieren den Film ansonsten kein bisschen. Von den bad guys ("unpolitische Araber") über die funktionalen Dialoge, die sich meist nicht einmal zu ordentlich markigen Onelinern aufschwingen, bis zu den verwendeten Waffen (besonders schön: die Panzerfaust, deren plumpe äußere Form stets unweigerlich eine Brücke zum Slapstick-Kino schlägt) sieht stattdessen alles nach dem positivistischen Actionmainstream der 1990er aus: Kino als Behälter von awesome stuff.

Es geht dann vor allem darum, eine veraltete Idee von Hollywoodspektakel auf finnische Dimensionen einzudampfen - die Actionszenen stehen etwas unbeholfen in den Weiten der lappischen Wälder herum (gedreht wurde allerdings in den Alpen), Jackson verbringt erstaunlich viel Zeit im Innern eines Kühlschranks. Lediglich der amerikanische control room, in den immer mal wieder ohne nähere Motivation geschnitten wird und in dem tatsächlich auch, anders als im Rest des Films, ein paar Frauen zu sehen sind (eine von ganz fern hillaryeske CIA-Chefin hat sogar eine Sprechrolle!), behauptet Zeitgenossenschaft: Live-Satellitenbilder aus Finnland gebe es nicht, aber das benachbarte Russland werde natürlich beobachtet, da könne man eine Kamera abziehen. Urplötzlich formuliert sich das verborgene masochistische geopolitische Interesse des Films: "Let's get the satellites pointed in the right direction!" Klar: Relevanz ist, wofür sich die NSA interessiert. Und natürlich dürfte auch der Regisseur Jalmari Helander "Big Game" vor allem deshalb gedreht haben, weil er die Hoffnung hegt, auf dem Radar der großen amerikanischen Studios aufzutauchen.

Für den Film spricht, dass er seine eher kompakten Ambitionen in ebenso kompakten 90 Minuten durcharbeitet - und dass er sich zwischendrin trotzdem Zeit für eine schöne Lagerfeuerszene nimmt. Blöd nur, dass ausgerechnet sein Alleinstellungsmerkmal, die finnische Rahmung, das mit Abstand doofste an "Big Game" ist: Das von einem kläffenden Voice Over unterlegte maskulinistische Initiationsgetue bleibt meilenweit hinter der weitaus filigraneren Komplexität des Populären zurück, die amerikanischer B-Movie-Unfug selbst noch im eher uninspirierten Leerlauf produziert.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Big Game
Finnland / Großbritannien / Deutschland / USA 2014 - 91 min. - Regie: Jalmari Helander - Drehbuch: Jalmari Helander - Produktion: Christian Angermayer, Will Clarke, Mohammed Hans Dastmaltchi, Alex Garland, Phil Hunt, Petri Jokiranta, Frank Lehmann, Andy Mayson, Jens Meurer, Yasin Qureshi, Compton Ross, Judy Tossell, Jari Tuovinen, Markus R. Vogelbacher - Kamera: Mika Orasmaa - Schnitt: Iikka Hesse - Musik: Juri Seppä, Miska Seppä - Verleih: Ascot Elite - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Samuel L. Jackson, Ray Stevenson, Ted Levine, Felicity Huffman, Jim Broadbent, Victor Garber, Onni Tommila, Jaymes Butler, Mehmet Kurtulus, Adrian Can, Jorma Tommila, Erik Markus Schuetz, Ken Thomas, Lincoln Potwin, Jean-Luc Julien - Kinostart (D): 18.06.2015

 

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