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Beyond Punishment

 

Zu Beginn der historische Panoramaschwenk des Off-Kommentars: „Seit Homers Zeiten“ habe der Mensch daran gearbeitet, Zorn und Gewalt zu kontrollieren: durch Gesetze, durch Strafjustiz und durch Gefängnisse. Stets ging es dabei darum, für die Zeit der Strafe Opfer und Täter streng zu trennen. „Wut und Gewalt steigen in der Seele auf wie Rauch und der Geschmack ist süßer als Honig.“ Ein Zitat aus der „Ilias“ steht „Beyond Punishment“ von Hubertus Siegert voran, dessen Dokumentation sich mit neueren Überlegungen zum Umgang mit den emotionalen Beschädigungen in der Konfrontation und Auseinandersetzung mit einem Verbrechen beschäftigen.

Das Gefängnis als Institution steht, je nach Einschätzung, für ein Wegsperren oder die Resozialisierung von Delinquenten, ist aber andererseits durch institutionelle Versachlichung auch eine „Enteignung des Konflikts“ (Nils Christie). Im besten Sinne Neuland betritt das Konzept der »Restorative Justice«, die auf eine Begegnung von Tätern und Opfern bzw. Hinterbliebenen setzt, um die emotionale Beschädigung jenseits der Logik von Strafe und Vergeltung zu lindern.

Drei exemplarische Fallbeispiele führt Siegert in seinem Film vor, ergänzt durch ein Beispiel praktizierter »Restorative Justice« in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin, wo seit gut zwei Jahrzehnten die Täter-Opfer-Begegnung erprobt wird. Allerdings wird hier streng darauf geachtet, dass nicht Täter und Opfer derselben Straftat einander begegnen – die Gespräche bleiben also etwas abstrakt, aber, wie der insistierende Kamerablick in die Gesichter zeigt, stets eine hoch emotionale Angelegenheit.

Doch Siegert geht noch einen Schritt weiter, indem er versucht, direkte Täter-Opfer-Gespräche herzustellen. Im Presseheft schreibt der Filmemacher dazu unmissverständlich : „In jedem der drei Fälle im Film werden die Protagonisten beider Seiten vor die Wahl gestellt. Wollen sie Konkretes übereinander erfahren, sich vielleicht sogar persönlich treffen, um aus der Spirale von Projektionen und Vermutungen über die andere Seite herauszukommen? Oder wollen sie lieber die bleiben, die sie sind, an ihren Rollen als „Opfer“ und „Täter“ leidend, aber auf den Halt in Vergeltung, Strafe und Vergessen hoffend?“

Solcherart hat Siegert seinen Film dramaturgisch zugespitzt: Wird es zum face-to-face-Gespräch kommen? Da sind Leola und Lisa aus der Bronx, deren Sohn und Bruder vor elf Jahren unter nicht ganz geklärten Umständen erschossen wurde. Der Täter Sean, verurteilt zu 40 Jahren Haft, bestreitet die Tat noch immer. Leola und Lisa dürfte der Filmemacher bei einem der »Restorative Justice«-Treffen im Gefängnis in Wisconsin getroffen haben. Sean erklärt sich sogar zur Mitwirkung bereit, aber weil er noch immer leugnet, der Mörder zu sein, werden Leola und Lisa auf ihren Schmerz zurückgeworfen. Dem Täter zu begegnen, erscheint als Verrat. Sarkastisch wird der Täter auf Distanz gehalten.

Stian aus der norwegischen Provinz steht dagegen dazu, dass er vor Jahren seine damalige Freundin wohl im Affekt getötet hat. Das norwegische Strafrecht ist vergleichsweise milde. Nichts fürchtet Vater Erik mehr, als plötzlich dem Mörder seiner Tochter auf der Straße zu begegnen. Stichwort: Hafturlaub. Auch in diesem Fall schickt der Täter eine Botschaft per Video, doch der Vater lehnt die persönliche Begegnung ab: „Was könnte er mir geben?“

Beim dritten Fall wird endgültig über Bande gespielt: Patricks Vater – Gero von Braunmühl - wurde Mitte der 80er Jahre von der Dritten Generation der RAF ermordet; die Täterschaft ist bis heute ungeklärt. Patrick kontaktierte Birgit Hogefeld, die zu jener Zeit Teil des Führungskaders der RAF gewesen sein soll. Ein Gespräch verlief unbefriedigend. Für den Film hat sich Siegert nun an Manfred Grashof erinnert. Grashof war Gründungsmitglied der RAF und der Top-Fälscher der Gruppe. Er tötete 1972 bei seiner Verhaftung einen Polizeibeamten und saß seine Haftstrafe ab. Mitte der 1980er sagte er sich von der RAF los und wurde im Herbst 1988 begnadigt. Hier kommt ein Treffen zwar zustande, aber schnell wird deutlich, dass Grashof nur für sich, aber nicht für die eigentlichen Täter sprechen kann. Es geht dann rasch um Politik und mögliche Strategien gegen das Schweigen von Tätern und Strafverfolgungsbehörden.

Seltsamerweise entscheidet sich Siegert ausgerechnet hier, wo ein Gespräch, wenngleich mühsam, stattfindet, dafür dieses teilweise hinter Glas zu filmen und fasst schließlich selbst lakonisch das Resultat des Gesprächs zusammen: es scheint denkbar, dass weitere Beteiligte von damals hinzukommen könnten. So läuft die Grenzüberschreitung Siegerts zwar nicht komplett ins Leere, aber das wirklich Spannende des Films sind gerade nicht die Begegnungen, sondern vielmehr die „Spiralen von Projektionen und Vermutungen“, die eigentlich überwunden werden sollten. Hier dokumentiert der Film recht anschaulich, wie Täter und Opfer sich zur Tat verhalten, wie unterstellt wird oder Ausflüchte gesucht werden. Ob das ein Kommentar zum Status der »Restorative Justice« ist? Vielleicht ist es aber auch ein Indiz, dass Siegert etwas zu ungeduldig war, weil er als Filmemacher unbedingt zeigen wollte, dass die Begegnung etwas bewegt. Weil er positive Resultate wollte, musste er die Versuchsanordnung bei laufendem Verfahren ändern. Was dem durchaus sehenswerten Film eine gewisse Ambivalenz aufbürdet, weil er sein Scheitern am „süßen Honig“ nicht akzeptieren mochte.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Beyond Punishment
Deutschland 2014 - 102 min. - Regie: Hubertus Siegert - Drehbuch: Hubertus Siegert - Produktion: Uli Adomat, Udo Bremer, Christian Popp, Hubertus Siegert - Kamera: Marcus Winterbauer - Schnitt: Anne Fabini - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 12 Jahren - Kinostart (D): 11.06.2015

 

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