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Besprechung

 

Sprache und Raumelement

Dokumentation als Analyse, darum geht es in Stefan Landorfs "Besprechung", der einen von einer fremden Welt in die nächste stößt.

Menschen kommen an Tischen zusammen. Das sieht man, wieder und wieder. Dagegen, daneben aber auch: leere Stühle, leerer wartender Raum, Außenansichten. Ein Raum und sein Zweck, ein Ding und seine Funktion. "Besprechung" heißt der Film. Er beobachtet dokumentarisch Menschen, die aus beruflichen Gründen zu Tisch kommen und dort ihre Dinge bereden. Berufliche Dinge, man redet in Fachsprachen-Zungen, Termini-Brocken in Deutsch und Englisch und Denglisch.

Eine Runde nach der anderen zeigt beim Besprechen Stefan Landorf, der diesen Film gedreht hat. Wer von außen kommt und hineindarf (wir, die Zuschauer also), versteht wenig. Ziel der Dokumentation ist nicht der Einblick in diesen und jenen sachlichen und beruflichen Zusammenhang. Als Zuschauer wird man in diese spröde Fremde einer Sprache geworfen, die - in den meisten Fällen sicherlich - nicht die eigene ist. Justizsprache, Militärsprache, Entwicklungshilfesprache, Medizinsprache. Und so weiter. In der imaginären und möglichen Fortsetzung wäre dann irgendwann eine dran, die einem vertraut ist: Redaktionskonferenzsprache, Filmkritikersprache. Mir aber bleibt alles fremd in "Besprechung". Was man, die Nase platt an der Glaswand der Refugien der anderen, wiedererkennt: die Tische, die Stühle, die Funktionen, die Gesten, die Rangordnungen, die Angemessenheit der Kleidung (Uniform, Jeans, Anzug: je und je), die Fokusierung aufs Thema, das forciert Sachliche aller Umstände der Zusammenkunft.

Daraus ergibt sich, implizit schon, eine These, die zudem der Titel suggeriert: Es macht Sinn, die Sozialszenerie "Besprechung" mit ihren Skripten als Abstraktum zu begreifen. Das tut der Film. Er geht nicht auf einzelnes ein. Erläutert wird nichts. Die sich zur Besprechung versammelnden Menschen tun, was sie tun, sagen, was sie sagen, sind so nah dran an ihrem Gegenstand, dass der Betrachter mit Gewalt auf Distanz bleibt. Außer er fällt aus Versehen in die eigene Sache und Sprache, ist mit Finanzdingen und Genmarkern und Werbeetats befasst. (Allerdings gibt es dem Allgemeinwissen näher und ferner liegende Dinge: Kosovo und Afghanistan, Besprechung in der Jugendjustiz. Dagegen "Funktionsverlagerung, Zinsschranke, Mantelkauf, Thesaurierungsbegünstigung...")

Das Desinteresse des Films an den Gegenständen, deren Verhandlung er beobachtet, ist komplett. Er sucht eine Grammatik, eine Struktur. Alles Semantische ist ihm Hekuba. Konsequent nimmt er die Sprechenden nicht als Individuen, sondern quasi-wissenschaftlich selbst als Samples. Keine Namen, nichts Privates. Sondern: Menschen als Aufsager von Sätzen. So greift er einzelne Personen aus ihren Zusammenhängen jeweils heraus - spielfilmartig sozusagen -, bevor er sie dann in ihnen vorführt. Sie sitzen nicht im Besprechungszimmer, sondern in ihren Büros. Auf dem Stuhl am Schreibtisch. Sie sagen jetzt, als Fische aufs Trockene gesetzt, was sie danach im Film im Zusammenhang der Besprechung sagen werden und in der Wirklichkeit natürlich zuvor gesagt haben. Landorf löst den Zusammenhang auf, genauer: macht ihn als auflösbaren kenntlich.

Und er macht einen weiteren Schritt Richtung Abstraktion. Junge Menschen schieben die Brice-Marden-haft einfarbigen beweglichen Raumteiler-Wände in einem Besprechungszimmer nach links und nach rechts und sprechen die Sätze der Anderen dabei. Landorf nimmt die Samplesätze denen, die sie geäußert haben, dadurch endgültig aus dem Mund. Endültig leer werden sie so, abstrakt, verloren ohne den Zusammenhang, in den sie gehören: Wo "Besprechung" war, soll Aufsagen werden. Diese ikeahaft abstrakte Raumteilersprache schneidet der Film zwischen die real dokumentarischen Szenen. Drei Ebenen also: Die tatsächliche Besprechungssituation. Das Herausnehmen der Sprecher mit einzelnen Sätzen, das Verfügen des einzelnen mit seinen ihm noch einmal aufgenötigten eigenen Worten an den Schreibtisch. Und drittens die Verraumteilung der vereinzelten Sätze.

So weit, so gut, so seltsam. Die entscheidende Frage: Was soll das, was bringt das? Eines ganz buchstäblich und sicherlich: Analyse, also Lösung eines Zusammenhangs zwecks Betrachtung einzelner Teile. Wird dabei aber eine Struktur sichtbar? Oder andersrum: Liegt die Struktur des Skripts Besprechung nicht sowieso lächerlich klar zutage? Ist die Analyse und Auflösung etwas anderes als bloße Verfremdung durch Abstrahierung? Und also der Film eine Art Filmgedicht, das Semantik in Form überführt? Sollte er dann aber nicht zwingendere Rhythmen haben und raffinierter verfahren und mehr Formbewusstsein zeigen?

Oder versteht Landorf das ganze - das möchte man am wenigsten hoffen - als Sprachkritik? Gewiss, hier wird in Formeln gesprochen, hier wird Sprache als reines Verständigungsinstrument gebraucht. Aber erstmal: So what? Kritik wäre doch erst möglich, wo man sähe, wie sehr oder wenig diese Sprache mit ihren Versatzstücken dem Zweck, dem sie dient, angemessen ist. Gerade das aber macht Landorf unmöglich, indem er die Besprechungs-"Samples" von vorneherein ohne Kontext in seinen filmischen Abstraktionsraum stellt. Jeder mögliche kritische Impetus fiele so auf sein eigenes Verfahren zurück: Er interessiert sich nicht für Zusammenhang, Soziales, den Gegenstand selbst. Dass auch die Sich-Besprechenden das nicht tun, erhellt daraus, dass er sie und ihr Sprechen frei- und bloßstellt, gerade nicht. "Besprechung" ist der ambitionierte Versuch, die Wirklichkeit in übers rein Dokumentarische hinaus gehenden Verfahren, nämlich per Analyse und Abstraktion, nicht darzustellen, sondern zu untersuchen. Was dabei rausspringt, bleibt sehr die Frage.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Besprechung
Deutschland 2009 - Regie: Stefan Landorf - Darsteller: Anne-Marja Lützkendorf, Kerstin Peupelmann, Matthias Pick, Albrecht Schuch, Juliane Spaniel - Länge: 82 min. - Start: 9.6.2011

 

 

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