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Beginners

 

 

 

Eine Geschichte der Traurigkeit

Die Zeit ist im Fluss. Das Ineinander von Gegenwart und Vergangenheit, von Erinnerungen und augenblickshaften Flashs bildet die Erzählstruktur von Mike Mills‘ neuem Film „Beginners“. In Rückblenden und zeitgeschichtlichen Montagen wechseln in schneller Folge die Zeitebenen, überlagern sich Bilder und Begebenheiten, um von Veränderungen und der Vergänglichkeit des Lebens zu erzählen. Die Bilder werden gleichsam zu Zeugen eines unaufhörlichen Wandels. Ihre Verdopplung durch die einfache sprachliche Benennung bewirkt eine poetische Überhöhung und kündet zugleich von der Relativität des Daseins, seinen Erfahrungen, seiner Identität. Und doch geht es bei allem Wandel auch um einen festen Kern, „die eingepflanzte Persönlichkeit“, wie es einmal heißt. Den unsicheren Wechsel zwischen diesen beiden Polen inszeniert Mike Mills als eine ebenso verspielte wie stimmungsmalerische Geschichte der Traurigkeit, die ihre formale Entsprechung in den Brüchen der Montage findet und damit in einer diskontinuierlichen Erzählweise.
    
Eine schwankende Identität charakterisiert insofern auch den attraktiven 38-jährigen Junggesellen Oliver (Ewan McGregor), einen romantischen Melancholiker, der als Zeichner arbeitet und der sich nach mehreren gescheiterten Beziehungen in seiner Einsamkeit eingerichtet hat. „Du sehnst dich nach einer Beziehung, hältst es aber in keiner aus“, attestiert ihm sein alter Vater Hal (Christopher Plummer). Als dieser infolge einer Krebserkrankung im Jahre 2003 78-jährig stirbt, verstärkt sich Olivers Krise auf mehrfache Weise: Neben dem Schmerz über den Verlust des Vaters erinnert er sich an seine Kindheit Mitte der 1970er Jahre, sein merkwürdiges Verhältnis zur unglücklichen Mutter und die schwierige Ehe der Eltern. Die Gründe dafür findet er nach dem Tod der Mutter im Jahre 1999, als sich sein Vater nach 44 Ehejahren mit seiner versteckt gehaltenen Homosexualität outet und nach diesem Bekenntnis beginnt, mit Lust und Freude ein schwules Leben zu führen.

Gerade dieser Mut zur Neuerfindung, der sich schließlich auch gegen die Krankheit stemmt, kontrastiert Olivers eigenen Stillstand, der nach Hals Tod zusätzlich von Trauer eingehüllt wird. Gespiegelt und verstärkt wird Olivers Einsiedelei von dem kleinen Hund Arthur, den er vom Vater erbt. Erst als er die französische Schauspielerin Anna (Mélanie Laurent) kennenlernt und sich zögerlich in sie verliebt, bricht etwas auf, gewinnt Oliver eine neue Perspektive. Doch Anna hat selbst einige gescheiterte Beziehungen hinter sich und leidet unter einem übermächtigen Vater. Das Auf und Ab dieser labilen Beziehung umgibt Mills‘ schwelgerische Inszenierung mit schwärmerischen Romantizismen und verliebten Verrücktheiten, die bei aller Originalität einer Vertiefung entgegenarbeiten. Auf der narrativen Ebene korreliert das gewissermaßen mit den virtuosen Oberflächenreizen einer Clip-Ästhetik, die die Kontinuität einer dramatischen Erzählung negiert. Vielleicht muss nicht zuletzt deshalb am Ende des Films die Frage nach dem richtigen Zusammenleben offen bleiben.


Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (7/10)

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

Beginners
OT: Beginners
USA 2011 - 104 min.
Regie: Mike Mills - Drehbuch: Mike Mills - Produktion: Miranda de Pencier, Lars Knudsen, Leslie Urdang, Jay Van Hoy, Dean Vanech - Kamera: Kasper Tuxen - Schnitt: Olivier Bugge Coutté - Musik: Roger Neill, Dave Palmer, Brian Reitzell - Verleih: Universal - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Ewan McGregor, Christopher Plummer, Mélanie Laurent, Goran Visnjic, Bill Oberst Jr., Mary Page Keller, Jessica Elder, China Shavers
Kinostart (D): 09.06.2011

 

 

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