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Barneys Version

 

 

 

 

 

Süßes und Saures

Opulent lebensgeschichtlich rückt Richard J. Lewis' "Barneys Version" nach einem Roman Mordecai Richlers einem frauenverschleißenden TV-Produzenten zu Leib - und mit Paul Giamatti und Dustin Hoffman ist der Film auf jeden Fall prächtig besetzt.

Mitten im schönsten Hochzeitsfeiergeschehen, während sein Vater, der Cop, die Frau des Rabbis im trunkenen Zustand mit einer Erektion (wenn auch nur einer erzählten) schockiert, erstarrt Barney Panofsky: Er erblickt die Frau seines Lebens. Wie schön: Die Hochzeit, in der wir uns in dieser Szene befinden, ist die seine. Wie, ganz im Gegenteil, unschön: Die Frau, die er, vom coup de foudre getroffen, erst anstarrt, dann anmacht, dann bis in den Bahnhof und in den Zug und späterhin mit roten Rosen verfolgt, ist es nicht. Sie soll es, sie wird es werden, dazwischen aber liegt Ehe Nummer zwei als Tortur. Minnie Driver spielt die verwöhnte Prinzessin aus bestem jüdischem Haus, in das Barneys Vater, der Cop, als ungehobelter Mann von der Straße beim ersten und mutmaßlich letzten gemeinsamen Dinner einfällt mit bestem Willen und dann doch wie ein Vandale ins römische Reich. Dustin Hoffman spielt das, wie zu erwarten, mit Gusto. Um einiges später stirbt er im Puff. Ehefrau Nummer zwei bekommt im Film wie im Buch schon erst gar keinen Namen. Kein Wunder, denn beide, das Buch wie der Film, sind aus der Perspektive Barneys erzählt. (Im Buch, das ich nur aus Rezensionen kenne, kommt aber ein entscheidender Clou dazu: Barneys Erzählen und Erinnern zerfällt selbst aufgrund seiner Alzheimer-Erkrankung. Einen solchen sogar für sich selbst unzuverlässigen Erzähler versucht der Film - leider - gar nicht erst zu reproduzieren.)

Es fällt wirklich schwer, ihn zu mögen. Und noch schwerer fällt's, zu begreifen, was summa summarum gleich drei Ehefrauen an diesem rundlichen, rücksichtslosen, trunksüchtigen Mann finden, den Paul Giamatti, der mit schlubs wie diesem in seinem Element ist, hinreißend spielt. Wirklich erklärt wird diese Attraktion nicht. Wir sehen eher, wie er sich's im Lauf seines Lebens mit fast allen und jedem verdirbt. Zurück geht der Film als Erinnerung des älteren und noch dazu alzheimererkrankenden Manns ins Rom der sechziger Jahre, das das Paris der Fünfziger aus dem Roman vertritt. Da war noch Rom, da war Jugend, da war Ehefrau Nummer eins, die ihn mit Lügen und anderen Männern betrog, außerdem Malerin bestenfalls mediokrer Gemälde. Sie endet durch Selbstmord.

Mancher Blütentraum reift keineswegs, Freund Boogie mit seinen Schriftsteller-Ambitionen wird nicht berühmt und dann stirbt er und ausgerechnet Barney wird verdächtigt, ihn erschossen zu haben. (Er hat ihn in flagranti mit Ehefrau Nummer zwei erwischt, ein Schuss löst sich, die Leiche taucht erst viel später auf. Das Ganze gibt dem Film einen ganz schön überflüssigen Kriminalroman-Rahmen.) Barney wird Filmproduzent. Der Name der Firma "Totally Unnecessary Films" ist Nomen und Omen und Barney hat mit TV-Produktionen minderer Güte Erfolg. Ein netter Zug ist es, einmal beim Soap-Dreh keinen Geringeren als den kanadischen Regisseur David Cronenberg im Regiestuhl sitzen zu sehen. Es treten in Cameos auch Atom Egoyan und Denys Arcand auf. Andere Zeichen werden gleichfalls gestreut: Rosamund Pike, die das Coup-de-foudre-Objekt und, später unter grotesken Umständen erweicht, Ehefrau Nummer drei spielt, liest zum Beispiel im Zug den Richler und seinen Büchern wesensverwandten Saul-Bellow-Klassiker "Herzog".

"Barneys Version" ist ein komischer Film, immer wieder, durchaus. Sein Held bekommt Süßes und Saures. Nachgezeichnet wird das Auf und Ab einer sehr männlichen Selbstmitleids- und Begehrens-Lebensgeschichte; das alles aus der Perspektive des Manns selbst, die der Film, anders als die sich als autobiografischer Text gebende Vorlage, notgedrungen objektiviert. Manche Differenzierung verschwimmt so: Ist nur Barney ein misogyner Narziss oder ist der Film selbst misogyn und affirmiert seinen Narzissmus? Endet der Held als sentimentaler alter Mann mit Alzheimer oder wird "Barneys Version" selbst zum Schluss ganz schön blöd sentimental? Letzteres lässt sich ziemlich sicher bejahen. Wie überhaupt das ganze Projekt von einem süßsauren So-ist-nun-mal-das-Leben-Ton durchsetzt ist, der beim Einen zum dringenden Wunsch nach Alka-Seltzer, beim Anderen zum Ruf nach Filmpreisen und Anverwandtem führt.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

 

Barneys Version
Kanada / Italien 2010 - Regie: Richard J. Lewis - Darsteller: Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike, Minnie Driver, Rachelle Lefevre, Scott Speedman, Bruce Greenwood, Macha Grenon, Jake Hoffman - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 134 min. - Start: 14.7.2011

 

 

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