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Barfuß auf Nacktschnecken

 

 

 


Schöne Ziellosigkeit

Lily (Ludivine Sagnier) ist eine junge Frau mit ziemlich vielen Eigenschaften, Macken und Spleens. Sie lebt in einem abgelegenen Haus inmitten der Natur im direkten Kontakt mit den Elementen: erdverbunden, erfahrungsbezogen, verwurzelt. Sie ist spontan und ungezwungen, wild und hemmungslos, aber auch unberechenbar und chaotisch. Mit ihrer provozierend natürlichen Direktheit verstößt sie gegen Konventionen und spricht dabei überraschend hellsichtig unbequeme Wahrheiten aus; mit ihrer kindlichen Spiellust und naiven Versponnenheit gestaltet sie phantasievolle Welten und magische Objekt aus toten Tieren, Puppen und Gebrauchsgegenständen: ein bizarres Reich zwischen Leben und Tod, Kunst und Kitsch (entstanden unter Mitarbeit der französischen Künstlerin Valérie Delis). Genauso seltsam und verstörend ist Lilys ungreifbares, widersprüchliches Wesen. Mal gibt sie sich liebeshungrig, dann wieder abweisend. Lily ist eine psychische Grenzgängerin auf der Suche nach Freiheit. Im Geiste Pippi Langstrumpfs bewegt sie sich auf der Borderline zwischen Normalität und Wahnsinn.

Dagegen ist ihre Schwester Clara (Diane Kruger) geradezu „eigenschaftslos“ und ein bisschen gewöhnlich. Als Mitarbeiterin in der Anwaltskanzlei ihres Mannes Pierre (Denis Ménochet) lebt sie gutsituiert und sorglos ein relativ normales Leben in der Großstadt. Das ändert sich, als plötzlich die Mutter der beiden Schwestern stirbt und sich die verantwortungsbewusste Clara um die psychisch labile Lily kümmern muss, was einen Prozess beiderseitiger Annäherung in Gang setzt und damit auch eine Auseinandersetzung mit der verdrängten Familiengeschichte: der unglücklichen Ehe der Eltern und den Erwartungen des Vaters, der Selbstmord verübte.

Trotz dieser angedeuteten biographischen Problematisierung besitzt Fabienne Berthauds Film „Barfuß auf Nacktschnecken“ („Pieds nus sur les limaces“) zunächst und über weite Strecken eine schöne Ziellosigkeit, die noch unterstützt wird durch einen weitschweifig mäandernden Erzählstil. Inspiriert von den improvisierten Filmen John Cassavetes‘, arbeitet Fabienne Berthaud spontan und intuitiv, wobei ihre oft unruhigen, angeschnittenen und sehr körperlichen Bilder immer wieder den Informationsfluss verzögern und ins Unbestimmte führen; womit sie auch auf das Ungreifbare der Protagonistin reagieren.

Auch wenn die Regisseurin den Umgang mit Lilys Abweichung zunächst erfreulich offen lässt und den thematisch üblichen Therapie- und Hospitalisierungsmaßnahmen entzieht, läuft ihre Geschichte schließlich doch darauf zu, in der Umkehrung dieses Klischees von einer Heilung beziehungsweise Befreiung zu erzählen. Mit emanzipatorischem Furor löst die vermeintlich Kranke also die „in eine Form gepresste“ Gesunde aus ihren Zwängen. Zwar überzeugt die utopische Perspektive dieser Verwandlung nicht ganz; dennoch leuchtet Berthauds Film als Feier des Lebens im Hier und Jetzt.

Wolfgang Nierlin

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 


Barfuß auf Nacktschnecken
OT: Pieds nus sur les limaces
Frankreich 2010 - 103 min.
Regie: Fabienne Berthaud - Drehbuch: Pascal Arnold, Fabienne Berthaud - Produktion: Bertrand Faivre - Kamera: Fabienne Berthaud, Nathalie Durand - Schnitt: Pierre Haberer - Musik: Michael Stevens - Verleih: Alamode - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Diane Kruger, Ludivine Sagnier, Denis Ménochet, Brigitte Catillon, Jacques Spiesser, Jean-Pierre Martins, Anne Benoît
Kinostart (D): 05.05.2011

 

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