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Barbershop: The Next Cut

 

 

Endlich geküsst

Von unbedingtem Sendungsbewußtsein geprägt ist Malcolm D. Lees schöner Ensemblefilm "Barbershop: The Next Cut".

"Chicago, let's do this!" - Chicago ist die Stadt, damit beginnt der Film, die die Hochhäuser erfunden hat, die Stadt von Motown, Kanye West und Oprah, nicht zuletzt auch die Stadt, in der Barack Obamas politische Karriere begann. Leider muss die Eingangsmontagesequenz noch ein paar andere Bilder und Töne anhängen: Blaulicht, Schüsse, polizeiliche Zugriffe (und die zugehörigen Satellitenaufsichten), martialisch posierende harte Jungs. Chicago ist außerdem die Mordhauptstadt der USA. Zwischen beidem, zwischen der aufregenden Tradition amerikanischer, vor allem schwarzer amerikanischer, urbaner Populärkultur und der Alltagsgewalt, die ganze Stadtviertel in Kriegsgebiete zu verwandeln droht, platziert die Montagesequenz, platziert der Film: einen Friseursalon.

"Barbershop: The Next Cut" ist bereits die zweite kinematographische Reaktion auf die weiterhin nicht eindämmbare Gangkriminalität in der drittgrößten US-Stadt. Letztes Jahr widmete Spike Lee der Entwicklung einen seiner wütendsten, energetischsten Filme: In dem lose auf Aristophanes' "Lysistrata" basierenden Hip-Hop-Musical "Chi-raq" beschließen die Frauen der windy city, dass sie genug Tränen um ihre Männer, Söhne und Väter vergossen haben; und starten lieber einen Sex-Streik, der nicht nur die Libido der Gangmitglieder unter Stress setzt, sondern bald die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft erschüttert.

In "Barbershop: The Next Cut" ist die Intervention weniger fundamental, zumindest auf den ersten Blick. Calvin Palmer, Jr. (Ice Cube), der Besitzer eines Friseursalons mitten im Gefahrengebiet, bietet den Gangs einen Deal an: Wenn Ihr Euch auf eine Waffenruhe einigt, schneiden wir Euch - und allen anderen - in den nächsten 18 Stunden umsonst die Haare, für einen Zeitraum von 24 Stunden. Marxisten könnten das so lesen, dass da für einmal der Hauptwiderspruch korrekt identifiziert wurde; dem Film geht es freilich nicht um einen Eingriff in die Produktionsverhältnisse, sondern um community building. In dieser Hinsicht ist "Barbershop: The Next Cut" nicht nur die bereits zweite Fortsetzung des ähnlich gelagerten ersten "Barbershop"-Films von 2002, sondern Teil einer Genretradition, die sich mindestens bis "Car Wash" zurückverfolgen lässt. Wie die Autowaschanlage im black-cinema-Klassiker von 1976 ist der Friseursalon auch im kapitalistischen Normalbetrieb nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen, sondern gleichzeitig ein zentraler, inklusiver Treffpunkt der Nachbarschaft. Genauer: Eine Bühne, auf der die Nachbarschaft sich selbst aufführt. Tatsächlich spielt der Film, der nicht nur in dieser Hinsicht wie eine überlange Sitcom-Episode wirkt, fast durchweg in einem einzigen Raum.

So geht es im neuen Film zwar gelegentlich auch darum, die Familiengeschichte der Palmers fortzuschreiben; deutlich mehr Raum nehmen allerdings die vielen kleinen Nebenerzählungen ein, die die Mitarbeiter und Kunden des Salons zu einem sozialen Mikrokosmos verknüpfen. Wobei der Film da gelegentlich an eine innere Grenze stößt, die mit seinem unbedingten Sendungsbewußtsein zu tun hat: In "Car Wash" oder auch noch im ersten "Barbershop" ging es primär um eine phänomenologische Erschließung von Alltag, aus der sich erst in einem zweiten, halbwegs organisch vermittelten Schritt die sozioökonomische Analyse ergab. "Barbershop: The Next Cut" funktioniert umgekehrt, geht aus von politischen Diagnosen und konstruiert um diese herum eine Welt.

Diese Welt emanzipiert sich allerdings durchaus hinreichend von den ihr zugrunde liegenden Thesen. Dass Malcolm D. Lee, der seit 1999 ein kleines, interessantes Werk in der profitablen black-cinema-Nische Hollywoods geschaffen hat, seine Antwort auf die fortgesetzte Tragödie der Southside (denn tatsächlich geht es nicht um die ganze Stadt; für die Bewohner der wohlhabenden Gegenden im Norden bleibt das Problem auf der Ebene von Stastiken und Zeitungsmeldungen) ein paar Nummern kleiner, partikularer anlegt als Spike Lee das tut, erkennt man bereits daran, dass das umfangreiche Figurenensemble abgesehen von einem indischstämmigen Friseur ausschließlich aus Schwarzen besteht.

Hauptdarsteller und Produzent Ice Cube hat seine rabiaten gangsta-rap-Tage längst hinter sich gelassen; in "Barbershop: The Next Cut" ist er in erster Linie der ruhende Pol, um den herum sich seine teilweise wunderbar exaltiert agierenden Coakteure austoben können. Der Film profitiert dabei von einem angenehm verschleppten Rhythmus, der wenig mit Erzählökonomie, viel mehr mit demokratischer Großzügigkeit zu tun hat: Jeder bekommt mindestens einen großen Auftritt, in jedem schlummern Talente, die zum Ausdruck drängen. Der Rapper Common etwa mag in seinen romantischen Szenen etwas ungelenk wirken, aber dafür legt er gegen Ende einen großartigen Breakdance-Auftritt hin. Ganz bei sich selbst ist der Film in den Szenen mit den Comedy-Profis Cedric the Entertainer und vor allem J.B. Smoove, die das Bühnenhafte der Anordnung voll auskosten.

Als kluger Schachzug erweist sich jedoch vor allem, dass der seinen Laden vorher als reinen Männersalon betreibende Palmer eine Geschäftsparterin und damit auch weibliche Kundinnen und Angestellte an Bord geholt hat - insbesondere Nicki Minaj als Stylistin Draya erweist sich als fulminanter Neuzugang: ein ständig brodelnder Vulkan, der das libidinöse Gleichgewicht im Salon nachhaltig erschüttert, eine lebende sexy Comicfigur, die nicht davor zurückschreckt, den amerikanischen Präsidenten mit einer engen Hose in den amerikanischen Nationalfarben aus der Fassung zu bringen. Indem die Frauen die Bühne betreten, eröffnen sie eine neue Front: Ist an sozialen Frieden überhaupt zu denken, solange das Geschlechterverhältnis fast nur über Kriegsmetaphern zu fassen ist? Darin trifft sich "Barbershop: The Next Cut" doch wieder mit "Chi-Raq" - wobei Malcolm D. Lees Film gleich doppelt optimistischer ist: Auch die härtesten Jungs werden weich, wenn man ihnen lange genug die Kopfhaut massiert. Und wenn am Ende des Films der vorher dauergedemütigte Nerd Jerrod endlich geküsst wird, deutet sich eine naheliegende Schlussfolgerung nicht nur für das schwarze Amerika an: Neue Männer braucht das Land.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 

 

 
Barbershop: The Next Cut
USA 2016 - 111 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart(D): 11.08.2016 - Regie: Malcolm D. Lee - Drehbuch: Kenya Barris, Tracy Oliver - Produktion: Ice Cube, Robert Teitel, George Tillman Jr. - Kamera: Greg Gardiner - Schnitt: Paul Millspaugh - Musik: Stanley Clarke - Darsteller: Ice Cube, Cedric the Entertainer, Regina Hall, Sean Patrick Thomas, Eve, Anthony Anderson - Verleih: Warner Bros. GmbH
 

 

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