zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Barbara

 

 

 

 

Kein schöner Landschaft


Die Verwandlung der DDR in eine Christian-Petzold-Landschaft: Der Film "Barbara" mit Nina Hoss ist ein reflektiertes Melodram, das Liebe nicht gegen Politik ausspielt

Ratatouille heißt das Zauberwort. Andre sagt es gegen Ende des Films zu Barbara, als er sie zum Essen zu sich einlädt, er sagt auch noch was von Auberginen, mit denen er Ratatouille machen will. Und der Zuschauer fragt sich umgehend, ob es das gegeben hat in der DDR 1980, Ratatouille und Auberginen. Das ist eine Stelle in Christian Petzolds Film "Barbara", von der aus man den gesamten Film verstehen kann. Einen Film, dessen historischer Rahmen den auf Zeitgeschichtsidentifizierung abonnierten Zuschauer an dieser Stelle fragen lässt, ob das stimmt, ob es das gab, dieses bunte Gemüsefremdwort in der DDR, die solange her ist, dass man nicht mehr weiß, ob die Vorstellung von Grauheit sich eigenen Erinnerungen verdankt oder all den Schwarzweißbildern, die man seither gesehen und von denen man gelesen hat. Die Filmkritik, die es gut meint mit Petzold und deshalb von Zeitgeschichtsidentifizierung nichts wissen will, geht darüber großzügig hinweg, und die Filmkritik, die es auch gut meint mit Petzold, aber streng ist bei der Zeitgeschichtsidentifizierung, lacht kurz und weiß es besser.

Womöglich gibt es aber noch einen dritten Weg, sich zu dieser Ratatouille zu verhalten. Nämlich sie für einen „Fehler“ zu nehmen, der bewusst gemacht wird, weil er all‘ die ganzen Gab-es-das-Fragen aufwirft. Und wenn man diesen Gab-es-das-Fragen folgt, etwa bis in Jutta Voigts Standardwerk Der Geschmack des Ostens von 2005, in dem von einem bürgerlichen Lebensentwurf die Rede ist, der auf Distinktion und Weltbezug auch am Essenstisch gesetzt hat, dann findet man zwar das Wort Ratatouille nicht, aber genügend andere Bezeichnungen, die man mit der erinnerten DDR jenseits des notorischen Ragout fin nicht verbinden würde. Und dann könnte man diesen Andre aus dem Film, der in der sich selbstversorgenden Provinz, in der er lebt, den Mangel mit Fantasie bekämpft – in der Klinik hat er sich ein Laboratorium eingerichtet, um Medikamente herzustellen, die er nicht bekommt –, dann könnte man diesen Andre und seine Ratatouille für möglich halten.

Das wäre eine Geschichte, die einem der Film erzählt hätte, nicht eine, die im Besteckkasten der Zeitgeschichtsidentifizierung rumliegt und gegen das Licht der Projektion auf der Leinwand gehalten werden soll. Und spätestens hier würde man merken, dass es einen Punkt gibt, an dem es unerquicklich wird, als Detektiv ins Kino zu rennen und Gab-es-dies-gab-es-jenes-Memory zu spielen. Das ist die Botschaft der Ratatouille.

Und der Witz oder vielmehr die Qualität von Barbara besteht darin, dass einem der Christian-Petzold-Film nicht hilft, die DDR zu verstehen, sondern dass die DDR einem hilft, Christian-Petzold-Filme zu verstehen. Die DDR 1980, irgendein Provinzkrankenhaus, an das Barbara versetzt wird, weil sie sich durch einen Ausreiseantrag offen zu ihrer Dissidenz bekennt – das ist hier nur Material, ein Regelsystem, das den Raum definiert, in dem die Figuren sich bewegen können. Dem Geschichtsbuch muss der Film nichts beweisen.

Nina Hoss als Barbara bewegt sich sehr schweigsam, sehr vorsichtig durch diesen Film, sie wirkt distanziert, „separiert“, sagt der von Ronald Zehrfeld gespielte Andre ihr zu Beginn; ein Wort, das für einen lebenden Menschen etwas technisch klingt und Barbara gleich noch etwas weiter zurückzucken lässt, das aber zu Petzolds kühler Erzählweise passt. Nina Hoss hat schon in mehreren Filmen von Christian Petzold mitgespielt ("Toter Mann", "Wolfsburg", "Yella", "Jerichow"); in "Barbara" versteht man ihre Einsamkeit am besten. Barbara verhält sich misstrauisch, weil ihre Umgebung sie überwacht (Rainer Bock als Stasi-Mann) und durchsucht; vor der muss sie ihre Gedanken und Fluchtpläne zum Geliebten im Westen (Mark Waschke) verstecken. Außerdem ist Barbara, wie sie sich in der Kantine an einen eigenen Tisch zum Essen setzt, stolz, hält sich für was Besseres: eine bürgerliche Frau aus dem großen Berlin.

Die Provinz erinnert an die Provinzen aus anderen Petzold-Filmen, in denen auch der Wind weht (Ton: Andreas Mücke-Niesytka) und die eigentlich märchenhaft sind. "Barbara" ist auch deshalb kein Film über die DDR, weil die DDR hier aussieht wie eine Christian-Petzold-Landschaft: weites Grün, karge Besiedlung und hinter dem tiefen Wald liegt das Meer. Diesen Naturraum kulturalisiert Petzold durch seine klugen, manchmal fast zu klugen Exkurse: den präzisen Einsatz einer Radioübertragung von den Olympischen Spielen in Moskau, einen Verweis auf Turgenjews Erzählung Der Kreisarzt, eine unglaublich anregende Interpretation Andres von Rembrandts Bild Die Anatomie des Dr. Tulp, so dass man in der anschließenden Nachfrage Andres an Barbara, ob das nicht zu schlaumeierisch daherkommt, den Regisseur und Drehbuchautor sein Publikum fragen sieht. Aber diese Anekdoten sind eigene Erzählungen, die neue Räume öffnen und sich nicht nur platt auf das wenden lassen, was man sowieso sieht.

Die schönste Referenz liefert der Abspann, zu dem nach einer harten Schwarzblende der schwermütig-hymnische Pop-Song "At last I am free" der Disco-Band Chic ertönt – ein Lied, das sein Ich verstecken muss vor der weißen, heterosexuellen Hörerschaft, eine ursprünglich schwule Form musikalischer Selbstverständigung (Disco) und eine afroamerikanische Geschichte (Freiheit).

"Barbara" ist ein Film, der Beziehung gesellschaftlich denkt. Eine Art reflektiertes Melodram, bei dem die Gefühle aus Angst vor falschen Koalitionen reduziert sind – auch wenn die Nina-Hoss-Figur die Erkenntnis über die Hölle der Hausfrau, die ihr Freund ihr nach der Flucht verspricht bei einer gemeinsamen Nacht im Interhotel, etwas stärker zeigen könnte als in einem Oberlippenbeben, ohne umgehend im Veronica-Ferres-Pathos zu landen. In Petzolds Film wird das private Glück nicht gegen die Zumutungen der Politik ausgespielt, vielmehr steht die Liebe hier in Verbindung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Man könnte auch sagen, "Barbara" ist ein Film, der die Frage nach der Freiheit des Einzelnen in Bezug auf unsere, westliche Gesellschaft verhandelt.

Matthias Dell

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Freitag

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Barbara
Deutschland 2012 - 105 min.
Regie: Christian Petzold - Drehbuch: Christian Petzold - Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber - Kamera: Hans Fromm - Schnitt: Bettina Böhler - Musik: Stefan Will - Verleih: Piffl - FSK: 6 Jahre - Besetzung: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Jasna Fritzi Bauer, Marc Waschke, Rainer Bock
Kinostart (D): 08.03.2012

zur startseite

zum archiv

zu den essays