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Bad Sitter

 

 

Der junge Amerikaner David Gordon Green erweitert sein breit aufgestelltes Formenrepertoire in "Bad Sitter" um eine gentrifizierte Komödie.

Der Regisseur David Gordon Green ist, obwohl er noch keine vierzig Jahre und nicht mehr als sieben Spielfilme (und eine Fernsehserie) im Rücken hat, so breit aufgestellt, dass man nicht umhin kann, sein Schaffen als "Kontinent" oder, da es bei aller Breite im generischen Formenrepertoire doch auch fokussiert ist auf einen bestimmten Ausschnitt der amerikanischen Wirklichkeit, als "Erzähluniversum" zu bezeichnen. Mit dem Kritikerliebling "George Washington", der an der Schwelle zum neuen Jahrtausend eine Art poetisch-oneirischen Realismus zu inaugurieren schien, nahm Greens wechselhafte Karriere ihren Ausgang, gefolgt vom ähnlich gelagerten "All The Real Girls". Beide Filme widmeten sich Angehörigen der Unterschicht bis unteren Mittelschicht, den Nachkommen eines ländlichen Proletariats, dem mit dem Niedergang der Industrie die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen war; es ging um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, noch nicht vollständig absorbiert von der Wirklichkeit, in einem traumverlorenen Zwischenzustand, der am Ende von "All The Real Girls" kollabiert.

Fünf Jahre später dann erfolgt, was wie ein Bruch in Greens Werk anmuten muss. 2008 kam die Stonerkomödie "Pineapple Express" in die Kinos, letztes Jahr die - schon im Titel ebenfalls dem kiffenden Zuschauersegment zugeeignete - High-Fantasy-Persiflage "Your Highness", zwei unterkörperfixierte, überproduzierte Komödien im Einzugsgebiet des Kontinents Judd Apatows sowie dessen Figuren und Darsteller von Seth Rogen bis James Franco. Das fehlende Glied - der späte Green würde den hier sich insinuierenden Kalauer sicher nicht ungenutzt verstreichen lassen - zwischen den beiden, scheinbar inkongruenten Inkarnationen des David Gordon Green findet sich in der HBO-Serie "Eastbound and Down", die Green gemeinsam mit dem kongenialen Jody Hill ("The Fist Foot Way", "Observe and Report") konzipiert und in alternierender Folge realisiert hat.

Den Protagonisten von "Eastbound and Down" spielt Danny McBride, der sein Leinwanddebüt bei Green, in "All the Real Girls", gab. McBride spielt den ausrangierten Ex-Baseballstar Kenny Powers, der in seine Heimatstadt zurückkehrt. Der Clou der Serie ist, dass McBrides Held von gestern stur an seinem verflogenen Ruhm festhält und den völlig unrealistischen Plan eines späten Comeback verfolgt. Dass das schief gehen muss, weiß man sofort: Es ist Kennys Vokuhila, seinem wahnhaften Narzissmus und seiner Liebe zu einem leopardengemusterten Wassermotorrad sofort anzusehen, dass ihm die Bodenhaftung vor langer Zeit abhanden gekommen ist. So oft "Eastbound and Down" komisches Kapital aus dieser durchdringend lächerlichen Figur schlägt, so wenig distanziert die Serie sich von ihr, überlässt sie sich immer wieder Kennys Begehren ­- etwa in stierenden Close-Ups auf den tief ausgeschnittenen Busen seiner Jugendliebe April oder in einer Jet-Ski-Eskapade in Zeitlupe.

Dieser Vorlauf ist nötig, um zu verdeutlichen, warum die gar nicht mal schlechte, aber von aller Green'schen Idiosynkrasie befreite Komödie "Bad Sitter" ein Rückschritt oder jedenfalls eine milde Enttäuschung ist. Jonah Hill ist darin - vielleicht zum letzten Mal in ganzer Leibesfülle, denn er hat seither beträchtlich an Gewicht verloren - als Schulabbrecher Noah zu sehen, der gleich in der ersten Szene als Naturtalent des Cunnilingus vorgestellt wird ("I actually write a short story with my tongue every time I do it"), aber keine Frau findet, die sich für sein Können bei ihm revanchieren würde: Noahs Lebensproblem ist das Fehlen von Wechselseitigkeit. Im Folgenden wird er als Babysitter für Slater (Max Records, zuletzt zu sehen in Spike Jonzes "Where The Wild Thing Are"), dessen Schwester Blithe und beider hispanischen Adoptivbruder Rodrigo eingestellt, aus Not und nur für einen Abend, der freilich rasch eskaliert zur Reise durch die New Yorker Nacht.

Als Noahs unausstehliche Freundin ihm den lange vorenthaltenen Sex doch noch in Aussicht stellt, wenn er sich nur dazu bereit erklären wollte, ihrem Dealer Karl (Sam Rockwell) einen Besuch abzustatten, nimmt das Verhängnis, die Kinder im Schlepptau, seinen Lauf. Zu spät bemerkt Noah, dass Rodrigo ein randvoll mit Kokain gefülltes Fabergé-Dinosaurierei (sic!) aus Karls Kollektion mitgehen hat lassen, was der verbleibenden Stunde von "Bad Sitter" ihr in immer wüstere Situationen entführendes Momentum verleiht.

Das klingt lustiger als es zumeist ist, das tolle, weil ausstattungstechnisch restlos enthemmte Setpiece in der außerweltlichen Residenz des Kingpin einmal ausgenommen, das zugleich einen jener raren Momente einrahmt, in denen der Humor für sich stehen darf und nicht einer moralischen Lektion dienstbar gemacht wird wie fast überall sonst in "Bad Sitter", den - darin ans immer konvervativere Spätwerk John Hughes' erinnernd - an seinen Figuren zuvorderst die pädagogische Funktion, der Lerneffekt interessiert. Und obwohl "Bad Sitter" in seiner dramaturgischen Matritze einer expansiven Bewegung folgt - von der vorstädtischen WASP-Reihenhaussiedlung bis zur schwarzen Poolbar in einer Seitengasse Brooklyns - bleibt seine Welt seltsam eingehegt, stratifiziert: eine gentrifizierte Komödie.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

 

Bad Sitter
USA 2011 - Originaltitel: The Sitter - Regie: David Gordon Green - Darsteller: Jonah Hill, Max Records, Ari Graynor, J.B. Smoove, Sam Rockwell, Landry Bender, Kevin Hernandez, Kylie Bunbury, Erin Daniels - FSK: ab 12 (Video) - Länge: 78 min. - Start: 31.5.2012

 

 

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