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Baby

Uwe Frießner, Jahrgang 1942, hat endlich seinen zweiten Film gedreht. Als er vor viereinhalb Jahren mit »Das Ende des Regenbogens« sein Regiedebüt ablieferte, gab es keinen Zweifel daran, daß der deutsche Film (dem es 1979 noch weitaus besser ging als heute) um ein erstaunliches Talent reicher war: Das Porträt des siebzehnjährigen Strichers und Gelegenheitsdiebes Jimmi überzeugte durch psychologische Authentizität, behutsame Führung der (Laien-)Darsteller und die Manifestation eines sicheren Gespürs für Kinodramaturgie. Daß man auf Frießners neuen Film so lange warten mußte, ist besonders verwunderlich (und ärgerlich), wenn man sich einmal vor Augen hält, wieviele von Frießners weniger begabten Kollegen in der Zwischenzeit gleich drei oder vier mittelmäßige, wenn nicht gar gänzlich überflüssige Filme realisieren konnten.

 

Der Titelheld in »Baby« ist zehn Jahre älter als der Jimmi aus dem »Regenbogen«, und das bedeutet, zehn Jahre reicher an Erfahrung, sich in der Großstadt durchzuschlagen. Über Babys Vergangenheit und seine Familie erfährt man nichts. Indem Frießner Informationen dieser Art bewußt ausklammert, vermeidet er jegliche soziale Determination und hält den Blick offen für eine weder positiv noch negätiv gefärbte Beurteilung der Hauptfigur.

 

Die erste Szene zeigt Baby beim morgendlichen Kraft- und Fitness-Training auf den Feldern vor der Stadt: Kamera und Musik unterstreichen Babys Körperlichkeit und seine übersprudelnde physische Energie, zu denen die den Horizont verdeckenden Wohnsilos einen vage drohenden Kontrapunkt bilden. Wenn man ihn als nächstes masturbierend in der Badewanne sieht, so bestätigt das den Eindruck der vorhergehenden Sequenz: Babys überschüssige Kraft wirft ihn auf sich selbst zurück, er ist ein „loner", nur sich selbst verpflichtet.

 

Und Baby hat Prinzipien: Er trinkt nicht und raucht nicht und schlägt sich auf ehrliche Weise durchs Leben, selbst wenn das bedeutet, sein Geld als Rausschmeißer in einer Diskothek verdienen zu müssen. Hier lernt er Pjotr und René kennen, zwei junge Burschen mit kriminellen Neigungen, deren Sorglosigkeit und Lebenslust dem eher vorsichtigen und ängstlichen Baby imponieren. Einmal leihen sich die Beiden Babvs Auto für einen Bruch aus, ein andermal klauen sie Benzin, während er am Steuer sitzt, und seine schwachen Proteste werden feixend überhört.

 

Babys Prinzipien sind nicht so fest, wie er glaubt, und vor allem ist da noch sein Traum von einem eigenen Bodybuilding-Studio. Als er schuldlos seinen Job verliert, macht ihn das endgültig verführbar: Pjotr und Rene brauchen für den Überfall auf einen Geldboten noch einen dritten Mann, so wie man einen Dritten zum Skat braucht. Baby macht mit. Der Raubzug gelingt, das Trio wird mutiger. Keiner merkt oder will merken, daß der nächste Coup eine Nummer zu groß für sie ist: In einem kurzen Moment der Panik erschießt Baby einen Wachmann. Er verfällt in eine Art Kataplexie, aus der er nur erwacht, um mit Pjotr am Ausbau der Etagenwohnung zu arbeiten, in der er sein Studio einrichten will. René ist zu unvorsichtig beim Geldausgeben und lenkt die Polizei auf seine Fährte. In der letzten Einstellung sieht man Baby und Pjotr in einer Telefonzelle, sie haben soeben von Renés Verhaftung erfahren. Die Kamera entfernt sich immer weiter von der Zelle: Baby hat seine letzten Freiräume verspielt.

 

Wenn ein Regisseur mit seinem Debütfilm künstlerisch reüssiert, so erweist sich für ihn der zweite Film sehr oft als die größere Herausforderung: Der Anfängerbonus entfällt, sowohl Publikum als auch Kritik wollen etwas sehen, das dem früheren Film nicht nur ebenbürtig, sondern möglichst auch noch überlegen ist. Wenn Frießners »Baby« nun keinen ganz so starken Eindruck zu hinterlassen scheint wie »Das Ende des Regenbogens« (richtig abschätzen läßt sich das sowieso nur nach einer gewissen zeitlichen Distanz), so sollten die Stärken des neuen Films darüber jedoch nicht übersehen werden.

 

Denn abgesehen davon, daß »Baby« zu der Sorte Kino gehört, die wir uns für den deutschen Film schon immer sehnlichst wünschen (ich persönlich würde jedenfalls fünf »Zauberberge« gegen ein »Baby« tauschen und jeden Schaubühnen-Profi gegen so authentische Gesichter wie Udo Seidler, Reinhard Seeger und Volkmar Richter, von denen noch keiner vorher vor einer Kamera gestanden hat), abgesehen davon also bestätigt dieser Film die unabdingbare, von tiefer Menschlichkeit geprägte Solidarität des Regisseurs mit seinen Figuren (und deren denkbaren realen Vorbildern), durch die sich bereits »Das Ende des Regenbogens« besonders auszeichnete.Ohne Baby von einer moralischen oder juristischen Schuld freisprechen zu wollen, ergreift Frießner für diesen verlorenen Jungen Partei und widmet ihm und seinen Träumen, Ängsten, Sehnsüchten und Schwächen jede Szene seines Films.

 

Die Einblicke und Einsichten, die Frießner in die Motivation und psychische Konstitution des Raubmörders (!) Baby gestattet, führen zu einem ungleich größeren Grad von Wahrhaftigkeit als alles, was über „solche" Kriminelle Tag für Tag in den Gazetten zu lesen ist.

 

Robert Fischer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 3/1984

 

Baby

Bundesrepublik Deutschland 1984. Regie: Uwe Frießner. Drehbuch: Uwe Frießner. Kamera: Wolfgang Dickmann. Schnitt: Tanja Schmidbauer. Musik: Spliff. Ton: Michael Eiler. Ausstattung: Christoph Kettenring. Kostüme: Antje Krüger. Produktion: Basis-Film/WDR. Gesamtleitung: Clara Burckner. Verleih: Basis-Film. Länge: 114 Min. Erstaufführung: 23.2.1984, Internationales Forum des Jungen Films, Berlin. Kinostart: 24.2.1984. Darsteller: Udo Seidler (Baby), Reinhard Seeger (Pjotr), Volkmar Richter (Rene), Andreas Adam ( 1. Beamter), Klaus Enkow (2. Beamter), Andreas Hanft (Prokurist), Albert Henning (Chef), Jürgen Hügli (Leibwächter), Siegfried Kiehnapfel (Abteilungsleiter), Wolfgang Marczynski (Wolfgang), Christine Wagner (Wolfgangs Freundin), Sylvia Woiciechowski (Bärbel).

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