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Au Revoir Taipeh


Französisch für Fortgeschrittene

Natürlich gibt es für einen Film kaum eine gefälligere Sache, als wenn das Publikum am Ende mit einem breiten Lächeln auf den Lippen den Kinosaal verlässt. Wer kennt nicht den heilsamen Effekt eines stimmigen Happyends und wer schmunzelt nicht gerne über einen gelungenen Komödienfilm, auch wenn es sich dabei um eine romantische Komödie handelt. Obwohl sich bei diesem Schlagwort ein Großteil der Audienz nun mit Grausen an die retortenhaften Hollywooduntaten von Sandra Bullock und Konsorten erinnert fühlen wird, sollte man dennoch nicht ausschließen, dass es auch jenseits dessen, was uns von dieser Seite des Atlantik aufgetischt wird, andere Spielarten gibt, die dem Genre zuträglich sind und ihm auf eigentümliche Weise zum Nutzen gereichen. „Au Revoir Taipeh“ ist genau so ein Film, in dem alles gut geht, man sich am Ende im Kinosessel entspannt zurücklehnt, sich freut, dass die Welt sich auf eine so liebevolle Art zu drehen vermag und bei dem man das Gefühl hat, dass irgendwie alles richtig gemacht wurde. Das Spielfilmdebüt des taiwanischen Regisseurs Arvin Chen folgt zwar fast schulbuchmäßig allen Genrekonventionen von der französischen Liebeskomödie über die amerikanischen Gauner- und Heistfilme der 70er und 80er Jahre, er bearbeitet diese jedoch auf eine sehr originäre und kenntnisreiche Weise und schafft es, das Genre der Romantikkomödie ins Portrait einer Stadt zu transformieren.

Die Geschichte handelt von dem unglücklich verliebten Kai (Jack Yao), dessen Freundin ihn gerade verlassen hat und der er nun in Paris nachspüren will, wofür er nachts in einer 24-Stunden-Buchhandlung fleißig französische Anfängerlektüre liest. Dort lernt er auch die schüchterne Buchhändlerin Susie (Amber Kuo) kennen, die in der Nachtschicht arbeitet und sich zudem sehr an Kais Sprachlernversuchen interessiert zeigt. Leider kommt Kai mit seinen Verdiensten im elterlichen Nudelimbiss nur leidlich über die Runden und um an Geld zu gelangen, wendet er sich an den Ganovenboss "Bruder" Bao (Frankie Gao). Dieser verspricht ihm, die Reise zu finanzieren, wenn Kai als Gegenleistung ein mysteriöses Päckchen nach Paris liefert. Baos Neffe Hong (Lawrence Ko), der die zwielichtige Immobilienfirma des Oberganoven leitet, bekommt Wind von der Sache, wittert einen großen Coup und setzt seine nichtsnutzigen Gehilfen auf Kai an, der zu allem Überfluss auch noch Susie ungewollt in die Sache mit hineinzieht.

 Als sich nun noch ein beziehungsfrustrierter Polizist in die Angelegenheit einmischt, beginnt für beide eine 85minütige turbulente Jagd durch Taipeh, in der sie nicht nur ihren Verfolgern entkommen müssen, sondern vor allem auch sich selber zu finden beginnen. Obwohl dies alles so klingt, als sei es schon mehrfach dagewesen, schafft es Arvin Chen dennoch, dem so oft gesehenen Thema eine visuell ausgeklügelte Nuance zu verleihen. Der Film spielt nämlich fast ausschließlich nachts, wenn Taipeh bereits im Schlaf liegt und irgendwie doch niemals richtig schläft. Er zeigt eine andere Seite der sonst so quirligen Metropole und beweist nicht nur ein sehr feines Fingerspitzengefühl für Dramaturgie und wohldosierten Slapstick, er hat auch ein ausgesprochen gutes Händchen für die Auswahl der Spielorte: belebte Nachtmärkte, eine Buchhandlung, die durchgehend geöffnet hat, eine verlassene Imbissbude, Hinterhöfe, ein Park in dem nachts zur immer wiederkehrenden Themenmusik Synchrontanz geübt wird, oder ein heruntergekommenes Bordell. Die Liebesgeschichte, die hier inszeniert wird, scheint unter diesem Gesichtspunkt vor allem eine Liebeserklärung an die Stadt zu sein, für die Arvin Chen mit seinem 2006 gedrehten Kurzfilm „Mei“, der auf der 57. Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, bereits das Präludium komponiert hatte.

Um seine Figuren kümmert sich Chen zudem auf sehr liebevolle Weise. Dies wird vor allem in einem unausgesprochenen Verhältnis deutlich, in dem sie zueinander stehen. Alle Protagonisten teilen nämlich dieselbe Leidenschaft für die in Taiwan sehr beliebten Fernsehdramen, in denen es, wie im "echten Leben", vor allem um Verbrechen, Liebe und Leidenschaft geht. Mit diesem immer wiederkehrenden Motiv verweist Chen zum Einen auf eine gewisse visuelle Schlichtheit in der Komposition seines Films. Die Kamera spielt dabei eine ebenso einfache Rolle, wie die Schauspieler. Eben dieser Sinn für die Reduktion des Komplexen ist es aber, die dem Film letztlich so gut zu Gesicht steht. Er ist clownesk und trotzdem nicht fahrig, romantisch aber nicht verkitscht, komisch aber nicht kalauerhaft. Zum Anderen kommt eine angenehme Selbstironie in die Geschichte, die sich sehr schön auf die gesamte Grundstimmung von „Au Revoir Taipeh“ ausweitet.

Unterstützung für sein Projekt fand Arvin Chen bei einem Altmeister des Neuen Deutschen Films. Wim Wenders, der für „Au Revoir Taipeh“ der ausführende Produzent war, hat auf die Entwicklung des Konzepts behutsamen Einfluss ausgeübt. Zu keiner Zeit drängt sich aber so etwas wie die wenderssche Handschrift auf. Im Gegenteil schafft es Arvin Chen mit „Au Revoir Taipeh“ eine lockere Komödie zu inszenieren, in deren Subtext stets der Versuch einer eigenen, außergewöhnlichen Perspektive auf die Stadt Taipeh mitschwingt.


Florian Reinacher

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 


Au Revoir Taipeh
OT: Yi yè Tài bei
Taiwan/Deutschland/USA 2009 - 85 min.
Regie: Arvin Chen - Drehbuch: Arvin Chen - Produktion: InAh Lee, Wei-Jan Liu - Kamera: Michael Fimognari - Schnitt: Justin Guerrieri - Musik: Hsu Wen - Verleih: Arsenal - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: Jack Yao, Amber Kuo, Joseph Chang, Lawrence Ko, Frankie Gao, Peggy Tseng, Tony Yang, Paul Chiang, Vera Yen, Jack Kao, Rui Qi Liu, Jonah Tseng
Kinostart (D): 25.11.2010

 

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