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Auge um Auge

 


Scott Coopers Soziopathenfilm "Auge um Auge" bietet zutiefst traurigen Männerstoff.

Vorspiel im Autokino: Auf der Leinwand die stählern monochromen U-Bahnbilder aus der Clive-Barker-Verfilmung "Midnight Meat Train", davor wie hypnotisiert in sich ruhend die Autos. Ein wuchtiges, in grobes Korn und diesig schimmernde Farben getauchtes Bild, das gleich zu Beginn die Parameter für den folgenden Film setzt: Von Anfang an sitzen wir hier im Kino, noch dazu im Autokino, dem symbolträchtigsten Ort für die kunstfernsten Vergnügen der Kinematografie, noch dazu in einem Horrorfilm. Dessen blutige Brutalität wird vom Geschehen vor der Leinwand sogleich noch übertrumpft: In einem Wagen sitzt Harlan DeGroat (Woody Harrelson), Soziopath von Gottes Gnaden und wahrhaftig stiernackige Verkörperung des dumpf um sich beißenden und schlagenden Bösen hienieden, den eine Petitesse derart in Rage bringt, dass er bald den Platz räumt, nicht ohne eindrucksvoll viehisch einen anderen Mann zu Fall gebracht zu haben. In seiner Lust an "Americana" und den angenehm ungebrochenen Texturen amerikanischer Hinterwäldler-Ästhetik beschwört "Auge um Auge" gleich in seinen ersten, dräuenden Bildern den Geist früherer, sehr roher Filmentwürfe des amerikanischen Kinos - vom White-Trash-Drama bis zum B-Picture der 70er Jahre.

Die Geschichte ist so souverän wie effektiv aus Versatzstücken der amerikanischen Provinzpoesie montiert: Es geht um illegale Fights in alten Fabrikhallen, um White-Trash-Drogenexzesse in Bruchbuden, um die Hinterzimmer wenig ansprechender Kneipen, in denen pomadige Typen wie John Petty (Willem Dafoe) die richtig schmierigen Geschäfte ablaufen lassen, um die verfallende Industrie, die zu besseren Zeiten ganze Landstriche und Familien in Lohn und Brot gehalten hat, um den Schmerz verlorener Liebe und schließlich um zwei Brüder, von denen der eine ein im Leben hoffnungslos gestrandeter, sich an die Gewalt verschwendender Kriegsveteran (Casey Affleck), der andere ein wegen Alkoholmissbrauchs mit Todesfolge verurteilter Ex-Knacki (Christian Bale) ist. Es geht um Schulden, Schuld und Sühne - schließlich auch um Rache, die in God's Own Country noch immer mit dem Gewehr verübt wird, um den Willen, einen Knast nie wieder von innen zu sehen, auch wenn es schließlich unausweichlich scheint. Existenzialistischer Pulp ganz ohne Augenzwinkern, von Regisseur Scott Cooper und Kameramann Masanobu Takayanagi in eine herbstlich kahle Farbpalette getaucht und mit viel Liebe für Rost in Szene gesetzt.

Ein Männerstoff mit großartig spielenden Männern in den Hauptrollen. Doch ein klein wenig wie früher bei Peckinpah wird das Männertum auch hier nicht in den Rang universeller Qualitäten erhoben - vielmehr wird kenntlich, welchen Strukturen und Mechanismen der Gewalt Männer sich - vielleicht sogar lustvoll - fügen, in was für eine Maschinerie sie sich zuweilen verstricken. Scott Cooper nimmt das alles durchaus ernst - sogar die poetischen Qualitäten - ohne sich allerdings zum einen bemüht und vorgekehrt davon zu distanzieren oder es zum anderen zu verherrlichen. Im Kern ist "Auge um Auge" ein zutiefst trauriger - wenn darin auch süßer - Film.

Gewiss ist da auch viel Qualitätshandwerk im Spiel. Mit Bedacht ist Cooper darauf aus, seine Erzählwelt bis ins Detail stimmig zu gestalten und den Interessen seines Publikums anzudienen: Wohin das Auge schaut - nichts als ausgesucht geschmackvolle Tristesse. Dennoch: Mit was für einer Liebe Cooper an seinen Stoff geht, was er aus seinem toll zusammengestellten Cast herausholt, mit welcher Konsequenz er seinen erwachsenen, unbedingt ernsthaften Slowburn-Hinterlands-Thriller minutiös aufbaut, um am Ende das Böse selbst auf denkbar böse Weise auf Kimme und Korn zu nehmen, das ringt einem schon deutlich mehr ab als nur Respekt.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

 

 

Auge um Auge
(Out of the Furnace) - USA 2013 - 116 Minuten - Kinostart(D): 03.04.2014 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Scott Cooper - Drehbuch: Brad Ingelsby, Scott Cooper - Produktion: Michael Costigan, Leonardo DiCaprio, Ryan Kavanaugh, Jennifer Davisson Killoran, Ridley Scott, Tony Scott - Kamera: Masanobu Takayanagi - Schnitt: David Rosenbloom - Musik: Dickon Hinchliffe - Darsteller: Christian Bale, Zoë Saldana, Woody Harrelson, Casey Affleck, Forest Whitaker, Willem Dafoe, Sam Shepard, Boyd Holbrook, Dendrie Taylor, Tom Bower, Mark Kubr, Jack Erdie, Tommy Lafitte, Gordon Michaels, Aaron Toney - Verleih: Tobis Film

 

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