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Auf Teufel komm raus

 

 

 

Risikominimierung in Volkes Hand

Dass jede Medaille zwei Seiten hat, ist eine Binsenweisheit. Und dass Dokumentarfilme sich bemühen, gegensätzliche Standpunkte nachvollziehbar zu machen, indem sie unterschiedliche Perspektiven auf Konflikte einnehmen, ist auch nichts Neues. Aber was „Auf Teufel komm raus“ aus konkurrierenden Blickwinkeln über ein Dilemma erzählt, sollte beachtet werden, denn die aufgeworfenen (und leider nicht beantworteten) Fragen zum Umgang mit Sexualstraftätern, die ihre Strafe bereits verbüßt haben und wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden sollen, werden gewiss nicht an Brisanz verlieren, bedenkt man das kürzlich gefällte Urteil über die Verfassungswidrigkeit der Sicherungsverwahrung. Auswege kann der Film unter den gegebenen Bedingungen nicht zeigen. Aber er macht sehr deutlich, wie viel schief läuft. Er erzählt von einer Resozialisierung, die überhaupt nicht stattfindet.

Vor dem Haus von Helmut D. stehen seit fast einem Jahr täglich die Demonstranten. „Schick uns deinen Bruder raus, Feigling!“ rufen sie. Der Bruder, Klaus D., hat zwei langjährige Haftstrafen wegen Vergewaltigung verbüßt und wurde nach seiner Entlassung von Helmut und dessen Familie aufgenommen, denn irgendwo musste er ja hin. Die Einwohner der Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen sind aber alles andere als gewillt, einen möglichen Rückfalltäter in ihrer Mitte zu dulden und fordern, so sagen sie, eine nachträgliche Sicherungsverwahrung. „Raus, raus, raus aus dem Haus!“ rufen sie. Aber was soll dann eigentlich passieren? „Wenn keine Polizei da wäre, wären wir schon längst drinnen.“

Hinter den Jalousien des rund um die Uhr von der Polizei be- und überwachten Hauses steht Helmut D. und fotografiert die Protestierer, um eventuelle Rechtsbrüche zu dokumentieren. Von den grausamen Taten, für die sein Bruder verurteilt wurde, von Vergewaltigungen und Genitalverstümmelungen, die nicht zu fassen sind, redet er voller Abscheu. In so einen Täter könne man sich gar nicht rein versetzen, so einer gehöre, das findet selbst er, „weggesperrt“. Aber sein Bruder könne es auf keinen Fall gewesen sein, zumal er stets seine Unschuld hinsichtlich der zweiten Anklage beteuerte. Helmuts Parteinahme bringt nicht nur die Demonstranten gegen ihn auf, sondern hat weitere schwerwiegende Folgen: Das Jugendamt lässt untersuchen, ob Helmuts Sohn Kevin unter diesen Umständen weiter mit der Familie leben kann. Die Polizei habe einmal bereits versucht, den Jungen mitzunehmen, ohne rechtliche Handhabe, erzählt Helmut D.

Karl D. selbst äußert sich verharmlosend zu seinen Straftaten und macht Äußerungen, die kaum zu ertragen sind, etwa wenn er betont, eine von ihm vergewaltigte Frau habe keinen Psychologen gebraucht. Nicht minder erschreckend ist allerdings, was sich in den Köpfen einiger der ordentlich angemeldeten Demonstranten abzuspielen scheint: „Wenn ich den einfach wegsperre, dann kostet der 11 Euro am Tag, wenn wir uns irren als Staat. Und jetzt kostet der ’ne Menge mehr.“ Wenn Unrechtsprechung billiger ist als Rechtsprechung, scheint die Versuchung groß.

Doch die Demonstranten lassen sich – ein bisschen Hoffnung tut durchaus gut – nicht alle über einen Kamm scheren. Eine Gruppe von Frauen will das Gespräch mit Helmut D. suchen, zunächst zwar nur, um zu ergründen, wie er den Bruder bei sich aufnehmen konnte, doch immerhin gibt es den Versuch einer Kontaktaufnahme als Alternative zu den vorherrschenden Gerüchten und Spekulationen. Die Initiative spaltet die Demonstranten und sorgt für Anfeindungen. Erneut zeigt sich, wie die Linie gezogen wird: Wer den Straftäter nicht eindeutig „weg“ haben will – wohin nochmal? –, wird zum Feind und bekommt nächtliche Drohanrufe oder ebenfalls das Sozialamt auf den Hals gehetzt wegen der Kinder. Da wirkt es durchaus ein wenig inkonsequent, wenn die Demonstranten mit windelweichen Worten den Schulterschluss mit Neonazis verweigern, die sich als Unterstützer anbieten.

„Auf Teufel komm raus“ hat einige Mängel, mit denen man sich aber arrangieren sollte. Insbesondere leiden die Gespräche der kleinen Gruppe von Demonstrantinnen mit Klaus und Helmut D. unter der Anwesenheit der Kamera. So manches tollkühne Wort wäre in wirklich privatem Rahmen vielleicht nicht gefallen, denn bei allen Beteiligten ist ein gerüttelt Maß an Selbstdarstellung im Spiel. Zwischen den Frauen entwickelt sich einmal eine regelrechte Mutprobe, sich den Demonstranten vorm Haus zu zeigen, im Wissen, dass ihr Gespräch mit dem Gegner als Verrat angesehen wird. Immerhin aber schließt der Film kritische Äußerungen über die Art und Weise dieser Zusammentreffen mit ein.

In manchen Szenen wäre mehr Beharrlichkeit der sich sehr zurücknehmenden Filmemacherinnen wünschenswert gewesen, damit verschiedene Vorwürfe und Spekulationen nicht unbelegt stehen bleiben. Trotzdem ist „Auf Teufel komm raus“ unbedingt sehenswert. Weil der Film zeigt, wie schwierig und weit der Weg zu einem angemessenen Umgang mit entlassenen Sexualstraftätern noch ist. Und es stellt sich die Frage, ob es überhaupt vorangeht, wenn auch 80 Jahre nach Fritz Langs „M“ nach Mord und Totschlag gerufen wird, verklausuliert oder ganz offen.

Louis Vazquez

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de  


Auf Teufel komm raus
Deutschland 2010 - 82 min.
Regie: Mareille Klein, Julie Kreuzer - Drehbuch: Mareille Klein, Julie Kreuzer - Produktion: Mareille Klein, Julie Kreuzer - Kamera: Gero Kutzner - Schnitt: Mechthild Barth - Verleih: Real Fiction - FSK: ab 12 Jahre -
Kinostart (D): 12.05.2011

 

 

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