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The Assassin


 

Hou Hsiao-Hsiens Schwertkampffilm "The Assassin" zeigt die ganze Anmut eines Kinos, das mit Enthüllen und Verbergen spielt

Es ist die leidige Frage: Worum geht es in einem Film? Als Filmkritiker ist man angehalten, seinem Lesepublikum wenigstens ein bisschen etwas davon zu erzählen, welche Geschichte einen Film in Gang setzt und bei Tempo hält. Das ist nicht so einfach, auch wenn Film - zumindest klassischerweise - äußere Wirklichkeit organisiert und dabei, wenn es gut läuft, so etwas wie eine literarische Geschichte erzählt. Dadurch gewinnt die Geschichte eines Films privilegierten Charakter - nicht nur, weil es medienbedingt einfacher ist, eine Geschichte zu beurteilen als die Ästhetik eine Films, sondern auch, weil das Kino selbst dies zu weiten Teilen nahelegt. Man geht selten ins Kino, weil ein Film einen Gebirgszug in diesem ganz besonderen Abendlicht zeigt, das nur auf diesem ganz besonderen Filmmaterial auf eine kaum greifbare Weise magisch zu leuchten beginnt; sondern weil es zum Beispiel darum geht, dass eine junge Auftragsmörderin unter schwierigen politischen und persönlichen Voraussetzungen einen Mord als Bewährungsprobe leisten soll.

Womit in etwa schon die Handlung von Hou Hsiao-Hsiens neuem Film "The Assassin" beschrieben ist. Nicht unwesentlich ist auch die Information, dass es sich um einen "Wuxia Pian" handelt, ein in Hongkong und Taiwan kultiviertes, mittlerweile im chinesischen Kino aufgegangenes Genre, zu deutsch etwa: Schwertkampffilm vor historischer Kulisse. Im chinesischen Kulturkreis ist die immense Popularität dieses Genres nicht zuletzt wegen seiner langen literarischen Tradition tief verwurzelt - kein Wunder, dass sich unter den Arthouse-Regisseuren mittlerweile ein Muster etabliert hat: Nach Zhang Yimou, Chen Kaige und Wong Kar-Wai ist Hou Hsiao-Hsien ein weiterer Autorenfilmer, der sich mit "kleinen", ästhetisch bedachten Filmen im internationalen Festivalkino einen Namen gemacht hat (gerade erst hatte das Berliner Zeughauskino dem Filmemacher eine umfassende 35mm-Retrospektive gewidmet) und sich nun an einen, im Vergleich zu den vorangegangenen Filmen, großen Wuxia Pian wagt.

Spannend an "The Assassin" ist, mit welchem Nachdruck Hou Hsiao-Hsien auf seine Autorenposition insistiert: Nicht er ordnet sich den Vorgaben und Interessen eines Großfilm-Genres unter, vielmehr verwandelt er es sich seinem eigenen Werk und dessen ästhetischer Signatur an: Hou Hsiao-Hsien ist ein zentraler Protagonist einer in den letzten Jahren unter dem Begriff "slow cinema" diskutierten (und nach einer Blütephase selbst wieder zum Klischee zu gerinnen drohenden) Bewegung, die ihre Filme hinsichtlich des Reizpegels "Plot" entsättigt, dafür aber anderweitig auffüllt: Mit Verweildauer, Raum, einer spröd-lakonischen Transzendenz.

Literarisches Erzählen - ästhetische Form. Ähnlich wie sein komplexes Bordelldrama "Flowers of Shanghai" skelettiert Hou Hsiao-Hsien "The Assassin" aufs Nötigste. Nichts, kein Werkzeug, keine Formel, keine Gebrauchskonvention des Bewegtbildes ist selbstverständlich zuhanden, nicht einmal die Farbe - der Film beginnt schwarzweiß. Nur dass es "The Assassin" an jenen Frustpotenzialen mangelt, die in "Flowers of Shanghai" schlummern, sobald man den Dialogen nicht mehr folgen kann und die Plotkonstellationen nicht mehr versteht: Die Gediegenheit, die "The Assassin" trägt, und die - ein Wunder - nie ins kulinarische Postkartenhafte umschlägt, sowie die Freiheit des eigenen ästhetischen Sensoriums führen zu einem meditativen Kunsterlebnis.

Der Begriff "Erlebnis" ist nicht zu hoch gegriffen. "The Assassin" pegelt runter, um die Wahrnehmung wieder zu schärfen: Es ist ein Kino der Achtsamkeit. Die Schönheit einer langsamen Kamerafahrt, die Eleganz einer sanften Bewegung, Farbtupfer in einem Landschaftspanorama, die Entschlossenheit eines Blicks, die Sachtheit einer Berührung, die Charakteristik eines Klangs, die akustische Weite eines Raums. Während der Trend im Kino zur Immersion neigt, dem totalen Eintauchen in einen Erzählkosmos, der völligen Distanzlosigkeit eines hypermobilen Blicks, der sich in den jüngsten Virtual-Reality-Trends und den ersten 360°-Videos auf Youtube tatsächlich einzulösen scheint, betont "The Assassin" noch einmal die Anmut eines Kinos, das sich vom Schaukastenprinzip und damit von einer komplexen Anordnung von Nähe und Distanz, von Entblättern und Verbergen her versteht.

Das Geschenk, das "The Assassin" einem bereitet, ist nicht zu unterschätzen: Wo der hektische Vektor eines ständig vorantreibenden Plots notgedrungen damit hantieren muss, dass er Bilder fortlaufend abnutzt, verbraucht und verschleißt, weil sich alles einer Klimax gegen Ende des Films unterordnet (in der linken Popkritik nennt man solche ästhetischen Entwürfe gerne "ejakulatorisch"), sorgt sich "The Assassin" um die Intaktheit des jeweiligen präsentischen ästhetischen Eindrucks. Beeindruckend ist die hohe handwerkliche Hingabe an jeden Moment, an jedes Hier und Jetzt des Films, die allerdings nie umkippt in den Bombast der Erhabenheit, auf den etwa Zhang Yimou in seinen großformatigen Epen abzielt. Vergleichbar ist "The Assassin" mit der Sanftheit eines eleganten Schwungs in der Kalligrafie, bei der die materiellen Spuren im Detail des Pinselstrichs ebenso zum ästhetischen Ereignis werden wie der Signifikant im Ganzen.

Gönnen Sie sich die Zeit. Vergessen Sie den Plot. Werfen Sie einen Blick in die reiche Welt. Hören Sie den Klang. Ertasten Sie die Schönheit der Materie. Gehen Sie ins Kino.

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

  

The Assassin
(Nie yin niang)

Taiwan 2015 - 120 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart(D): 30.06.2016 - Regie: Hou Hsiao-hsien - Drehbuch: Chu T'ien-wen, Hou Hsiao-hsien - Produktion: Huang Wen-Ying - Kamera: Lee Ping Bin - Schnitt: Liao Ching-Sung, Pauline Huang Chih-Chia - Musik: Lim Giong - Darsteller: Shu Qi, Chang Chen, Satoshi Tsumabuki - Verleih: Delphi Filmverleih

 

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