zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

A Serious Man

 

 

 

Soifz Fähigmann

 

Die Coens führen in "A Serious Man" einen Mann, der ihnen nichts Böses getan hat, an der Nase herum bzw. mit Fleiß in sein Unglück.

 

Larry Gopnik hat keinen Grund, sich zu beklagen. Und er beklagt sich nicht. Er hat eine Frau und eine Tochter und einen Sohn. Der ist ein etwas nerdiger, aber nicht ganz und gar unsympathischer Tunichtgut, der im Unterricht Radio hört. Mit einem Close-Up auf den Kopfhörer-Knopf im Ohr beginnt - im exakten Wortsinn - exzentrisch der Hauptteil des neuen Coen-Films "A Serious Man". Larry Gopnik hat keinen Grund, sich zu beklagen: Er hat ein Haus in den Suburbs im Mittleren Westen, er steht kurz vor der Übernahme auf eine Lebenszeitstelle an der Universität. Er ist Professor für Physik. Mit einem Blick auf seine X-Beine (nicht den Restkörper zunächst, nicht den Kopf) vor der Tafel im Hörsaal stellen die Coens uns ihren Mann, unseren Mann, den ernsthaften Mann Larry Gopnik vor. Auch dieser erste Blick ist exzentrisch, eine gezielte Attacke auf die Integrität (des Körpers) des Helden. Die Bösartigkeit der Coens liegt nicht zuletzt in Einstellungen wie diesen. Mehr als nur denkbar wäre, sie stählen dem ernsthaften Larry aus reiner Lust an der Sabotage den Schatten.

 

Das tun sie nicht, an Demütigungen jedoch lassen sie es im Fortgang keineswegs fehlen. Larrys Frau eröffnet ihm, sie wolle die Scheidung, und zwar nicht nur vor den weltlichen Instanzen, sondern den Get, das Dokument nach orthodox jüdischem Recht. Ein anderer Mann ist in ihr Leben getreten und/oder sie tritt in seines. Sie will und hat keine Affäre, sie will nur einen anderen Mann. Der andere Mann ist dick, er hat einen Bart, er klingt am Telefon wie ein Seelsorger in einer Radioshow. Er legt seine Pranken um Larry Gopnik, give me a hug, und die Coens gaben ihm, nachdem sie die Erde, die Pflanzen, die Tiere und schon verdammt viele Filme geschaffen hatten, den sprechenden Namen Sy Ableman. (Soifz Fähigmann. Oder so. Am Ende aber mehr Soifz.)

 

Ein koreanischer Student sitzt in Larrys Sprechzimmer an der Uni. Die Tür zum Gang ist offen, das ist sehr genau beobachtet, denn in amerikanischen Universitäten sind die Türen zum Gang immer offen: es soll prinzipiell transparent bleiben, was Dozenten mir ihren Studentinnen und Studenten in Sprechzimmern treiben. Nicht, dass es im Ernstfall, der hier eintritt, viel hilft. In kurzen Sätzen beschwert sich der koreanische Student, weil Gopnik ihm den Schein verweigert. Er, der Student, beharrt darauf, er beherrsche die Physik auch ohne Kenntnis der Mathematik. Gopnik beharrt darauf, das sei unmöglich. Dieser Schlagabtausch ist sehr witzig, der Rassismus der Darstellung des Koreaners ist in den Dialog bereits eingepreist. Die Coens sind nichts, wenn nicht gewitzt. Nichts, wenn nicht clever. Schön wäre freilich, sie wären mehr als immer nur, immer nur das. Als der Koreaner das Zimmer durch die offene Tür verlässt, liegt ein Briefumschlag mit viel Geld auf dem Schreibtisch. Es kommt noch schlimmer. Larry hat Schulden und beim Komitee, das über seine Lebenszeitanstellung entscheidet, tauchen anonyme Briefe auf, in denen er denunziert wird. Verschwitzt freundlich teilt ein Vorgesetzter ihm das mit.

 

Larry Gopnik hat allen Grund, sich zu beklagen. Und er beklagt sich nicht. Er zieht ins Motel "Jolly Rogers" mit seinem Bruder Arthur, dem eine böse Zyste im Genick sitzt und der an einer Theorie spinnt, die alles auf der Welt, den Zufall vor allem, erklärt. Larry klagt nicht und sucht nicht das Heil in der Flucht, sondern Hilfe bei zuständigen Stellen. Larry Gopnik ist Jude, das ganze Milieu, in dem "A Serious Man" spielt, ist jüdisch. Die zuständige Stelle ist darum Gott (Hashem - "der Name", die Umschreibung des Gottesnamens im alltäglichen Umgang) bzw. der Rabbi. Es gibt aber mehr als nur einen, sie reihen sich, wie bei Kafka, in einer An- bzw. Abwesenheitshierarchie in Richtung fast vollständiger Unerreichbarkeit. Also bekommt es Larry zunächst mit dem Junior-Rabbi zu tun, der ihm erklärt, es gehe darum, die Perspektive zu ändern und die Widrigkeiten positiv zu nehmen. ("'Du musst nur die Laufrichtung ändern', sagte die Katze zur Maus und fraß sie.") Erläutert wird das am Beispiel des Parkplatzes direkt vor dem Fenster. Den aber kann man beim besten Willen nicht mit anderen Augen sehen, öd und verlassen, wie er nach Parkplatzart daliegt. So führen die Coens diesen wie jeden anderen Rettungsvorschlag ad absurdum.

 

Larry Gopnik erinnert, versteht sich, an Hiob. Die Figur, deren Glauben von seinem Gott mit dem ihm im Alten Testament eigenen Sadismus geprüft wird. Mit diesem Gott identifizieren sich, ohne an ihn aber zu glauben, die Coens. (Es ist aber eben ganz eindeutig der jüdisch-alttestamentarisch-sadistische Gott, an den sie nicht glauben - nicht der neutestamentarisch-christlich-erlöserische.) Und sie imitieren dabei, ihn aber auf den Kopf stellend, Kafka, der nämlich, statt seine Allmacht als Geschichtenerzähler, wie die Coens es tun, zu genießen, sich stets mit seinen so komisch wie hoffnungslos in Sprach- und anderen Paradoxien gefangenen Figuren identifiziert; K.(afka) stand auf der Seite der Maus, die verzweifelt die Laufrichtung ändert. Die Coens aber stehen auf der Seite eines nicht existierenden Gottes. Sie sind die Katze, die die Maus noch verhöhnt, bevor sie sie frisst. Ihrer Allmacht verleihen die Coens in (von Kameramann Roger Deakins) fabelhaft eingerichteten Einstellungen Ausdruck. Da ist keine Lücke, keine Unsicherheit, alles sitzt perfekt und nichts hat Luft oder Leben. Bild für Bild in Farbe und Licht zementiert. Der blinde, wenn nicht bösartige Zufall, den sie als Grundgesetz der Welteinrichtung behaupten, hat in den Labyrinthen, die sie bauen, de facto gar keinen Platz. Und was viel schlimmer ist: Sie haben, wie Michael Haneke, nicht einmal die Größe, nach Gottesart Gnade zu zeigen.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

A Serious Man

USA 2009 - Regie: Ethan Coen, Joel Coen - Darsteller: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, Michael Tezla, Alan Mandell, George Wyner, Peter Breitmayer, Brent Braunschweig - FSK: ab 12 - Länge: 105 min. - Start: 21.1.2010

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays