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Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft

 

 

Sacha Gervasis Dokumentarfilm über die kanadische Metalband "Anvil" knallt wie Dosenbier, auch wenn das Personal schon über 50 ist.

 

Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust: Auf der Bühne ist er "Lips", der in bizarrer Ledermontur mit dem Dildo seinen Gitarrenhals malträtiert und zu pumpendem Metal obszöne Texte ins Mikro bellt - eine hysterisch überdrehte Figur wie aus einem Underground-Comicstrip. Dabei lacht er schalkhaft genug, dass man nicht weiß, wie ernst dieser genau abgesteckte Grenzübertritt nun wirklich gemeint ist. Und dann ist er Steve Kudlow, der im schmierig unseriösen Callcenter seine liebe Mühe damit hat, den Menschen am anderen Ende der Leitung mit zweifelhaften Methoden überteuerte Nippesbrillen ("genau wie die von Keanu Reeves in Matrix!") anzudrehen. Während ringsherum zynische Egal-Jobber einen Verkauf nach dem nächsten feiern, schneidet die Kamera in die Großaufnahme seines Gesichts, mitten in unbeholfenes Unbehagen. "Ich wurde erzogen, immer höflich zu sein", kommentiert er mit zitternder Stimme seinen Misserfolg, "und hier verlangen sie das glatte Gegenteil." Der Metaller in der Callcenter-Arena, ratlos.

 

Der kurze Ausflug in die dubiose Callcenter-Welt hat einen handfesten Grund: "Anvil", Kudlows Metalband, will es noch einmal wissen. 13.000 Pfund sind nötig, um gemeinsam mit dem britischen Kultproduzenten Chris Tsangarides das 13. Album einzuspielen, das erste nach vielen mageren Jahren, das endlich wieder fett produziert, bei dem von Anfang an alles alles richtig gemacht sein soll. Zuviel Geld für Kudlow, der in seiner kanadischen Heimat als Fahrer für eine wohltätige Organisation gerade über die Runden kommt, und seinen Drummer und Freund seit Kindertagen, Robb Reiner.

 

Beide sind über 50 und spielen seit über 30 Jahren in ihrer Band, die im Metal-Boom der frühen 80er einen kurzen Moment lang vor dem ganz großen Durchbruch stand. Das große Geld machten dann andere - Weggenossen zum einen, bezeichnenderweise aber auch gerade bekennende "Anvil"-Fans mit allerdings besseren Frisuren, besser sitzenden Klamotten und nicht ganz so frivolem, über die Axt gebrochenen Trash auf der Bühne. Man muss nur Kudlow, eine Art verquollener, langhaariger Fred Feuerstein, und Jon Bon Jovi nebeneinander stellen, um sich ausmalen zu können, woran das mitunter auch gelegen haben mag. Die Musik von "Anvil" (Amboss) tut das übrige: Erfrischend plump draufgehauen, atemlos durchgebrettert, nicht direkt filigran im dramaturgischen Aufbau, aber auf schöne Weise primitivistisch: Knallt wie Dosenbier, die Sau ist raus - nur Märkte erobert man damit nicht. Von "Bon Jovi" und anderen Fossilien des "Hair Metal" der 80er redet indes kein Mensch mehr, "Anvil" hingegen erfreuen sich einer (wenngleich wechselhaft treuen) Kultanhängerschaft.

 

Eine solch herzige Geschichte vom ewigen, zwischen Shitjob und Hypothekzahlungen im Leben gestrandeten Underdog, der gegen alle Wetten seinen Rock'n'Roll-Traum lebt, schreit nach einer Doku - und Sacha Gervasi, Fan seit den frühen 80ern, beliefert prompt die Erwartungen: Harte Kontraste zwischen den euphorischen historischen Aufnahmen (eine Tour durch ausverkaufte japanische Stadien), begeisterten Blurbs von großen und größeren Namen der Metalzunft und Alltagsimpressionen aus dem heutigen Toronto (auch Metal-Familienväter schippen Schnee), teils schmerzhaft anzusehende Versuche, an das alte Format anzuschließen (eine desaströse Tour durch Europa 2006) und schließlich, nach mehreren Streits und begleitet von mehr als skeptischen Kommentaren der nächsten Verwandten, der Traum von der einen großen LP, die es am Ende nochmal richtig reißen wird. Dass die Granden des Musikbiz die Scheibe höflich, aber bestimmt ablehnen, gehört dabei fast schon zu den Versatzstücken einer solchen Geschichte und bildet den nötigen Kontrast fürs große Finale: "Anvil", neuerlich in Japan, in zum Bersten gefüllter Halle, Stimmung am Siedepunkt, glücklich gelöste Gesichter auf und vor der Bühne.

 

Gervasi erzählt ein Rockmärchen mit gutem Ausgang, ein auf dem Weg dahin allerdings nicht nur geschöntes. Leicht hätte man den Stoff im Underdog-Kitsch ersäufen können - und natürlich geschieht das zuweilen auch -, doch gibt es Kontraste: Dass die Band ihrem Kultstatus zum Trotz nie richtig durchstarten konnte, wird nach dem Film, bei aller Ehrerweisung, auch abseits üblicher Erklärungsmuster ein wenig verständlicher. Auch bei Streitigkeiten - untereinander, aber auch sehr handgreiflich mit Promotern, die die Gage nicht rausrücken wollen - blendet die Kamera nicht ab. Einfach nur ein Film über zwei Jungs, die mit Gitarren die Welt erobern, ist "The Story of Anvil" deshalb nicht: Eher passt er von seiner Mentalität her gut in unsere heutige Zeit zwischen Wirtschaftskrise und Internetbohème: Auf der Bühne spielen "Anvil" um und für ihr Leben - prekarisiert bis an den Rand und für oft kein Geld, aber wenigstens nicht entfremdet.

 

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft

USA 2008 - Originaltitel: Anvil! The Story of Anvil - Regie: Sacha Gervasi - Darsteller: (Mitwirkende) Steve "Lips" Kudlow, Robb Reiner, G5, Ivan Herd, Chris Tsangarides, Tiziana Arrigoni, Cut Loose, Mad Dog - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 80 min. - Start: 11.3.2010

 

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