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Another Year

 

 

 

 

Und draußen rast die Zeit

Wer einen Garten bestellt, bekommt unweigerlich einen Sinn für die Kreisläufe des Lebens: für das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, die Früchte, die sie mit sich bringen, ihr Werden, Vergehen und erneutes Werden. In „Another Year“ verfolgt Mike Leigh, der zwar schonungslose, letztlich aber stets liebende Menschenfreund des Kinos, ein Paar, das sehr viel Zeit in seinem Garten verbringt: Tom und Gerri, er ein Geologe, sie eine Sozialarbeiterin und beide kurz vor dem Ruhestand, sind zwei Menschen, die ihr Glück und ihre Ruhe gefunden zu haben scheinen: Für sich selbst, miteinander, im Leben. In ihrem Reihenhaus in einem Londoner Vorort bereiten sie die Erzeugnisse ihres Schrebergartens zu und so, wie mit den Jahreszeiten Tomaten, Basilikum und Kürbisse in der Küche landen, so kommen auch die Gäste zur Tür herein, nehmen am Tisch Platz und wenn der Wein ihnen endlich zu Kopf gestiegen ist, berichten sie vor allem von Kummer, Ängsten, Erinnerungen und Verlust. Drinnen umfasst Gerri sanft von hinten Toms Bauch während er kocht und hofft, dass die Chilis nicht zu scharf geworden sind. Und draußen rast die Zeit.

Dabei ist „Another Year“ ein kleines Wunder an „Laufruhe“ - über zwei Stunden lang passiert im eigentlichen Sinne fast nichts und doch wünscht man sich, noch länger zuschauen zu dürfen. Zusammenhängen mag das mit der Tatsache, dass Leigh für die abstrusen Lebensläufe des Kinos noch nie einen Sinn hatte: Seine Figuren müssen sich nicht schematisch „wandeln“, sich nicht neu erfinden, um interessant zu bleiben. Leigh weiß, dass viele (die meisten?) Menschen im Getriebe des Lebens zwischenzeitlich hängenbleiben und dass sich die Größe ihrer Sehnsüchte und Wünsche (anders als im Kino) nicht immer proportional verhält zur Bereitschaft, diese auch zu verwirklichen. „Onwards and upwards!“, formuliert es im Film Gerris Arbeitskollegin Mary einmal, die gleichermaßen trunksüchtig wie dauerunzufrieden mit ihrem verkorksten Leben ist. Schnell wird sich herausstellen, dass auch diese „Aufbruchstimmung“ nur der kurzen Euphorie des Vollsuffs entsprungen war.

Diese Mary wird folgerichtig auch zum beharrlichsten Stammgast am Tisch der Glücklichen: Überdreht bis an die Grenze des Hyperaktiven simuliert sie, ein zwar verrücktes, wechselvolles, aber doch irgendwo zufriedenes Leben zu führen, bis genug Wein stets aufs Neue ihren Zusammenbruch bewirkt. Tom, vom wunderbaren Jim Broadbent glänzend als flapsiger Exponent der britischen „Middle Class“-Zivilisiertheit dargestellt, gibt sich dann schon einmal ein wenig genervt, während Gerri mit Engelsgeduld die immer wiederkehrenden Klagen über die Pannen an Marys „kleinem, roten Auto“ anhört. Dass das sukzessive Auseinanderfallen des Autos als Symbol der angestrebten Selbstverwirklichung Mary beinahe zerbrechen lässt, merken die beiden gleichwohl erst, als es fast zu spät ist. Leigh zeigt eben auch, dass die Sprache der Verzweiflung nicht immer gehört wird, solange sie die erweiterten Spielregeln des Bürgerlichen nicht verletzt: Ein bisschen durch den Wind sein nach zu vielen Gläsern Wein, etwas weinerlich über ein kaputtes Auto? Alles erlaubt. Erst, als Mary in desolatem Zustand und vor allem ohne vorherigen Anruf vor der Tür steht, wird der Tonfall kurzzeitig angespannter.  

Am Ende wird der Winter eingekehrt sein in Toms und Gerris Garten. Eine Geburt hat es gegeben, einen Todesfall, eine neue Liebe, ein Vater-Sohn-Zerwürfnis. Kaum etwas davon haben wir explizit zu sehen bekommen, häufig nur die „übrig gebliebenen“ Menschen und die Spuren, die die Ereignisse und die Zeit in ihnen und ihren Gesichtern hinterlassen haben. Leigh versammelt seine Figuren am einzigen Ort, der Stabilität zu verheißen scheint: Toms und Gerris Esstisch. An Marys Gesicht, in dem nur noch das Eingeständnis eines kapitalen Scheiterns an sich selbst zu liegen scheint, bleibt die Kamera schließlich lange haften. Vielleicht kann man es als kleinen Trost empfinden, dass sie sie in diesem Moment des Essens und Feierns nicht alleine lässt. Ein weiteres Jahr wird kommen.

Janis El-Bira

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Another Year
OT: Another Year
Großbritannien 2010 - 129 min.
Regie: Mike Leigh - Drehbuch: Mike Leigh - Produktion: Georgina Lowe - Kamera: Dick Pope - Schnitt: Jon Gregory - Musik: Gary Yershon - Verleih: Prokino - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Jim Broadbent, Ruth Sheen, Lesley Manville, Oliver Maltman, David Bradley, Karina Fernandez, Martin Savage, Peter Wight, Imelda Staunton, Phil Davis, Michele Austin
Kinostart (D): 27.01.2011

 

 

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