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Ander

 

 

 

 

Die Berge sind sein Freund

 

"Ander", das Spielfilmdebüt von Roberto Castón, porträtiert einen baskischen Bauern auf dem beschwerlichen Weg zu sich selbst

 

Ein unverkrampfter, offener Umgang mit Homosexualität ist keine Selbstverständlichkeit. Um das zu bemerken, muss man nicht nach Jamaika, Uganda oder Iran reisen. Manchmal reicht schon ein Ausflug in ein ländliches Gebiet. Ein Kiss-in in Kärnten ist sicherlich kein Spaß.

 

Der spanische Regisseur Roberto Castón wählt für sein Spielfilmdebüt "Ander" einen solchen ländlichen Schauplatz, ein abgelegenes Tal im Baskenland. Der Protagonist (Josean Bengoetxea) heißt wie der Film, ist Mitte Vierzig, Junggeselle und Landwirt. Den Hof führt er zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester. Ab und zu vergnügt er sich mit der Prostituierten Reme (Mamen Rivera), vor allem ist er ein zurückhaltender, ernsthafter Mann. Castón gibt ihm nicht viele Worte auf den Weg. Die bergige, abgeschiedene Landschaft und die Tiere werden so in Szene gesetzt, dass sie wie ein Freund, wie ein menschliches Gegenüber für Ander sind; sie schaffen einen Echoraum für seine sensible Seite, die wiederum mit einer fast verhärmten, bäuerlich-konservativen Strenge kontrastiert.

 

Das Melken und der Auftrieb der Kühe, das Essen im Neonlicht der Küche, die Sauftouren mit dem Macho-Kumpel - vermutlich ginge all dies immer so weiter, bräche sich Ander nicht eines Tages ein Bein. Der Unfall fesselt den stämmigen Mann ans Bett. Der junge peruanische Landarbeiter José (Cristián Esquivel) heuert bei ihm an, und von da an lässt sich nicht mehr kontrollieren, was Ander, wissentlich oder nicht, im Zaum hielt.

 

Bei einem Familienfest kommt es zum Sex zwischen José und Ander. Castón inszeniert das ziemlich kühn, als eruptiven Akt auf der Herrentoilette. José, der seinen Chef unterwürfig mit "patrón" anredet und allein seiner körperliche Schmächtigkeit wegen in einer unterlegenen Position zu sein scheint, übernimmt die Initiative, kurz und heftig vertauschen sich die Rollen.

 

Was daraus für Ander folgt, ist ein Wechselspiel aus Zuneigung für und Aggression gegen José - und jede Menge Selbsthass. Castón hat ein feines Auge nicht nur für den Kampf, der in dem Mann tobt, sondern auch für die Nebensachen, für die subtilen Machtbeziehungen in der Familie, und er hat außerdem ein feines Ohr für die Sprachsituation. Manchmal lässt er Josés peruanisches Spanisch am Baskisch der Bauernfamilie abprallen, dann wieder ist das Beharren auf dem Baskischen Ausweis eines Mangels an Wendigkeit, eines Mangels, der für das Leben in der Gegenwart nicht eben gut vorbereitet.

 

Was an "Ander" bisweilen stört, ist die Zuverlässigkeit, mit der die plot points genau auftreten, wenn man sie erwartet. Die inneren und äußeren Hindernisse, mit denen der Protagonist zu kämpfen hat, ordnen sich in einer vorhersehbaren Dramaturgie. Das ändert nichts an Castóns Beobachtungsgabe, seiner Feinfühligkeit für das innere Drama der Hauptfigur und an dem sympathischen Ansinnen, schwules Leben auf dem Land sichtbar zu machen.

 

Cristina Nord

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

Ander

Spanien 2008 - Regie: Roberto Castón - Darsteller: Josean Bengoetxea, Cristhian Esquivel, Mamen Rivera, Pilar Rodriguez, Leire Ucha, Pako Revueltas, Pedro Otaegi, Eriz Alberdi, Unax Martín - FSK: ab 12 - Fassung: bask./span.O.m.d.U. - Länge: 125 min. - Start: 15.4.2010

 

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