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Anchorman - Die Legende kehrt zurück

 

 

Grandiose Pathos-Momente

Regisseur Adam McKay und Hauptdarsteller Will Ferrell klären in "Anchorman -Die Legende kehrt zurück", was kalifornischen Provinzreportern in den 1980ern blühte.

Niklas Luhmann hat auf die evolutionäre Unwahrscheinlichkeit des journalistischen Formats "Nachrichten" hingewiesen: Anstatt abzuwarten, ob in der Welt auch tatsächlich etwas Neues, Unerwartetes, Überraschendes geschieht, stellen sich Presseerzeugnisse vorab auf einen festen Rhythmus ein, in den das so immer schon vorausgesetzte Neue eingepasst wird. Das funktioniert schon in der Tagesschau nur, wenn man die Selektoren für Berichtenswertes entsprechend einstellt und bei Bedarf auch einmal tagelang über Manipulationen von Lieblingsautoderdeutschenwahlen beim ADAC berichtet. Noch einmal verschärft stellt sich das Problem für jene 24-Stunden-Nachrichtensender, die seit ihrem Auftauchen - der erste, CNN, ging 1980 auf Sendung - erst die Medienlandschaft und schnell auch den politischen Betrieb, der sich dem erhöhten Nachrichtenbedarf bald anpasste, tiefgreifend verändert haben.

"Anchorman - Die Legende kehrt zurück" erzählt die Gründungsgeschichte von CNN nur leicht verschoben nach: Der erste 24 hours news channel heißt jetzt GNN, sucht händeringend nach Personal und verfällt dabei auf die Nachrichtenlegende Ron Burgundy (Will Ferrell). Burgundy hatte in den 1970ern, wie man aus dem Vorgängerfilm "Anchorman - Die Legende von Ron Burgundy" weiß, Channel 4, einen Lokalsender in San Diego, aufgemischt. Zwischendurch war er in eine schwere Krise geraten, weil seine Frau ihn karrieremäßig überholt hatte; in der schönen neuen Nachrichtenwelt der 1980er ist er bald wieder obenauf, weil er begreift, dass Nachrichten, die auf Dauer gestellt sind, sich nicht mehr am Unerwarteten orientieren müssen; sondern ganz im Gegenteil an den Kontinuitäten des Alltags und den kleinsten gemeinsamen Nennern des Publikumsgeschmackts: Patriotismus, Tierbabys, Autoverfolgungsjagden.

"Anchorman - Die Legende kehrt zurück" ist freilich und zum Glück nicht nur ein fernsehhistorisches Traktat, sondern gleichzeitig eine wieder einmal besonders schön durchgeknallte Will-Ferrell-Komödie. Ron Burgundy war im Jahr 2004 die erste Figur, in der sich Ferrells komisches Potential voll entfalten konnte: Es geht da stets um ein Missverhältnis zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, um Überidentifikationen der Ferrell-Figuren mit ihren jeweiligen Berufen (beziehungsweise, das trifft es besser: Berufungen), bei gleichzeitiger objektiver, ob nun kognitiver oder physischer, Untauglichkeit. Das führt zu grandiosen Pathos-Momenten, im neuen Film zum Beispiel dazu, dass Ron nicht einfach nur metaphorisch "die Augen geöffnet" werden, wenn er erkennt, dass er dem journalistischen Ethos zuwiderhandelt; nein, er erblindet zwischenzeitlich tatsächlich, zieht dann in einen Leuchtturm, in dem es ihm - in den schönsten Szenen des Films - gelingt, sich sogar mit seiner eigenen Blindheit zu überidentifizieren, nur um schließlich, nachdem er das Augenlicht wiedergewonnen hat, Besserung zu geloben und seinen korrupten Bossen heimzuleuchten.

"Anchorman - Die Legende kehrt zurück" ist dann am besten, wenn Ferrell und McKay freie Bahn bekommen, von keinen Spielfilmhandlungsverpflichtungen belästigt werden: Im Leuchtturm, in einer frühen Szene, in der der frisch gefeuerte Ron volltrunken eine Delphin-Show zugrunde richtet, im auf sehr nerdige Art durchgeknallten Finale. Schon etwas weniger funktioniert der Film als buddy movie: zwar trommelt Ron, als er sich auf den Weg nach New York macht, sein altes Team wieder zusammen: Chefreporter Brian Fantana (Paul Rudd), Sportspezialist Champ Kind (David Koechner) und den besonders erratischen Meteorologe Brick Tamland (Steve Carell). Doch anders als in dem im Alltagssexismus der Jungsrunde sich regelrecht suhlenden ersten Film sind die Kumpels im zweiten eher ein Klotz am Bein Ferrells: Koechner und Rudd haben kaum etwas zu tun, Carell versucht mehr, trifft dabei aber nur selten den richtigen Ton.

Das größere Problem ist allerdings, wie der Film sich selbst zu seinem Gegenstand positioniert. In früheren Ferrell-Filmen waren die Aufgaben, die sich seine Figuren stellten, mehr oder weniger austauschbar, und vor allem auf Effekt hin ausgewählt: "Ricky Bobby - König der Rennfahrer" interessierte sich für die Spezifiken des Rennsports genauso wenig wie "Die Eisprinzen" für Eiskunstlauf oder "Die fast vergessene Welt" für Urzeitforschung. Selbst im ersten "Anchorman"-Film ging es eher um den lächerlichen Chauvinismus der Siebziger, als um Lokaljournalismus (anders ausgedrückt: es ging jeweils um die Verformungen, die die Welt den Menschen zufügt, nicht um jene, die die Menschen der Welt antun). "Anchorman - Die Legende kehrt zurück" glaubt nun aber durchaus, er habe etwas zu sagen darüber, wie und warum die Fernsehnachrichten vor die Hunde gegangen sind. Der natürlich nur im Nachhinein, mit gehörigem Sicherheitsabstand alles besser wissende und deshalb völlig risikofrei predigende Film setzt sich damit in einen harten Kontrast zu seiner Hauptfigur. Denn ist Ferrell in seinen Filmen auch noch so größenwahnsinnig, narzisstisch, realitätsblind - eines ist er nie: selbstgerecht.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 Anchorman Ė Die Legende kehrt zurück

(Anchorman 2: The Legend Continues) - USA 2013 - 113 Minuten - Kinostart: 30.01.2014 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Adam McKay - Drehbuch: Will Ferrell, Adam McKay - Produktion: Judd Apatow, Jessica Elbaum, Will Ferrell, David B. Householter, Adam McKay, Kevin J. Messick - Kamera: Patrick Capone, Oliver Wood - Schnitt: Mellissa Bretherton, Brent White - Musik: Andrew Feltenstein, John Nau - Darsteller: Will Ferrell, Steve Carell, Paul Rudd, David Koechner, Christina Applegate, Dylan Baker, Meagan Good, Judah Nelson, James Marsden, Greg Kinnear, Josh Lawson, Kristen Wiig, Fred Willard, Chris Parnell, Harrison Ford

 

 

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