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A Most Wanted Man

 


        

Dieter, Klaus und Günther

Was treibt Anton Corbijn um? Ein uninspirierter Film trotz Philip Seymour Hoffman: „A Most Wanted Man“

Von fern betrachtet spricht ziemlich viel dafür, dass "A Most Wanted Man" der Film der Stunde werden könnte. Vorlage ist ein John-le-Carré-Thriller, der in Hamburg spielt und von islamistischem Terrorismus handelt. Der englische Schriftsteller hatte den 11. September in der Stadt verbracht, in der sich Mohammed Atta zum Attentat auf das World Trade Center radikalisiert hatte. In "A Most Wanted Man", der Roman erschien 2008, kommt der russisch-tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (im Film verkörpert vom Moskauer Schauspieler Grigoriy Dobrygin) als eine Möglichkeit daher, sich Attas Existenz noch einmal als Spekulation zu vergegenwärtigen: Wie unterscheidet man einen Flüchtling von einem Terroristen, der sich als Flüchtling tarnt? Wo hört die Ermittlung auf und fängt das Versäumnis an?

Unerwartet aktuell sind diese Fragen, insofern durch das Aufkommen der IS-Kämpfer im Irak und Syrien die medialen Erzählungen von der Radikalisierung im Innern genauso an Bedeutung gewonnen haben wie internationale Geheimdienstaktivitäten im Zuge der NSA-Affäre. Eine besondere Beachtung erfährt "A Most Wanted Man" außerdem durch die Besetzung. Hauptdarsteller ist der wohl von kaum einem Zuschauer nicht geschätzte Philip Seymour Hoffman, der im Februar an einer Überdosis Drogen starb. Corbijns Arbeit ist so zum ersten letzten Film des Schauspielers geworden.

Das sind die Zutaten. Das Ergebnis ist trotzdem fad: "A Most Wanted Man" ist ein reichlich uninteressanter Film. Ein Grund dafür findet sich in der Synchronisation, was einem in Deutschland auch erst mal auffallen muss. Corbijn hat für seinen Hamburg-Film neben Hoffman (als „Schlapphut“), Willem Dafoe (als Bankier), Rachel McAdams (als idealistische Anwältin) und Robin Wright (als Geheimdienstchefin in der US-Botschaft) eine Reihe deutscher Schauspielerinnen besetzt: Nina Hoss, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock. Das bildet einerseits internationales Startum hierarchisch ab (die wichtigen Rollen gehen an die US-amerikanischen Namen) und verursacht andererseits Kommunikationsprobleme. Denn gedreht wurde in englischer Sprache, in der die deutschen Figuren durch einen entsprechenden Akzent charakterisiert werden. Hoffman etwa markiert seinen Günther Bachmann ganz fein, durch eine nur etwas härtere Aussprache der Konsonanten.

Für die Fassung, die das Gros des hiesigen Publikums sehen wird, bedeutet das eine umständliche Rückübersetzung. Bernhard Schütz spricht mit der eigenen Stimme aus dem Off oder wie deutsche Schauspieler sich selbst synchronisieren. Brechtianer mögen über diesen Effekt in Jubel ausbrechen, für einen Thriller, der auf die Atmosphäre einer dunklen Stadt setzt, der mit dem Zwielicht von Verdacht und Zweifel operiert, ist die stumpfe Tonspur des Eindeutschens über den nicht dazu passenden Lippenbewegungen ein großer Verlust. Gerade weil, anders als bei Corbijns dröge-klinischem Vorgängerfilm "The American" mit George Clooney (2010), der Schauplatz hier bewusst schäbig gehalten wird (Kamera: Benoît Delhomme).

Das größte Problem von "A Most Wanted Man" resultiert aber aus Corbijns uninspirierter Regie. Der Filmemacher, der als Musiker-Fotograf berühmt wurde, arbeitet die einzelnen Positionen des Drehbuchs so spannungslos ab, wie die Darsteller sich Männervornamen der 50er Jahre um die Ohren werfen („Dieter“, „Günther“, „Klaus“). Es lässt sich noch nicht mal behaupten, dass Corbijn die Gemachtheit des Thrillers als solche beschäftige und er eifrig Dekonstruktion vor Augen führe. Wenn Karpov am Anfang aus dem Hafenbecken ans Ufer klettert und dabei, ein Standardbild aus dem Horrorfilm, resurrectionmäßig zuerst der rechte Arm am Geländer nach Halt sucht, dann ist das in "A Most Wanted Man": ein Arm, der am Geländer nach Halt sucht.

Matthias Dell

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der freitag

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

A Most Wanted Man
USA / Großbritannien / Deutschland 2013 - 121 min. - Regie: Anton Corbijn - Drehbuch: Andrew Bovell, John le Carré - Produktion: Andrea Calderwood, Simon Cornwell, Stephen Cornwell, Gail Egan, Malte Grunert - Kamera: Benoît Delhomme - Schnitt: Claire Simpson - Musik: Herbert Grönemeyer - Verleih: Senator - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Rachel McAdams, Robin Wright, Philip Seymour Hoffman, Willem Dafoe, Daniel Brühl, Nina Hoss, Martin Wuttke, Kostja Ullmann, Neil Malik Abdullah, Homayoun Ershadi, Mehdi Dehbi, Vicky Krieps, Rainer Bock, Grigoriy Dobrygin, Charlotte Schwab - Kinostart (D): 11.09.2014

 

 

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