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American Ultra

 

 

Lass Dich überraschen!

Eigentlich ganz beruhigend für etwas konservativere Kinogänger! Klar, Mike, nachlässig gekleidet, hat lange Haare, ist ein stadtbekannter Kiffer und Slacker und Tunichtgut ohne größere Pläne oder gar etwas, was zum Lebensentwurf taugt. Er denkt selten weiter als bis zum nächsten Joint. Aber irgendwann haben die trostlosen Schichten im örtlichen Supermarkt hinreichend Kohle abgeworfen, um dann doch einen großen Plan zu schmieden. Dabei geht es - kurz gesagt - um einen Ring, um Dauerfreundin Phoebe und um Hawaii. Großes Kino, also! Warum Phoebe nicht am Elend dauerhaft teilnehmen lassen? Und zugleich ist's ein Fluchtversuch. Also endlich mal raus aus dem Provinzstädtchen Liman in West Virginia, wo wirklich der Hund begraben ist.

Doch statt romantisch nach Hawaii führt ihn eine offenbar wenig überraschende Panikattacke direkt auf die Flughafen-Toilette. War mal wieder nichts mit dem Traumurlaub, aber Phoebe nimmt das Scheitern erstaunlich gelassen. Offenbar hat Mike schon länger ein Problem damit, Liman zu verlassen. Dafür spricht auch, dass der Dorfsheriff das junge Paar auf der Heimfahrt vom Flughafen kurz stoppt, um sich einen kleinen Spaß zu machen. Offenkundig sind Mikes Vorlieben stadtbekannt. Es braucht dann schon ein paar Joints, ein angebranntes Ei und eine weitere ereignislose Schicht im wenig frequentierten Supermarkt, bis sich Mike von diesem miesen Tag (oder ist es eine Woche?) einigermaßen erholt hat.

Am Abend oder eines Abends bemerkt er, dass sich zwei Unbekannte an seinem klapprigen Auto zu schaffen machen. Als er sie darauf anspricht, wird er wortlos und professionell attackiert - und setzt sich seinerseits mit außerordentlicher Professionalität und Konsequenz erfolgreich zur Wehr. Mike selbst ist am meisten von seiner Wehrhaftigkeit überrascht und alarmiert aufgeregt und hilflos Phoebe. Ob das Ganze etwas mit der geheimnisvollen Fremden zu tun, die ihm im Supermarkt diese seltsam-bedeutungslosen Worte sagte? Die lokale Polizei greift ein, sieht sich aber ziemlich unvermittelt einer wilden Attacke auf das Revier ausgesetzt. Die Dinge in Liman, West Virginia entwickeln sich für die Gegend ungewöhnlich explosiv. Kurz darauf ist der Notstand ausgerufen, die Kleinstadt von der Außenwelt abgeschnitten - und Mike und Phoebe sind auf der Flucht.

Auf dem Papier mag sie ja noch einigermaßen interessant und originell ausgesehen haben, diese Idee, die "Bourne Identität" mit dem Slacker-Movie zusammen zu schweißen, um die Tagline von den "kiffenden Killermaschinen" generieren zu können. Oder die Rollen des Terminator und John Connor in einer Figur zusammen zu denken? Doch der Film von "Project X"-Regisseur Nima Nourizadeh und "Chronicle"-Drehbuchautor Max Landis nimmt sich viel zu wenig Zeit, um dem Protagonisten die nötige Fallhöhe zu verschaffen, die das Zuschauerinteresse wecken könnte.

So ist der erste Trumpf sehr schnell ausgespielt: Mike ist ein in der Provinz geparkter Schläfer, Überbleibsel eines abgebrochenen Experiments, dessen »romantische« Eskapaden jetzt lästig werden, weshalb er ausgeschaltet werden soll. Gerade noch rechtzeitig erinnert sich Mike an all die Überlebenstricks, die ihm einmal antrainiert wurden. Und wenn es ganz dicke kommt, ist da immer noch Phoebe, die natürlich auch ein Geheimnis mit sich herumträgt. So unterentwickelt die Momente der Slacker-Komödie und der Liebesgeschichte sind, die sich letztlich aufs Kiffen und das Zeichnen von Comics beschränken, so ausführlich wird hier brutal-explizite Action zelebriert, die nur in ganz seltenen Momenten als augenzwinkernd charakterisiert werden kann.

Der Film wirkt insofern wie eine unfertige, nicht final durchdachte Bricolage einer Handvoll lustiger Einfälle: da ist das Paar aus "Adventureland" (Jesse Eisenberg, Kristen Stewart), da ist der stadtbekannte Dealer (John Leguizamo) und da ist der wirklich aberwitzig eingeführte Killer Laugher (Walton Goggins), dessen Potential aber auch nicht ausgereizt wird. Letztlich mangelt es "American Ultra" vergleichbar an einer Verhältnismäßigkeit der Mittel wie der handlungsstiftenden CIA-Intrige, die kurzerhand eine Kleinstadt in der Provinz abriegelt und aus letztlich wenig plausiblen Gründen allerlei Kollateralschäden der eigenen Bevölkerung in Kauf nimmt. Politisch interessant ist vielleicht noch der längst konventionelle Gedanke, dass die eigentliche Gefahr von alerten, neoliberalen Karrieristen in der Geheimdienst-Bürokratie ausgeht, während eine konservative Fraktion von Handwerkern in der Agency sich durchaus noch auf einen old-fashioned Wertekanon bezieht, zu dem auch der Schutz ehemaliger Spezialagenten gehört.

Dieser Wertekanon diskutiert Loyalität dann tatsächlich über den Vorstellungskomplex der Familie, denn Mike hat nicht nur eine zuverlässige Freundin (und künftige Ehefrau), sondern auch eine schützende Mutter und einen strafenden Übervater in der Agency, der am Ende die Ordnung wiederherstellt. Wobei der Film sich am Schluss dumm stellt und einfach mal behauptet, es könne nach dem, was geschehen ist, wieder eine Ordnung geben, die nicht nur Kulisse ist. Wenn man so will, ist "American Ultra" ein ungleich eindrucksvollerer Heiratsantrag als die Idee mit dem Flug nach Hawaii. Hauptsache Familiengründung. Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

Benotung des Films: (4/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

 

 

 
American Ultra
USA 2015 - 96 min. - Regie: Nima Nourizadeh - Drehbuch: Max Landis - Produktion: David Alpert, Anthony Bregman, Kevin Scott Frakes, Britton Rizzio, Raj Brinder Singh - Kamera: Michael Bonvillain - Schnitt: Andrew Marcus - Musik: Marcelo Zarvos - Verleih: Concorde - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Kristen Stewart, Jesse Eisenberg, Connie Britton, Walton Goggins, Topher Grace, John Leguizamo, Bill Pullman, Tony Hale, Monique Ganderton, Michael Papajohn, Lavell Crawford, Nash Edgerton, Teri Wyble, Michelle DeVito, Vic Chao - Kinostart (D): 15.10.2015

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