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American Hustle

 

 

Dicke Fische

Vorbehaltlos enthusiastisch agiert ein Starensemble in David O. Russells großem Schauspielerfilm "American Hustle"

Gleich in der ersten Einstellung ist der ziemlich voluminöse Bauch zu sehen, den sich Christian Bale angefressen hat für seine Rolle des von den eigenen Betrügereien chronisch überforderter Schwindlers Irving Rosenfeld. Die zweite Einstellung zeigt dann, wie er sich vor dem Spiegel die Haarfransen so lange über die Halbglatze streicht, mit brauner Watte unterfüttert, aufwändig feststeckt, bis man natürlich erst recht sieht, dass mit seiner Frisur etwas nicht stimmt. in David O. Russells "American Hustle" gehört beides eng zusammen: Man exponiert sich in einem Moment mit all seinen Schwächen, in durchaus zügelloser Manier, im nächsten verstellt man sich, schlüpft in eine oft ad hoc erdachte Rolle - und füllt die dann genauso zügellos, ungehemmt aus, wie man vorher sein vermeintlich authentisches Selbst ausgestellt hat. Um einen Wahrheitswert jenseits der aktuellen Performance geht es so oder so nicht.

"American Hustle" ist ein Historienfilm, der sich anfangs exakt verortet ("April 28, 1978 Plaza Hotel, New York"), sich sonst aber nicht allzu viel Mühe gibt, als spezifisch verortbares Zeitbild durchzugehen. Rosenfeld gerät gemeinsam mit seiner Geliebten Sydney Prosser (Amy Adams) in den späten Siebzigern in die Fänge des überambitionierten Polizisten Richie DiMaso (Bradley Cooper). Di Maso hat Material gegen die beiden in der Hand, will aber an die richtig dicken Fische, will Mafiosi, oder, noch besser, Politiker in den Knast bringen. Die Grundstruktur der Filmerzählung ist recht simpel: Es gibt immer einen noch dickeren Fisch, Rosenfelds Uncervocer-Einsatz nimmt kein Ende und formt sich zu einem immer dichteren Lügengewebe. Und dann gibt es als wild card noch Rosenfelds Frau Rosalyn (Jennifer Lawrence), die sich mit der notorischen Untreue ihres Mannes zwar arrangiert hat, ihn aber trotzdem nicht ganz freigeben will und außerdem ganz unabhängig davon ihre Klappe nicht halten kann.

In dieser Figur, dieser wandelnden, blondierten, dauergewellten Hausfrauenneurose, einer Figur, die von Lawrence in einer denkwürdigen, zu Recht oskarnomminierten Brachialperformance regelrecht zelebriert wird, kommt der Film ganz bei sich selbst an. Wenn Lawrence die Szene betritt, bebt die Leinwand. Auch Bradley Cooper, Lawrences Co-Star in "Silver Linings Playbook", Russells vorherigem Film, darf sich gehen lassen, wenn auch in eine andere Richtung: Wo bei Rosalyn jede Impulskontrolle ausgeschaltet ist, ist DiMaso nicht nur in seinem Job ein überehrgeiziger Streber, er muss sich bald auch im Privaten, wild grimassierend, in Verzicht üben. Wenn man dann noch Adams und Bale hinzu nimmt, die auf auf eher konventionelle Art glänzen (sie sind im Film schließlich dasselbe wie im echten Leben: Verstellungskünstler), wird klar: "American Hustle" funktioniert in erster Linie als Schauspielerkino. Und zwar nicht in dem Sinn, dass psychologisch komplexe Figuren besonders lebensecht dargestellt würden; eher funktioniert der Film als eine Bühne, die sehr direkt auf den Schauwert am Schauspieler ausgerichtet ist; und auf das, was am Schauspiel nicht Nachahmung ist, sondern Exzess. Das geht bis in kleine Nebenrollen hinein: Robert de Niro darf bei seinem Kurzauftritt seine Arabisch-Aussprache vorführen.

Sowas kann leicht nerven: Manny Farber hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die besten Schauspielleistungen nicht im Rampenlicht, sondern sozusagen im Vorübergehen vollbracht werden, meist nicht von den Stars der Filme, sondern von szenenstehlenden Nebendarstellern. Bei Russell ist das Rampenlicht allgegenwärtig, jede Geste zielt auf den größtmöglichen Effekt, Schattenzonen für Termitenkünstler gibt es nicht mehr. Auch sonst kann man durchaus Probleme haben mit "American Hustle". Man kann sich zum Beispiel fragen, ob nicht gerade die Art von auf dem Papier nicht unkomplizierter Doppel- und Dreifachagentenerzählung, die Russels Film entwirft, nach einer etwas subtileren Schauspielführung, und auch insgesamt nach einer etwas zurückgenommeneren Inszenierung verlangt hätte. Von einem derart fein gebauten, runden Film, wie "Silver Linings Playbook" einer war, ist der zwischendurch ziemlich rüpelhafte "American Hustle" jedenfalls meilenweit entfernt.

Andererseits macht das gerade den Reiz des Films aus: Dass Russell sich nicht nur im Großen und Ganzen, sondern in jeder einzelnen Szene gegen die Kohärenz seines Drehbuchs und für seine Schauspieler und deren unbedingte Entfaltungsfreiheit entscheidet. Und dass sich seine Regie von der allgemeinen Enthemmung anstecken lässt: schon in der Musikauswahl, die nicht auf Distinktionsgehabe aus ist, die ganz im Gegenteil auch vor der einen oder anderen Peinlichkeit nicht zurück schreckt, wenn dafür der richtige Fingerzeig an der richtigen Stelle gesetzt werden kann. Auch die Kamera sucht nicht Distanz und Überblick, sondern schweift in fast formlos anmutender Manier durch Räume, tastet die Starkörper ab, lässt sich nur zu gerne von neu auftauchenden Attraktionen ablenken; stürzt sich in diesen grandios chaotischen Film genauso vorbehaltlos enthusiastisch wie Lawrence, Cooper, Adams, Bale, de Niro, und wie sie noch alle heißen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte 

 

 

American Hustle
USA 2013 - 138 Minuten - Kinostart: 13.02.2014 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: David O. Russell - Drehbuch: David O. Russell, Eric Warren Singer - Produktion: Megan Ellison, Charles Roven, Richard Suckle, Matthew Budman, Bradley Cooper, Jonathan Gordon, Andy Horwitz, Mark Kamine, George Parra, Eric Warren Singer - Kamera: Linus Sandgren - Schnitt: Alan Baumgarten, Jay Cassidy, Crispin Struthers - Musik: Danny Elfman - Darsteller: Jennifer Lawrence, Christian Bale, Amy Adams, Bradley Cooper, Robert De Niro, Jeremy Renner, Jack Huston, Colleen Camp, Louis C.K., Elisabeth Röhm, Michael Peña, Alessandro Nivola, Dawn Olivieri, Anthony Zerbe, Erica McDermott - Verleih: Tobis

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