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American History X

 

 

“American History X” zeigt, wie zwei Brüder aus Los Angeles in eine Bande von Neo-Nazis hinein gezogen werden und warum einer der beiden beschließt, sich daraus zu befreien. Um ihre Geschichten zu erzählen, bedient sich der Film der Sprache des Rassismus – sowohl als Gossensprache als auch in der kultivierteren Variante. Der Film ist durchweg interessant und manchmal überzeugend und er enthält mehr provozierendes Gedankengut als jeder andere amerikanische Film zum Thema Rassismus seit „Do the Right Thing“. Weil er jedoch versucht, die Ereignisse von vier Jahren an einem Tag aufzulösen, hinterlässt er sichtbare Verkürzungen.

Der Film präsentiert Edward Norton als Derek, einen hoffnungsvollen Jungen, der der Anführer einer Skinheadbande in Venice Beach wird und Leutnant eines dubiosen erwachsenen Neo-Nazis (Stacy Keach). Als in einer Nacht zwei schwarze Kids aufgrund einer Schulhof-Fehde versuchen, Dereks Wagen zu stehlen, erschießt er beide. Er wird des Mordes überführt und muss für drei Jahre ins Gefängnis.  

Sein jüngerer Bruder Danny (Edward Furlong) verehrt ihn und tritt fortan, bis zu einem gewissen Grad, in seine Fußstapfen, obwohl ihm Dereks Intelligenz und dessen aufrührerische rhetorische Begabung abgehen. Schließlich wird Derek aus der Haft entlassen und er versucht, eine geistige Neuorientierung für sich und Danny zu finden. Ihr Hintergrund ist eine Familie, bestehend aus einer chronisch kranken Mutter und zwei Schwestern. Ihr Vater, ein Feuerwehrmann, wurde erschossen von schwarzen Junkies, als er ein Feuer in einem schwarzen Stadtviertel bekämpfte. In einer Fernsehnachrichtensendung führt der in seiner Trauer befangene Derek einen Katalog rechtsextremer Standard-Bezichtigungen für den Tod seines Vaters heran. Später erfahren wir, dass es nicht nur der Tod des Vaters war, was ihn so geprägt hat, sondern auch die Tischgespräche mit seinem Vater. Sein Vater unterwiews ihn in „Rassismus“, aber in der Szene wirkt das eher wie ein aufgesetztes Motiv, und auch an keiner anderen Stelle markiert der Film auf überzeugende Weise Dereks Werdegang zum Rassenhass.

Die erschreckendsten und gleichzeitig überzeugendsten Szenen sind die, in denen sich die Skinheads aufeinander einschwören. Sie sind verleitet durch Dereks brillante Rhetorik und berauscht durch Drogen, Bier, Tattoos, Heavy Metal und durch die Sehnsucht unsicherer Menschen danach, einer Bewegung anzugehören, die größer ist als sie selbst. In ihrer Welt (den Stränden und Schulhöfen von Venice in L.A.) ist es gang und gäbe, dass jede Ethnie zusammen hält und sich im unerklärten Krieg gegen die anderen befindet. Und tatsächlich wird der Rassenhass der Skinheads gespiegelt durch die anderen ansässigen ethnischen Gruppen. Feindschaftliche Stammesbildung ist hier eine Art Epidemie.

Der Film, geschrieben von David McKenna und gedreht von Tony Kaye, verwendet Schwarzweiß, um die Vergangenheit zu bebildern und Farbe für die 24 Stunden nach der Entlassung Dereks aus dem Gefängnis. Wir erfahren, dass Derek im Gefängnis eine langsame Entwicklung vom weißen Agitatoren zum Einzelgänger durchmachte - eine brutale Vergewaltigung beschleunigte den Prozess. Zur gleichen Zeit verwüsten Danny und seine Freunde (einschließlich eines massiven Kerls namens Seth, gespielt von Ethan Suplee) einen von Immigranten betriebenen Lebensmittelladen. Danny ist, wie auch sein Bruder, ein guter Schüler: beide werden unterrichtet von einem schwarzen Geschichtslehrer mit Namen Sweeney (Avery Brooks), der für das moralische Zentrum des Films steht.

In der Unmittelbarkeit seiner Bilder, in seiner Kameraführung (durch Kaye), die Venice aussehen lassen wie einen Übungsplatz der Hölle, und in der Stärke der Darsteller ist „American History X“ ein gut gemachter Film. Ich hielt die Hoffnung aufrecht, dass er mehr als das werden, dass er abheben und fliegen würde, was manchmal Filmen unter der Regie von Oliver Stone, Martin Scorsese oder Spike Lee widerfährt. Diesem geschieht es nie ganz. Seine Grundstruktur ist zu offensichtlich und es gibt Szenen, in welchen man regelrecht spürt, wie der Film sich beeilt, um zu seinem Ausgangspunkt zurück zu kehren.

Ein entscheidend vernachlässigter Bereich ist Dereks Gefängniserfahrung. Mit einem tätowierten Hakenkreuz auf der Brust gehört er zunächst zur dortigen White-Power-Minderheit, aber dann stellt er enttäuscht fest, dass zwischen allen größeren Gruppen im Gefängnis (Schwarze, Latinos, Weiße) stille Vereinbarungen bezüglich der Arbeitsteilung gelten; das ist ihm zu viel Kooperation! Okay, aber ist nun dieses der Grund, oder ist ein wichtiges Basketball-Spiel der Anlass für seine Probleme? Es ist nicht klar.

Er wird der Wäscherei zugeteilt, wo sein schwarzer Mitarbeiter (Guy Torry in einer wunderbaren Darstellung) beginnt – nun ja, ihm nach und nach als Mensch zu erscheinen. Aber es gibt eine merkwürdige Schieflage im Fortgang seines Gesinnungswandels. Die rechtsextremen Ideen werden mithilfe Dereks eindringlicher Rhetorik zwar klar artikuliert, sie werden aber nie hinterfragt, außer in einem leisen liberalen Gemurmel (durch einen jüdischen Lehrer, gespielt von Elliott Gould). Und dann handelt die große Rede des schwarzen Wäscherei-Arbeiters nicht von seinen Ideen und Empfindungen sondern vom Sex und wie sehr er ihn vermisst. Es gibt keinen wirkmächtigen Fürsprecher für das, was wir doch hoffentlich alle immer noch als die amerikanischen Ideale bezeichnen würden. Nun, Derek würde vielleicht wirklich keinen in seinen Kreisen finden.

Was wir bekommen, ist eine Reihe gut gezeichneter Skizzen und kraftvoller Szenen auf der Suche nach einem Organisationsprinzip. Wo der Film einer Ordnung bedarf, besteht er lediglich aus Handlung. Und Norton, so eindrucksvoll wie er auch spielt, erscheint eher als smarter Junge mit bösen Gedanken als ein hasserfüllter Rassist. (Ich musste an Tim Roth denken, als wirklich satanischem Skinhead in „Made in Britain“, einem Film aus dem Jahr 1982 von Alan Clarke.)

Kaye wollte übrigens, dass sein Name als Regisseur entfernt wird, mit der Begründung, dass der Film mehr Arbeit benötigt hätte und Norton einige Sequenzen neu nachschneiden ließ. Wahrscheinlich werden wir die ganze Wahrheit hinter der Kontroverse nie erfahren. Meine Vermutung ist, dass die nachträglichen Reparaturen durch ein Drehbuch inspiriert waren, welches versuchte, zu viel Terrain in zu kurzer Zeit abzudecken und schnell auf ein konventionelles Ende hinaus wollte.

Trotzdem, ich muss klarstellen: Dieses ist ein guter und kraftvoller Film. Wenn ich unzufrieden bin, dann weil er mehr verspricht als er am Ende hält.

Roger Ebert, 30.10.1998

Mit vielem Dank für die freundliche Genehmigung von Roger Ebert. Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Thomas

Dieser Text ist im Original erschienen bei rogerebert.com

 

American History X
USA 1998 -.114 Minuten - Altersfreigabe FSK 16 - Regie: Tony Kaye - Drehbuch: David McKenna - Produktion: John Morrissey, Michael De Luca - Musik: Anne Dudley - Kamera: Tony Kaye - Schnitt: Gerald B. Greenberg, Alan Heim -
Besetzung:
Edward Norton: Derek Vinyard
Edward Furlong: Danny Vinyard
Beverly D’Angelo: Doris Vinyard
Avery Brooks: Dr. Bob Sweeney
Jennifer Lien: Davina Vinyard
Elliott Gould: Murray
Stacy Keach: Cameron Alexander
Ethan Suplee: Seth Ryan
Fairuza Balk: Stacey
Guy Torry: Lamont
Michelle Christine White: Lizzy
 

 

 

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