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Alles, was wir geben mussten

 

 

 

Alternativhistorisch

Mark Romaneks Verfilmung von Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten" mit Keira Knightley und Carey Mulligan setzt auf die ganz große Gefühlsproduktion: Klone sind wie wir!

Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten", den Mark Romanek hier verfilmt hat, ist eine alternative Sozialfantasie. Angesiedelt in einer Vergangenheit - von den sechzigern bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts -, die sich nicht, wie alternativhistorisch üblich, durch einen politisch anderen Geschichtsverlauf von der Wirklichkeit, die wir kennen, unterscheidet. Was anders ist, ist eine Praxis, der allerdings eine wissenschaftsfiktive Erfindung vorausliegen muss: das Klonen von Menschen. Zu technischen Details erfährt man bei Ishiguro wie Romanek nichts. Mehr noch, wie so vieles bleiben diese Voraussetzungen implizit, man kann auf sie beinahe nur aus der wie selbstverständlich durchs Handeln und Reden der Figuren etablierten Welt schließen.

Menschen, das ist die Praxis, um die Roman wie Film sich drehen, werden geklont zu einem sehr speziellen Ende: sie dienen als lebende (fühlende, leidende, kurzum: wahrhaftes Menschsein demonstrierende) Ersatzteillager für lebenswichtige Organe. Sobald sie erwachsen sind, werden ihnen ein, zwei, drei Organe entnommen, nach dreien ist meist Schluss, das überleben sie nicht - oder, in der Sprache des Buchs und Films: sie sind "completed", also: vollendet. Ein Euphemismus, bei dem die Vorsilbe die Wahrheit verdreht: "depleted", also: erschöpft, entleert, ausgebeutet müsste das heißen. Diese Menschen als Klone sind Spender und heißen auch so. Eine Sonderfunktion haben die "Betreuer". Sie kümmern sich in einer einige Jahre dauernden Phase um die "Spender" auf ihrem schwierigen Weg, bevor sie dann selbst zu spenden beginnen.

"Alles, was wir geben mussten" ist eine biopolitische Dystopie, die auf wesentliche Elemente des Genres auf interessante, aber sicher nicht unproblematische Weise verzichtet. Der weitere Rahmen bleibt weitgehend offen: Wie eine zivilisierte Gesellschaft aussehen muss, die Menschen - und sei es als Klone - ihrer Lebenssinnautonomie beraubt und sie strikt zum Wohle anderer, wertvoller Menschen funktionalisiert und damit auf einen Nutz- und Objektstatus reduziert: diese Frage, und die darin implizierte danach, wie ähnlich unsere Gesellschaft in ihrer kapitalistischen Logik einer solchen bereits ist, stellt der Film nie. Vielmehr verdeckt er diese Frage durch humanistisches Sentiment: Auch Klone sind Menschen, seht, was sie leiden. Oder, in der existenzphilosophischen Umkehrung: Die Klone sind im Grunde wie wir: Erkennen wir in ihren so begrenzten, der Ausbeutung geweihten und dem Tod alternativlos anheimgegebenen Leben die endlichen unseren wieder.

Überführt wird all das in die biografiegeleitete narrative Normalform. Vom Lebensweg dreier Spender erzählt im mehrfachen Zeitsprung das Buch. Ruth, Kathy und Tom sind das Trio, das für die Zwecke des Spielfilms als sich verschiebendes Liebesdreieck erzählökonomisch mobil gemacht wird. Drei der größten kommenden bzw. schon existierenden Jungstars des gegenwärtigen Kinos hat Romanek hier gecastet: die patent-seelenvolle Grübchenhübsche Carey Mulligan (honi soit wer an die junge Maria Schell denkt) als Kathy; dürr-eckig-bleich-kühl und model-schön, aber als Darstellerin außerhalb ihrer Coolness-Comfortzone schnell arg forciert: Keira Knightley als Ruth; an Seele und Körper bei aller jungenhaften Attraktivität allzeit zerknautschbar: der künftige Spiderman Andrew Garfield als Tom.

Kathy liebt Tom. Der liebt sie eigentlich auch, jedoch drängt sich als erotisches Raubtier die gemeinsame Freundin Ruth zwischen sie und beschläft den sichtlich widerwilligen Tom. Aufgeschoben in ein manches korrigierende Nachspiel (zu spät, fast zu spät) bleibt das Geständnis der Liebe zwischen Kathy und Tom. Die Kindheitsphase im Spender-Internat Halsham nähert sich da bereits ihrem Ende. Zuvor wird, mit Kinderdarstellern noch, die Situation etabliert. In Halsham werden die Spender für ihr späteres Leben präpariert und mit Anekdoten des Schreckens an Ausbruchsversuchen gehindert. Der einzige Traum, der ihnen bleibt, kristallisiert im Gerücht eines im Fall großer Liebe möglichen Aufschubs. An der Spitze des Internats hält als Souveränin ihrer selbst und ihrer Untergebenen die von Charlotte Rampling gespielte Schulleiterin den Laden zusammen.

Was immer der Roman an Wahrheiten, Tiefen und subtilen Unheimlichkeiten besessen haben mag: Mark Romanek und sein Drehbuchautor Alex Garland surfen obenhin auf den sorgfältig ausgewählten Untiefen dieser Geschichte. Sie spitzen sie wieder und wieder und von Anfang an zu auf eine Liebestragödie mit glücklich-unglücklichem Ende. Das biopolitische Szenario wird zum Hintergrund für ein Melodram, das die biopolitischen Aspekte zur großen Gefühlsproduktion durch starke Begrenzung der Glücksmöglichkeiten ausbeutet. (Und, ja, natürlich gibt es da eine Parallele: Auch Geschichtenerzähler können Figuren ihre Autonomie lassen oder eben zum Zwecke des Aufwühlens der Zuschauerherzen mobilisieren.)

Die Langsamkeit der Inszenierung ist Chiffre für tiefe Nachdenklichkeit, jedoch platzt sehr verlässlich mit brutal süßsauren Streichern, gelegentlich klavierklimpergestützt, Rachel Portmans Filmmusik so dazwischen, dass niemals ein emotionaler oder gar intellektueller Freiraum entsteht. Auch fliegt, etwa in Gestalt der Vögel am Himmel, das eine oder andere Symbol der Unfreiheit durch die Bilder. Mark Romanek, dessen Geschäft das Musikvideo ist, produziert hier grundsätzlich nur Ersatz-Formen und Behauptungen wahrer Empfindung. Das Falsche des Melodrams wird ihm nicht in der Sirk- bzw. Sirk-a-la-Fassbinder-Tradition Mittel zur Darstellung tatsächlicher Verhältnisse. Umgekehrt vielmehr zwingt er das Wirkliche ins melodramatische Falsche und glaubt sich auf der Seite der Freiheit, wo er selbst immer nur Unfreiheit produziert.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de


Alles, was wir geben mussten
OT: Never Let Me Go
Großbritannien 2010 - 103 min.
Regie: Mark Romanek - Drehbuch: Alex Garland, nach dem Roman von Kazuo Ishiguro - Produktion: Andrew Macdonald, Allon Reich - Kamera: Adam Kimmel - Schnitt: Barney Pilling - Musik: Rachel Portman - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Carey Mulligan, Andrew Garfield, Keira Knightley, Izzy Meikle-Small, Charlie Rowe, Ella Purnell, Charlotte Rampling, Sally Hawkins
Kinostart (D): 14.04.2011

 

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