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Alles, was wir geben mussten

 

 



Der Komplex der Science-Fiction-Erzählung lässt sich in drei zentrale Narrative aufschlüsseln: ein wissenschaftliches, ein soziales und ein moralisches. Die drei bedingen sich insofern, als dass in der Science Fiction die Wissenschaften (der technologische Fortschritt) die Grundlagen für die gesellschaftliche Ordnung (Utopie/Anti-Utopie) schaffen. Gleichzeitig werfen die technischen Möglichkeiten unweigerlich ethische Fragen auf, die nur die soziale Gemeinschaft für sich beantworten kann – deren Verfasstheit und Bewusstsein aber maßgeblich reglementieren. Aus dem Spannungsverhältnis dieser drei Diskurse erwachsen in der Science Fiction gesellschaftliche Konflikte. Eine klare Trennung funktioniert allein schon deswegen nicht, weil das Science-Fiction-Genre seinem Naturell entsprechend über eine integrative Struktur verfügt. Schließlich erfüllt auch die Wissenschaft keinen Selbstzweck, sondern hat die Aufgabe, dem Wohl der Menschheit zu dienen. Fortschritt ohne Moral ist Faschismus, eine Gesellschaft ohne Wissenschaft Barbarei und eine Wertordnung ohne einen verbindlichen gemeinschaftlichen Konsens nicht mehr als eine schöne Illusion. Science Fiction ist auf gesellschaftliche Instanzen angewiesen, will sie kritisch Position beziehen.

Kazuo Ishiguro hebelte vor einigen Jahren mit seinem Bestseller »Alles, was wir geben mussten« (im Original: »Never let me go«) diese Verfügung auf elegante Weise aus: indem er die Konflikte einer zukünftigen Gesellschaftsform gewissermaßen internalisierte. Er ließ seine Geschichte in einer »parallelen« Gegenwart spielen. Dort erreichen die Menschen dank eines medizinischen Durchbruchs eine sehr hohe Lebenserwartung. Alles andere als ein langes Leben erwartet dagegen die drei Hauptfiguren Kathy, Tom und Ruth, von deren Aufwachsen in der sicheren Obhut eines »Hailsham« genannten Internats der Roman erzählte. Ihre extreme Isolation lässt früh erahnen, dass sie jenseits der Mauern des Anwesens keine Zukunft erwartet. In Ishiguros äußerst reserviertem Tonfall klang bereits eine latente Grundskepsis gegenüber der heilen Welt Hailshams mit. »Alles, was wir geben mussten« war in erster Linie die Geschichte einer Freundschaft, doch Ishiguro erzählte gleichermaßen von einer externen Instanz, die durch große Abwesenheit glänzte. Sein Roman war gewissernmaßen eine Gesellschaftsutopie ohne Gesellschaft, der auch die Mechanismen der Science Fiction auf die Probe stellte. Ishiguro zerlegte das Genre in seine drei Narrative und betrachtete jedes isoliert für sich.

Der amerikanische Regisseur Mark Romanek wird in seiner erfreulich werktreuen Romanadaption sogar noch etwas deutlicher, was einen im Sinne von Ishiguros Science-Fiction-Verständnis durchaus interessanten Nebeneffekt mit sich bringt. Wo Ishiguro mit Andeutungen und Auslassungen arbeitete, tendieren Romanek (One Hour Photo) und sein Autor Alex Garland (The Beach) auch im Dienste einer straffen Dramaturgie zur Konkretion. Während Ishiguro den Leser vorsichtig an den technischen Stand seiner Gesellschaft heranführte, wird »die Wissenschaft« im Film als bloßes Fakt an den Anfang gestellt – und damit aus der eigentlichen Geschichte ausgelagert. Eine Texttafel klärt auf: »Der medizinische Durchbruch ereignete sich 1952. Ärzte konnten nun lange Zeit unheilbare Krankheiten behandeln. 1967 überstieg die Lebenserwartung des Menschen 100 Jahre.« Die Zukunft war gestern. Eine Erfindung hat den Lauf der Welt verändert, doch dieses neue 1978 ähnelt noch frappierend dem, was wir gemeinhin mit dem Jahr 1978 assoziieren.

Worin diese große medizinische Erfindung besteht, belassen auch Romanek und Garland zunächst im Dunkeln. Die Wissenschaft bleibt im Film genauso eine Leerstelle wie die Gesellschaft, die vom technischen Fortschritt perforiert wird. Das Internat Hailsham ist ein hermetischer Komplex, der kein Außen zulässt. Die Lehrer, »Guardians« genannt, treten als Wächter der täglichen Rituale auf, die die ganze Welt der Kinder ausmachen: der Schulsport, die Tauschbörsen für wertlosen Nippes und der Kunstunterricht, dem in der Erziehung der Kinder eine zentrale Rolle zukommt. Jedes Kind hofft insgeheim, dass eines seiner Werke einmal für die ominöse »Galerie« ausgewählt wird. Für die in ihren Allianzen mehrfach wechselnde Freundschaft zwischen Kathy (Carey Mulligan), Tom (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley) werden diese Kunstwerke später noch eine besondere Bedeutung annehmen.

Romanek seziert in seinem Film das ritualisierte Leben der Kinder und Jugendlichen beinah klinisch, auch darum ist es eine kluge Entscheidung, Kathy als Ich-Erzählerin aus dem Off sprechen zu lassen. Sein distanzierte Inszenierung schafft von der ersten Einstellung an eine unterkühlte Atmosphäre. Dieses Hailsham kommt uns merkwürdig vertraut vor und wirkt dennoch fremdartig: ein pastorales Anwesen wie aus der britischen Landschaftsmalerei (oder dem Harry-Potter-Universum: Hogwarts!) mit einem Hauch von Orwell.

Umso verstörender schließlich die Erkenntnis, dass “Alles was wir geben mussten” ganz ohne moralisches Korrektiv auskommt. Hailsham ist ein Ort ohne Bewusstsein, auch weil ihm ein unmittelbarer sozialer Zusammenhang fehlt. Die Reaktion der wenigen Menschen, die Hailsham von Außen betreten, gegenübern den Kindern ist verstörend indifferent, die Verhaltensnormen innerhalb des Internats erinnern eher an die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Transponder am Handgelenk der Kinder, mit dem sie morgens »einchecken«, bricht diese Illusion immer wieder auf. Der Science-Fiction-Kern von “Alles was wir geben mussten” ist bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert. Hier greifen Romanek und Garland ein zentrales Motiv Ishiguros auf, der vor einigen Jahren erklärte, dass sein Roman für ihn als einen in Großbritannien aufgewachsenen Japaner auch eine Auseinandersetzung mit England als mythischem Ort bedeutete. Dem zollt Romanek mit seiner an die Ästhetik des britischen »Heritage Cinema« angelehnten Inszenierung Tribut. Schwere Braun- und Grüntöne dominieren die gedämpfte Farbpalette, Bauern- und Landhäuser prägen die Szenerie. Auch das anämische Spiel von Mulligan, Garfield und Knightley erinnert an die kühle Noblesse der Ivory-Merchant-Schule. Die Wahrheit aber ist viel grausamer.

Schneller und deutlicher als Ishiguro löst Romanek im Film auf, was es mit Hailsham tatsächlich auf sich hat. Das Internat ist kein Ort der »Züchtigung«, sondern ganz konkret: der Zucht. Die Kinder sind Klone; ihr einziger Lebenszweck ist es, später in einer ebenfalls ritualisierten Folge von maximal vier Operationen, ihre Organe zu »spenden«. Als eine neue Lehrerin (Sally Hawkins) den Kindern diese Tatsache im Unterricht verkündet, hat das ihre sofortige Demission zur Folge. Es wird die einzige empathische Reaktion des ganzen Films sein. Der Schock einer moralischen Entrüstung bleibt aus.

Doch auch die Kinder beginnen mit dem Wissen ihres angekündigten Todes nicht, das System in Frage zu stellen. Hierin liegt die eigentliche Anti-Utopie von “Alles was wir geben mussten”. Die Enthüllung hat, anders als in Michael Bays “The Island”, der dasselbe Thema vom anderen Extrem des ästhetischen (und politischen) Spektrums aus angeht, keinen Aufstand zur Folge. Die Kinder selbst haben keine Vorstellung von dem, wie ihr Leben anders verlaufen könnte.

Das Science-Fiction-Topos des »Kloning« dreht sich gemeinhin weniger um Fragen der Differenz denn der Identität. Das ist eine der wenigen Genrekonventionen, denen Roman wie Film folgen. Wieviel Mensch steckt eigentlich in diesem Ding »Klon«? Und umkehrt: Was macht den Menschen letztlich menschlich, wenn er doch in der Lage ist, diese »armen Kreaturen« (so die ehemalige Hailsham-Madame über Kathy) nach seinem Ebenbild zu schaffen, nur um ihre Körper zu kannibalisieren? Folgerichtig imitieren die Kinder dann auch nicht die Welt der Erwachsenen, sondern – natürlich – das Fernsehen. Liebe. Intrigen. Gossip. Was ist dran an dem Gerücht, dass zwei Klonen, die echte, menschliche Gefühle füreinander entwickeln, ein »Aufschub« von ein paar gemeinsamen Jahren geschenkt wird? Wo und wer sind ihre Originale, die sogenannten »Possibles«? Und was qualifiziert einen Klon für die Aufgabe eines »Pflegers«, denen als Gegenleistung für die Betreuung von »Spendern« eine Lebensverlängerung in Aussicht gestellt werden?

Dass sich der Wert des Menschen an den Modellen »Liebe« und »Kunst« messen lassen muss, zeigt letztlich, wie sehr das Science-Fiction-Konzept von “Alles was wir geben mussten” noch in einem romantischen Ideal verwurzelt ist – bis hin zur formalen Geschlossenheit von Mensch und Landschaft. Leidenschaft und Kreativität erhalten die höheren Weihen menschlicher Alleinstellungsmerkmale, in ihnen kommt die wahre Seele des Menschen zum Vorschein.

Der »Plot« von Film und Roman erscheint auf den ersten Blick ereignisarm und unerheblich: Kathy hegt aufrichtige Gefühle für Tom, doch der zeigt mehr Interesse an Ruth, die doch eigentlich die beste Freundin von Kathy ist. Ruth befindet sich erst im Stadium der Adaption. Ihre Persönlichkeit ist noch nicht weit genug entwickelt, als dass sie die Tragweite ihres Handelns erkennen könnte. Dass sie daran keinerlei Schuld trifft, liegt in der Tragik ihrer Figur. Toms Tragik besteht darin, nicht zwischen falschen und echten Gefühlen unterscheiden zu können. Darum werden er und Ruth ein Paar. Die Sehnsucht nach einer wahren menschlichen Regung umtreibt die drei gleichermaßen – ohne dass sie selbst ein Bewusstsein davon hätten, dass die Welt, in der sie leben, ihnen diese »wahren« Regungen nicht zugesteht.

Kathy blättert heimlich in Porno-Magazinen, um ihre Libido zu begreifen. Tom versucht ein Leben lang, seine Wutanfälle zu beherrschen – doch im Moment größter Enttäuschung brechen sie aus ihm heraus und er wird wieder zum Kind. Ruth ist die tragischste Figur des Films, weil sie bis zum Tod um ihr Bewusstsein ringt. Der Wunsch, Mensch zu werden ist bei ihr am ausgeprägtesten, weil sie intuitiv spürt, dass ihr all das, was Kathy auszeichnet, fehlt. Hailsham wird zum Schlüssel ihrer gemeinsamen Geschichte.

Doch die Existenz von Hailsham stellt auch die moralische Legitimation für das Handeln der Gesellschaft in Frage. Die Kunst spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hailsham stellt sich schließlich als Experiment heraus. Die Bilder und Gedichte der Kinder sollten Zeugnis von ihrem Geist und ihrer Individualität ablegen; zeigen, dass die Klon-Fabriken keine medizinisch reproduzierbare Erbmasse hervorbringen, sondern fühlende, denkende, empfindsame Menschen. Die Schließung von Hailsham stellt daher die eigentliche moralische Bankrotterklärung dar. Hailsham lieferte Antworten auf Fragen, die die Gesellschaft nie gestellt hatte. Mit dieser Erkenntnis werden die erwachsenen Kathy und Tom in die Welt entlassen. Auch die Kunst hat sie am Ende um ihr Anrecht auf Freiheit betrogen. Kathy tröstet sich mit einer dieser kleinen, pathetischen Formulierungen, die die menschliche Kultur eben so bereithält: dass ihnen die gemeinsame Zeit, auch wenn sie kurz war, niemand nehmen könne. Genauso wie die Erinnerungen an Hailsham und an Toms Kassette mit Luther Dixons “Never let me go”, das Kathy nachts heimlich auf ihrem Zimmer hörte. Als für die Dauer eines Popsongs eine Zukunft außerhalb Hailshams zum Greifen nah schien.  

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 


Alles, was wir geben mussten
OT: Never Let Me Go
Großbritannien 2010 - 103 min.
Regie: Mark Romanek - Drehbuch: Alex Garland, nach dem Roman von Kazuo Ishiguro - Produktion: Andrew Macdonald, Allon Reich - Kamera: Adam Kimmel - Schnitt: Barney Pilling - Musik: Rachel Portman - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Carey Mulligan, Andrew Garfield, Keira Knightley, Izzy Meikle-Small, Charlie Rowe, Ella Purnell, Charlotte Rampling, Sally Hawkins
Kinostart (D): 14.04.2011

 

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