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Beherrscht die Kunst der Zeitmodulation: Mia Hansen-Løves 'L' avenir'
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Vielleicht liegt es an der dunkleren Haarfarbe, vielleicht an der weitgehend schlichten Garderobe; Jedenfalls wirkte Isabelle Huppert nie blasser, auch nie fragiler als in "L'avenir", dem neuen Film von Mia Hansen-Løve, der für mich das erste echte Highlight des Wettbewerbs [Berlinale 2016, Red. der filmzentrale] ist - ich habe wirklich jede einzelne Szene, auch jede einzelne Figur geliebt. Vor allem natürlich Huppert. Die ist, wie gesagt, äußerst blass, ein regelrechtes Gespenst - aber ein agiles, quicklebendiges. Ständig ist sie auf Achse, vor allem zu Filmbeginn. In der Uni muss sie sich zwischen streikenden Studenten behaupten, in der Geschäftsbesprechung bei ihrem Verlag gegen die Marketingabteilung: Die Edition philosophischer Grundlagentexte, die sie herausgibt, soll buntere Einbände bekommen, weil die potentiellen Leser angeschrieen werden wollen. Und ihr geliebter Adorno verkauft sich sowieso schlecht.

Außerdem ruft andauernd die vielleicht verrückte, vor allem aber anhängliche Mutter an. Ihre eigenen Kinder ziehen sie derweil wegen ihrer Freundschaft mit einem jungen, hübschen Promotionsstudenten (Roman Kolinka) auf. Und gerade, wenn sie sich dann endlich einmal auf dem Sofa ausstrecken möchte, kündigt ihr Mann Heinz (André Marcon) an, dass er sie für eine andere verlässt. Zwei Einstellungen später ist er auch schon halb ausgezogen. Das bekommen die Filme der französischen Regisseurin stets ausgezeichnet hin: Zeitmodulation. Gerade noch schien das Leben im Alltagsstress und Wiederholung stillgestellt; und dann: zack, zack, zack, Mann weg, Mutter tot, ein letztes Bad am Strand vor dem gemeinsamen Ferienhaus in der Bretagne. Tatsächlich sind bei Hansen-Løve solche Zeitmodulationen, die auch etwas mit der hohen Kunst der rechtzeitigen Abblende zu tun haben, stets wichtiger als dramaturgische Setzungen. Beziehungen kommen und gehen, Figuren tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden auch wieder, ohne jede Vorankündigung. Nicht nur in dieser Hinsicht wirkt "L'avenir" zunächst etwas gesetzter als einige der früheren Filme. Diesmal sind die Kontinuitäten prägnanter als die Brüche. Aber es geht eben auch nicht mehr ums Jungsein, sondern ums Altern. Und in seinem etwas enger gesteckten Rahmen unterläuft der Film die Erwartungen umso gründlicher: Ganz selbstverständlich nimmt eine nicht einmal sonderlich wertgeschätzte, tiefschwarze Katze namens Pandora deutlich mehr Raum ein als Nathalies Ex-Mann und die beiden gemeinsamen Kinder zusammen.

Auch, dass Hansen-Løve alles um eine einzelne Figur herum konstruiert, die dann auch noch von einem Weltstar wie Huppert gespielt wird, rückt "L'avenir" in die Nähe geläufigerer Formen des europäischen Arthauskinos - ohne, dass das dem Film auch nur irgendwie schaden würde. Tatsächlich dominiert Huppert fast jede einzelne Szene, mal darf sie ihre gespenstische Vitalität, ihre drahtige Zerbrechlichkeit an unschuldigen Blumenbouquets auslassen, mal lässt die Regisseurin sie fotogen auf der Suche nach Handyempfang barfuß durchs Watt waten. Das ist souveränes, aber auch äußerst generöses Starkino: Hupperts Spiel wird nie als Attraktion ausgestellt, bleibt stets ein Mittel, die Welt auf eine bestimmte Art und Weise zu erschließen. Einmal zum Beispiel über einen mitgesummten Woody-Guthrie-Song - die Musikauswahl ist wieder einmal ganz besonders exquisit.
Nicht zuletzt überzeugt der Film als
book porn. "L'avenir" spielt in einer Welt, die mit Büchern vollgestellt, regelrecht überschwemmt ist, in einer Welt, in der nach einer Trennung zuallererst der Verbleib des Schopenhauer-Bands geklärt werden muss; und in der bereits Säuglinge mit (hoffentlich wenigstens illustrierten) Platon-Heftchen konfrontiert werden. Wichtig ist allerdings nicht nur Literatur (vor allem deutsche; Hansen-Løve hat selbst philosophie allemande studiert), sondern auch Politik, beziehungsweise das Verhältnis zu bestimmten Traditionen politischer Radikalität, von Studentenprotesten bis hin zum Una-Bomber.

In dieser Hinsicht ist "L'avenir" auch eine Fortführung von, oder vielleicht eher eine Antwort auf "Apres Mai", den leider recht eitel, fast weinerlich geratenen Film ihres Ehemannes Olivier Assayas über das Erbe von 68. Hansen-Løve findet eine deutlich überzeugendere Art, mit der Desillusionierung der politischen Linken umzugehen. Anstatt historische Flugblatttypographien zu fetischisieren und verflossenen, revolutionären Liebschaften hinterher zu trauern, lässt sie die Spuren der alten Kämpfe und Diskussionen in einen immer schon hybriden Alltag hinein diffundieren. In den alten Gespenstern steckt noch jede Menge Energie. Eines davon editiert vielleicht bald ein Philosophiemagazin im Internet.    

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Alles was kommt
(L'avenir) - Frankreich, Deutschland 2016 - 98 Min. - FSK: ohne Altersbeschränkung - Kinostart(D): 18.08.2016 - Regie: Mia Hansen-Løve - Drehbuch: Mia Hansen-Løve - Produktion: Charles Gillibert - Kamera: Denis Lenoir - Schnitt: Marion Monnier - Darsteller: Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Edith Scob, Sarah Le Picard, Solal Forte, Marion Ploquin - Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH

 

 

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