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After Earth

Wie ein Ladendieb

"After Earth" von M. Night Shyamalan hat außer erfolgreichem Vater-Sohn-Bonding im Hause Smith wenig zu bieten.

In einer fernen Zukunft lebt die Menschheit auf einem Exilplaneten namens Nova Prime, wo sie sich gegen auf menschliche Angstpheromone spezialisierte Monstren namens Ursa zur Wehr setzen muss. "Ghosten" nennt sich eine Technik zur Körperbeherrschung, die die Gefahr zwar erkennt, die Angst aber unterdrückt. Auf diese Weise "unsichtbar" geworden, ist es dem als Held der Menschheit kultisch verehrten Cypher Raige (Will Smith) möglich, die Ursa anzugreifen und zurückzuschlagen. Deutlich im Schatten dieses Ruhms steht sein Sohn Kitai (Jaden Smith), der trotz großen Ambitionen beim Training für eine vergleichbare Militärlaufbahn kaum Erfolge vorweisen kann. Bei einem als Vater-Sohn-Annäherung gedachten gemeinsamen Einsatz in outer space kommt es zur Katastrophe: Das Raumschiff stürzt auf der mittlerweile verwilderten Erde ab, der Vater liegt schwerverletzt im Wrack des Raumschiffs, der rettende Peilsender ging in 100 Kilometer Distanz zu Boden. Unter Moderation des Vaters muss sich der Sohn in der Wildnis bewähren.

Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht, wird das nicht prima: Regisseur M. Night Shyamalan - einst gepriesenes Wunderkind Hollywoods, mittlerweile aber ein von Kritik und Publikum in selten gesehenem Ausmaß getretener Hund - hatte sich mit originellen Genremeditationen wie "The Sixth Sense", "Unbreakable", "Signs", die die Mythen des Genres in eine Alltagswelt spiegeln, eine Position als Auteur innerhalb der Mainstreamindustrie gesichert, die mittlerweile gründlich erodiert ist. Hier legt er nur als Erfüllungsgehilfe ein reichlich seelenloses Vehikel für die Narzissmen von Will Smith vor, auf dessen Mist der ganze Film gewachsen ist.

Die (in kleineren Details variierte) Heldenreise nach Campbell stellt das Gerüst für diesen sich in der Welt des Science-Fiction-Kinos so unbekümmert wie ein Ladendieb bedienenden Film, der darin aber - anders als der sich ähnlich verhaltende "Oblivion" mit Tom Cruise - zu einer eigenen Meta-Eleganz nicht findet: Die Welt auf Nova Prima oszilliert zwischen "Wüstenplanet" und "Raumschiff Enterprise", die Raumschiffpassage in eine andere Welt orientiert sich in Erzähltempo und Ausstattungsästhetik an Ridley Scotts und H.R. Gigers "Alien", die zur Waldwelt mutierte, alte Erde scheint - wo nicht digital generiert - im selben Wald gedreht, der George Lucas als Kulisse für Endor in "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" diente, die Auseinandersetzung mit den Ursa wirkt wie eine Übernahme der Bugs aus Verhoevens "Starship Troopers", der ferne Vulkan am Horizont schließlich, wohin den mythisch verbrämten Held Erlösung, letzte Begegnung mit dem Monster samt Tod und Wiedergeburt locken, wirkt wie eine zusammengeschmurgelte Variante des Schreckenslandes Mordor aus dem dritten "Herr der Ringe"-Film. Zwischendrin: Viel soldatisches Pathos, das sich ernst nimmt, statt einfach nur als Triebabfuhr für Befindlichkeitskitsch zu dienen, und ein Jayden Smith, der über weite Strecken des Films als Internet-Meme in spe dümmlich in die Kamera grimassiert, während Vater Will - dessen Starpersona ansonsten vor allem auf der Rolle des flappsigen Autoritätsskeptikers fußt - den kernigen Soldatenpapa mit geradezu lächerlich versteinerten Mundwinkeln gibt.

Nun wäre gegen eine Neuauflage der Heldenreise im Kino nichts zu sagen. "After Earth" legt auf dieses Strukturskelett nur reichlich lustlos Fleisch. Ahnungen des Wunderbaren - das rochenartige Raumschiff zieht ins All, Millionen von Büffeln beim Panoramablick über die alte Erde, die Gnade des guten Tiers, das sich dem Helden auf seiner Bewährungsreise zur Seite stellt, der Abstieg in die Höhle samt Überwindung des letzten Monsters - wirken wie sinnlos in einem weiten Raum zurückgebliebenes Mobiliar und verpuffen bei der langen Reise durch Wald und Flur. Auch, weil der Vater seinen Sohn ständig mit allerlei Gerät aus der Ferne misst und dirigiert, entsteht eher der Eindruck, es mit einem Computerspiel zu tun zu haben als mit einem tatsächlichen Abenteuer.

Ähnlich wie "Oblivion" steht "After Earth" für eine Anbindung an eher naive Formen der Science Fiction. War die völlig durchgestaltete Welt des ersteren als retronostalgische Angelegenheit zumindest noch von ästhetischem Wert, wirkt "After Earth" nur noch wie die Verfilmung eines mit Fug und Recht nicht in Klassikerstatus aufgestiegenen Paperbacks aus den 50ern oder 60ern. Mag sein, dass Will und Jayden Smith nun ein besseres Verhältnis zueinander haben, dass der Vater dem Sohn erfolgreich etwas mit auf den Weg geben wollte. Fragt sich nur, ob es dafür einen derartigen finanziellen Aufwand, das Rest-Renommee eines Auteur-Aspiranten und eines gelangweilten Massenpublikums bedurfte.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.perlentaucher.de

 

After Earth

USA 2013 - 100 Minuten - Kinostart(D): 06.06.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: M. Night Shyamalan - Drehbuch: Stephen Gaghan, M. Night Shyamalan, Gary Whitta - Produktion: James Lassiter, Caleeb Pinkett, Will Smith - Kamera: Peter Suschitzky - Schnitt: Steven Rosenblum - Musik: James Newton Howard - Darsteller: Will Smith, Jaden Smith, Isabelle Fuhrman, Zoe Kravitz, Sophie Okonedo, Kristofer Hivju, David Denman, Sacha Dhawan, Lincoln Lewis, Chris Geere, Jaden Martin, Gilbert Soto, Darrell Foster, Faron Salisbury, Nick Grock

 

 

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