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Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnnis der Einhorn

Doppelte Fluchtbewegung

In Steven Spielbergs "Die Abenteuer von Tim und Struppi" gibt es Bilder von traumartiger Schönheit, aber keine "ligne claire"

Das Comicheft "Tim und Struppi: Das Geheimnis der 'Einhorn'" entstand 1943, während des zweiten Weltkriegs, unter deutscher Besatzung. Welchen Einfluss dieser Kontext konkret auf den Band gehabt hatte, mögen Tintinologen und Biografen seines Zeichners und Autors Hergé untersuchen. Unübersehbar ist auf jeden Fall die selbst für einen Abenteuercomic besonders ausgeprägte eskapistische Anstrengung, die sich in einer doppelten Fluchtbewegung weg von der ohnehin schon nostalgisch gefärbten Gegenwart niederschlägt: in der Raumdimension verschlägt es Tim und seine Mitstreiter - den Hund Struppi, die tumben Polizisten Schulze und Schultze, den ständig fluchenden Kapitän Haddock, die Opernsängerin Bianca Castafiore - in einen romantisierten Seeräuber-Orient. In der Zeitdimension springt die Erzählung zurück ins Mittelalter, an den Beginn einer Feindschaft, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt. In der Beschreibung dieser Bewegung ist "Das Geheimnis der 'Einhorn'" nicht nur eine eskapistische Erzählung, sondern gleichzeitig eine Erzählung über den Eskapismus, über dessen Mechanismen und über die Sehnsüchte, die er artikuliert.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich Steven Spielberg für sein "Die Abenteuer von Tim und Struppi" ausgerechnet diese Vorlage ausgesucht hat (er reichert sie an um Episoden aus zwei ähnlich gelagerten "Tim und Struppi"-Abenteuern derselben Schaffensperiode Hergés) und nicht eines der stärker an zeitgeschichtlichen Ereignissen und politischen Diskursen ausgerichteten Hefte aus den dreißiger oder fünfziger Jahren. Eskapismus war, das legt schon der Blick auf die Titel seiner Filmografie nahe, immer schon eine grundlegende Antriebskraft des Spielberg-Kinos; "Die Abenteuer von Tim und Struppi" ist nun, wie vorher mindestens auch "Hook", "Jurassic Park" und zuletzt "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ein Meta-Eskapismusfilm, ein Film, der sein Verlangen, dem Alltag in der Fantasie zu entkommen, in der Handlung selbst verdoppelt.

In einigen Passagen des Films hat die selbstreflexive Tendenz eines solchen Projekts auch eine medienhistorische Dimension: Wo "Jurassic Park" seinerzeit die digitalen Illusionen seiner Spezialeffekte in der Handlung kommentierte, spielt "Die Abenteuer von Tim und Struppi" mit dem Unterschied zwischen den flächigen, simplen Zeichnungen Hergés und der zeitgenössischen computerbasierten Technik (die Figuren sind mithilfe von motion capturing animiert, ein realer menschlicher Körper scheint aber nur in wenigen Momenten durch) des Films.

Im schönen Vorspann löst sich der noch gezeichnete Tim von der Comicseite und springt in eine noch in mehrere Richtungen formbare, halb-abstrakte Welt aus Linien mit Eigensinn. Mit dieser Freiheit ist's dann aber schnell vorbei. "Die Abenteuer von Tim und Struppi" spielt in einer detailreichen, bonbonbunten, wohlgeordneten Welt, alles ist digital blitzblank poliert, die gesamte Optik des Films wirkt so heimelig und ein wenig spießig wie die Inneneinrichtung der von einer neugierigen Haushälterin bewachten Wohnung Tims. (Zumindest in der deutschen Synchronfassung hört man dazu durchaus passende, altbackene Formulierungen wie: "Ach du dickes Ei!".) Diese slicken, manchmal fast fotorealistischen Computerbilder sind gerade keine Aktualisierung des minimalistischen, zeichenhaften "ligne claire"-Stils Hergés, sondern wirken eher wie ein übereifrig von den letzten Widerständen des Realen bereinigtes Kondensat der Indiana-Jones-Nostalgie: die soziale Wirklichkeit sind wir schon lange los, jetzt geht es auch noch der physikalischen an den Kragen.

Dazu passt, dass kaum jemand weiter von der inneren Zerrissenheit der amerikanischen Superhelden, die das Fantasykino der letzten Jahre prägten, entfernt sein könnte, als der grundgute Reporter Tim. Nicht bändigen lässt sich an ihm, damit spielt auch Spielberg zu Beginn, höchstens die ausdauernd senkrecht stehende Haarlocke auf der Stirn. Es gibt dann natürlich andererseits, als zweiten und viel menschlicheren, zugänglicheren Sympathieträger, Kapitän Haddock ("hunderttausend heulende Höllenhunde"), den heimlichen Star der Serie; ein obszöner, impulsiver Lustmensch, ein wandelnder Anachronismus, dessen offener und enthusiastischer Alkoholismus wiederum für Marvel oder DC untragbar wäre. (Eine Nebenüberlegung: Vielleicht gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den älteren, meist europäischen Abenteuercomics mit ihren horizontal ausdifferenzierten Ensembles flacher Figuren und den neueren, amerikanischen, die alle Differenzen vertikal in die Tiefe ihrer Hauptfigur projizieren.)

Man darf es dem Film durchaus hoch anrechnen, dass er Haddock zwar um ein Haar, am Ende aber doch nicht von seiner Sucht kuriert. Und eine Abenteuergeschichte spannungsreich und dynamisch erzählen kann Spielberg natürlich auch. In den ausgedehnten, oft atemberaubenden Actionsequenzen ist der Film dann auch wieder ganz zeitgenössisch (eine entfesselte Jagd durch einen arabischen Hafenort erinnert an "Das Bourne Ultimatum”); der traumartigen Schönheit einiger wild-romantischen Seeräuber-Bilder kann man sich sowieso nicht entziehen. Spielberg bleibt sich selbst treu, als handwerklich perfektes, weitgehend durchreflexiertes Unterhaltungskino kann man seine Filme auch weiterhin bewundern; nur fühlt sich dieses Mal eben doch alles ein wenig zu steril an.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn
USA / Neuseeland / Belgien 2010 - Originaltitel: The Adventures of Tintin - Regie: Steven Spielberg - Darsteller: (Motion Capture) Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig, Simon Pegg, Nick Frost, Cary Elwes, Toby Jones - FSK: ab 6 - Länge: 107 min. - Start: 27.10.2011

 

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