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Abendland

 

Kleiner Streber Max

Zwischen Oktoberfest und Pornofilm-Set sucht Nikolaus Geyrhalter den Abendlandbewohner, kommt dabei aber über Vorurteile kaum hinaus.

Mit der Großaufnahme einer Überwachungskamera beginnt der Film. Die Kamera dreht sich um zwei Achsen, scheinbar autonom, kein Mensch, der sie bedient, vorerst auch kein Blickobjekt ist in Sicht. Dann ein Schnitt auf einen Mann, der vor einem Bildschirm sitzt und die Kamera mit einem Joystick steuert. Er scheint, soweit man das seinem Gemurmel entnehmen kann, auf der Suche nach Eindringlingen zu sein. Dann wieder ein Umschnitt auf eine Totale des Überwachungswagens mit auf dem Dach befestigter Kamera in der Nähe eines Grenzzauns. Eine Art dialektischer Dreischritt: Kamera - Kamerabild - Kamerablick im Raum.

Das ist dann schon die erste von um die zwanzig kurzen dokumentarischen Szenen, die Nikolaus Geyrhalters "Abendland" kommentarlos und mit wenigen Ausnahmen ohne direkt ersichtliche Übergänge oder sich aus dem Material ergebender Reihenfolge hintereinander stellt. Die meisten dieser Miniaturen zeigen öffentliche oder institutionelle Räume und porträtieren gleichzeitig einen Ort und einen Funktionszusammenhang. Eine Poststation und den zugehörigen Paketversand, das Oktoberfest und ein Besäufnis mit anschließendem Notfallwageneinsatz, ein Filmset, auf dem ein Porno gefilmt wird. Gedreht wurde in mehreren europäischen Ländern, gelegentlich tauchen emblematische Bilder des modernen Abendlands auf: das Europaparlament, der Eurofighter.

Die einzelnen Szenen sind in meist um die zehn Einstellungen aufgelöst, die Kamera bleibt oft statisch, die wenigen Bewegungen, die es gibt, sind dann sehr prägnant, Schwenks zum Beispiel enthalten den Gestus des Zeigens. Es gibt eine Tendenz zur symmetrischen Totalen. Innerhalb der Segmente finden sich oft kleine Argumentationsketten. Einige in der Art der eingangs beschriebenen Szene: im Europaparlament zum Beispiel Rede - Gegenrede - Sprachgewirr (statt: Verständigung). Andere funktionieren weniger dialektisch: Castortransport kommt zum Stehen - Demonstranten ketten sich an die Gleise - Demonstranten werden von den Gleisen entfernt - Castortransport fährt weiter.

Die Kamerafahrt entlang der Bahngleise ist, wie einiges andere in "Abendland", visuell beeindruckend. Dennoch muss man von den zyklisch wiederkehrenden Castordemonstrationen, die ja streng genommen eher Heimatschutzfestspiele als Anti-Atomkraft-Protest sind, nicht viel halten, um gerade in dieser Sequenz eine eindeutige ideologische Positionierung des Films ausmachen zu können, die auf die totale Diskreditierung individueller politischer Handlungsmacht hinausläuft: Die Demonstranten (die teilweise lieber tanzen wollen) werden erst von der Demonstrationsleitung aus dem Off zur Ordnung gerufen und dann von der Ordnungsmacht Polizei wieder abtransportiert, der Zug hat Verspätung, aber die ist längst eingeplant. Die Entscheidung, das Segment mit dem wiederanfahrenden Zug enden zu lassen, verschiebt den Modus der Bilder endgültig von der Diagnose zur Setzung. Nicht: Ich gehe ins Abendland und schaue mir an, was ich da finde; sondern: Ich zeige Euch mein Abendland. Nicht, dass der Film das, was er zeigt, affirmieren würde. Er schließt nur von Anfang an die Option Veränderung aus.

Das ist der Abendlandbewohner für diesen österreichischen Dokumentarfilm: Gleich nach der Geburt wird er verkabelt, bleibt dann von der Wiege bis zur Bahre eingespannt in Maschinenkonstruktionen, wird ständig beobachtet und vermessen, baut schließlich selbst einen technologischen Wall um sich auf, um die diversen, nicht-abendländischen Anderen von sich fernzuhalten, am Ende steigt er vielleicht sogar, wer weiß, in den Eurofighter, um die Festung Europa mit Waffengewalt zu sichern. Intimität und Lebenslust und damit alle Situationen, in denen man sich emphatisch als Individuum in der und auch gegen die Gesellschaft positionieren kann, kommen in einem solchen, weitgehend in Technik aufgehobenen Leben nur noch als ihre eigene Parodie vor, als Pornografie und totalitärer Kirmes-Techno. Es mag schon etwas dran sein an dieser Diagnose. Nur leider wurde ich das Gefühl nicht los, dass Nikolaus Geyrhalter das alles schon wusste oder zu wissen glaubte, bevor er damit begann, diesen Film zu drehen. Und dass der Film dann nicht mehr ist als die Bebilderung eines Vorurteils, das nicht versprachlicht wird, sich in den Bildern aber umso nachdrücklicher einnistet und das spätestens in dieser ästhetischen Bearbeitung eine antidemokratische Schlagseite nicht verleugnen kann.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Abendland
Österreich 2011 - Regie: Nikolaus Geyrhalter - Dokumentation - FSK: ab 12 - Länge: 94 min. - Start: 22.12.2011

 

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