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4 Tage im Mai

 

 

 

 

Wäre es nicht so traurig, könnte man wohl tatsächlich von der Ironie der Geschichte sprechen. „Poll“ (fd 40 287), „Das Blaue vom Himmel“ (fd 40 474) und jetzt „4 Tage im Mai“ – 65 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus entdeckt der deutsche Film den Ostseeraum als Sehnsuchtsraum und dreht endlich die Filme, von denen die Vertriebenenverbände immer geträumt haben. Allerdings: so grobschlächtig wie in Achim von Borries’ neuem Film „nach einer wahren Begebenheit“ war Geschichtsrevisionismus im Kino eigentlich nicht mehr zu erwarten.

Man schreibt den Mai 1945, der Krieg ist fast vorüber. Irgendwo an der Ostsee – ist es das Baltikum, ist es Ostpreußen, ist es Rügen? – sind die Kämpfer des Kämpfens müde. Soldaten der Roten Armee werden als Spähtrupp abkommandiert, ein von einer Baronin geleitetes Kinderheim zu besetzen und zugleich den nahe gelegenen Küstenabschnitt zu kontrollieren. Versprengte Einheiten der Wehrmacht hoffen dagegen, sich übers Meer nach Dänemark abzusetzen. Zwischendrin ein Junge, Peter, der davon träumt, selbst die Uniform anzuziehen und zu kämpfen – und sei es nur, um eine junge Frau zu retten. Als ihm später dieser Wunsch erfüllt wird, darf er, eingesperrt im Keller, nicht beim Töten dabei sein.

Ohnehin erscheint Krieg in der Ostsee-Idylle als eher harmloses Indianerspiel. Die Russen haben gerade einmal die militärischen Mittel, um die Absetzbewegung der Wehrmachtssoldaten zu verhindern. Ansonsten bleibt viel Raum fürs Menschliche, das sich beispielsweise in Szenen zeigt, in denen die russischen Soldaten auf verstimmten Klavieren Schumann spielen oder davon erzählen, was sie als erstes tun, wenn sie wieder nach Hause kommen. Großes Glück haben sowohl die russischen Soldaten als auch die Bewohner des Kinderheims mit dem Offizier, der hier Befehlsgewalt hat. Der Hauptmann stammt nicht nur wie die Baronin aus Leningrad, sondern er hat im Krieg auch seinen Sohn verloren und geriet wiederholt mit den Politkommissaren der Roten Armee aneinander. Alle diese Eigenschaften spielen im Laufe des Films noch eine Rolle. Zunächst aber geht es um die kleinen humanitären Gesten zwischen Krieg und Frieden: während die Blätter an den Bäumen vom Wind rascheln und die Ostsee gluckst, beginnt die Annäherung zwischen Menschen, die darauf gedrillt wurden, sich feindlich zu verhalten. Man entdeckt Gemeinsamkeiten, die Liebe zur Kunst und Kultur; es entwickelt sich sogar eine zarte Liebe – und dazwischen ein rothaariger Junge, dem nach Raufen zumute ist, der die Soldaten gerne noch einmal in Aktion erleben würde. Der dann aber erleben muss, dass der Feind, der Hauptmann, ihn wie einen Sohn behandelt, und dass er das von Peter verehrte Mädchen vor der Soldateska schützt.

Weil hier keiner mehr kämpfen mag, dehnt sich die Zeit zum Sound einer Glasharfe. Die „dunkle Zeit“, von der das Presseheft so gerne raunt, scheint fast vorbei, doch quasi zeitgleich mit der Kapitulation der Wehrmacht kehrt der Krieg noch einmal zurück. Und zwar in Form eines angetrunkenen Majors der Roten Armee, dem nicht nur die Fraternisierung des Hauptmanns und seines Trupps gegen den Strich geht, sondern der auch noch das Mädchen will, das Peter schützen wollte. Jetzt ist der Hauptmann gezwungen, gegen den eigenen Vorgesetzten vorzugehen, was mörderische Konsequenzen nach sich zieht.

Im Vor-Schein des Post-Ideologischen heißt es nicht mehr Faschismus gegen Bolschewismus, sondern Gut gegen Böse – die alten Grenzen sind aufgehoben. Auch die deutschen Soldaten, die bislang immer etwas unmotiviert durchs Bild schlenderten, bekommen noch etwas zu tun, gewissermaßen eine Chance zur Bewährung. Was jetzt passiert, ereignet sich (aus Kostengründen?) nur auf der Tonspur, weil der Junge, aus dessen Perspektive mal mehr, mal weniger das Geschehen gezeigt wird, im Keller eingesperrt ist. Erst zum Schluss, als die Überlebenden auf ein Schiff und damit in Sicherheit gebracht werden, gibt es einen tonlosen Blick aufs Schlachtfeld. Die Nachricht von der unerhörten Begebenheit, dass am letzten Tag des Krieges deutsche Soldaten russischen Soldaten beisprangen, um deutsche Waisenkinder vor marodierenden Rotarmisten zu schützen, verschwand für Jahrzehnte in den Militärarchiven der Sowjetunion. Bis jemand auf diese Anekdote stieß und dachte, mit geringem Budget könne man daraus einen stillen Film über eine Zeit machen, in der „Krieger wieder zu Zivilisten“ (Achim von Borries) werden wollen oder müssen. Erzählt aus der Perspektive eines Jungen, gedreht an einem entlegenen Ort, wo vom großen Krieg und seinen Verbrechen ansonsten nicht viel zu bemerken war.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen im:film Dienst

4 Tage im Mai
Deutschland / Russland / Ukraine 2011 - Regie: Achim von Borries - Darsteller: Pavel Wenzel, Aleksei Guskov, Andrej Merzlikin, Grigoriy Dobrygin, Angelina Häntsch, Gertrud Roll - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 97 min. - Start: 29.9.2011

 

 

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