zur startseite

zum archiv

zu den essays

45 Minuten bis Ramallah

 


So begrüßenswert es ist, dass mit Ali Samadi Ahadi ein weiterer Migrant im deutschen Kino zur festen Größe aufgestiegen ist, so enttäuschend ist sein braver Kurs, das seit seinem Spielfilmdebüt „Salami Aleikum“ (fd 39 384) erfolgreiche Komödienkonzept schlicht auf weitere Culture-Clash-Problemzonen zu übertragen. Der wie auf dem Reißbrett generierte Klon „45 Minuten bis Ramallah“ kehrt nach „The Green Wave“ (fd 40 309) umstandslos zur Holzhammer-Komik seines Erstlings zurück. Erneut mit Navid Akhavan in einer der Hauptrollen besetzt, tönt es im dümmlich infantilen Ton zwischen RTL-Comedy und dem bieder-gestrigen Weltbild von Papas Kinolieblingen à la Peter Alexander oder Jerry Lewis. Immerhin: Gemessen am durchschnittlichen Komplexitätsgrad dieser Referenzgrößen ist es bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit Ahadi islamistische Terroristen, Rassisten und Fanatiker jeder Couleur der Lächerlichkeit preisgibt, und das im konfliktgeladenen Israel, das aus deutscher Perspektive überhaupt nicht komödientauglich ist.

Ein 30-jähriger Palästinenser mit israelischem Pass verdingt sich in einem Restaurant auf der Hamburger Reeperbahn als Küchenhilfe, gibt bei seiner Mutter aber vor, einen erstklassigen Gourmet-Tempel zu führen. Als er den schlecht bezahlten Job verliert, kommt ihm die Einladung zur Hochzeit seines jüngeren Bruders gerade recht. Nach erniedrigenden Körpervisitationen am Flughafen und einer Taxifahrt mit einem schlechtgelaunten Israeli-Hasser gibt er aus dem Off in Zwiesprache mit dem Zuschauer zunächst den sarkastischen Jerusalem-Stadtführer, um sich dann bei der Familienfeier sogleich mit seinem autoritären Vater in die Haare zu kriegen, der prompt vor lauter Aufregung einen Schlaganfall erleidet. Die nicht weniger dominante Mutter befiehlt ihren zerstrittenen Söhnen, den Patron in seinem Geburtsort Ramallah zu bestatten, also mitten im palästinensischen Autonomiegebiet.

Ein aufreibendes Unterfangen, müssen auf der vermeintlich nur 45 Minuten langen Fahrt mit dem Lieferwagen und einer Leiche im Plastiksack doch diverse Grenzkontrollen, Diebstähle durch die russische Automafia, Gefängnisaufenthalte als vermeintliche Bombenleger und Verschleppungen im Auftrag der „Heiligen Freiheitskämpfer“ überstanden werden, mitsamt einer gerade noch verhinderten Exekution und dem Einsatz als Selbstmordkommando. Unter übermotiviertem Einsatz des russischen „Kalinka“-Refrains, orientalischer Tanzmusik und wild animierter Jagdszenen gerät die Odyssee zur Fuchtel-Orgie à la Louis de Funès. Inklusive cartoonhaft überzeichneter Figuren, deren Nervenzusammenbrüche, Schwulen-Witze und Techtelmechtel zwischen den Olgas und Rafiks dieser zum „Irrenhaus“ missratenen Multi-Kulti-Welt nur selten etwas wirklich Unerwartetes zu lachen geben.

In der Summe ist das ein unterfordernder Eintopf, der Kindermündern durchaus bekäme, wären sie denn das Zielpublikum dieser in ihren Mitteln atavistischen Turbulenzmaschine mit einer zwar löblichen, aber auch selbstläuferischen Friedensbotschaft, die erneut die politisch korrekte Preislawine in Gang setzten dürfte.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmdienst 25/20133

 

45 Minuten bis Ramallah
Deutschland 2013 - Regie: Ali Samadi Ahadi - Buch: Gabriel Bornstein, Karl-Dietmar Möller-Nass - Produktionsfirma: brave new work filmprod./ARD Degeto
Produktion: Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger, Armin Hofmann, Christine Strobl - Kamera: Wedigo von Schultzendorff - Schnitt: Silke Olthoff, Frank Geiger - Musik: Ali N. Askin - Darsteller: Karim Saleh (Rafik), Navid Akhavan (Jamal), Julie Engelbrecht (Olga) - Länge: 90 (24 B./sec.)/87 (25 B./sec.) Minuten - Verleih: Zorro Start(D): 05.12.2013

 

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays