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3 Herzen

 

 



Trotz lustvoller Zuspitzungen mag einem in Benoît Jacquots Melodram "3 Herzen" nicht so recht das Herz brechen.

Unter provenzalischer Sonne kreuzen Liebe und Zufall bekanntlich besonders gern die Wege. In "3 Herzen" kollidieren sie allerdings direkt frontal und das bei durchgetretenem Gaspedal. Schon die Eingangssequenz legt alle Zutaten für einen post-romantischen Totalschaden auf den Tisch: Marc (Benoît Poelvoorde), ein Steuerprüfer aus Paris, verpasst in der Nacht um Haaresbreite den letzten Zug, der ihn in die Hauptstadt hätte zurückbringen sollen. Jetzt ist er gestrandet in einem Kaff in Südfrankreich, wo selbst im Bahnhof am Abend auf Notbeleuchtung geschaltet wird. Sylvie (Charlotte Gainsbourg), die einzige Frau weit und breit, verwickelt er in ein Gespräch, hängt sich an sie dran und zusammen machen sie einen Spaziergang, wie wohl nur unbehauste Seelen aus Romanen, Opern und Filmen es können. Zwar wird nicht alles ausgesprochen, aber doch viel gesagt zwischen zwei gerauchten Zigaretten. Es gibt keinen Zweifel: Das hier ist eine handfeste schicksalhafte Begegnung. Der erste Zug am Morgen entlässt die Liebenden mit dem Versprechen eines weiteren Treffens in ihr echtes Leben. In Paris wollen sie einander wiedersehen, doch unglückliche Umstände werden ihre erneute, dann gänzlich unerwartete Begegnung auf einen fernen Zeitpunkt vertagen.

Benoît Jacquots Film bürdet seinen Zuschauern vom Start weg ein fast zentnerschweres Marschgepäck gläubig hinzunehmender Konstruktionen auf. Man steht nicht bloß einigermaßen baff vor so viel stürmischer Liebesfügung innerhalb von fünf oder sechs Filmminuten, sondern duldet etwas zähneknirschend, dass dem Drehbuch jeder schmutzige Kniff und jede Auslassung recht sind, um das begonnene Spiel von Liebe und Zufall am Leben zu erhalten: Da ist kein Handy, nicht einmal ein Stift zur Hand, um die Nummer der neuen Bekanntschaft zu notieren und so die mündliche Verabredung abzusichern. Für einen Steuerprüfer im Außendienst ist das zwar eine eher bemerkenswerte Lücke im Equipment, später aber schert derlei Anachronismus natürlich niemanden mehr und es wird rege telefoniert, getextet, gechattet und geskypt. Man hat keine Wahl, als dieses Biegen und Brechen schon im Kleinen bereitwillig abzunicken, denn im großen Rahmen der Erzählung werden die Zumutungen kurz darauf noch schamloser. Marc kehrt nämlich ein weiteres Mal in beruflichen Dingen in die Provence zurück und verliebt sich ruckzuck erneut, jetzt in eine gutmütige Antiquitätenhändlerin mit Steuerproblemen. Diese Frau, Sophie (Chiara Mastroianni), aber ist keine Andere als Sylvies Schwester. Letztere wohnt inzwischen mit ihrem Freund in den USA, weshalb Marc - natürlich! - von der drohenden Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit zunächst rein gar nichts ahnt.

Man darf das schematisch, hölzern, fürchterlich gewollt und auch einfach samt und sonders schrecklich finden. Oder man entscheidet sich zum hemmungslosen Genuss und goutiert diesen sadistischen Exzess auktorialen Erzählens wie die sündigen Sahnetörtchen, die Sophies und Sylvies Mutter (Catherine Deneuve) auf die feine Kaffeetafel stellt. Dann nämlich funktioniert "3 Herzen" als ein programmierter Auffahrunfall, der sich in extremer Zeitlupe auf zwei Stunden dehnt: Als stets in alle Geheimnisse der Figuren eingeweihter Betrachter sieht man schon das Glas splittern, noch ehe der große Knall zu hören ist. Benoît Jacquot, ein Filmemacher, der seit jeher alles kann und das so gut, dass er niemanden mit der Nase darauf zu stoßen braucht, lässt deshalb das Unbehagen schon früh durch sparsame Einstreuungen den Plot überwuchern: Wie aus einem anderen Film rast ein Auto auf der unbelebten Dorfstraße an Marc und Sylvie vorbei, erschreckt ein aufheulendes Motorrad den an einem schwachen Herzen leidenden Marc fast zu Tode. Und führt Sylvie nicht einen Hund an der Leine, als sie zum ersten Mal vor dem Bahnhof das Bild durchquert? Im nächsten Moment schon ist er spurlos verschwunden. Marc glaubt bereitwillig an eine Illusion.

Später kreist Jacquots hochbewegliche Kamera die Protagonisten in den Zimmerecken von Sophies Elternhaus ein, wenn der vor innerer Unruhe schwitzende Marc den wahren Familienverhältnissen seiner künftigen Ehefrau auf die Schliche zu kommen beginnt. Ein Feuerzeug, das Marc an Sylvie in ihrer gemeinsamen Nacht weitergab, zieht als Dingsymbol flammender Leidenschaft die Spur vom Gestern ins Heute, als es in Sophies Küche wieder auftaucht. Dazu legt die Musik derart wummernde Akkorde in Nachtschwarz-Moll über die Szenerie, als zögen die Vorzeichen der Apokalypse und nicht bloß jene einer verkorksten Dreiecksgeschichte am Horizont auf.

Die lustvolle Zuspitzung, Überbietung und gelegentliche Durchkreuzung des äußerlich Erzählten durch die eigenen Erzählmittel stellt "3 Herzen" in die Nähe der Großmeister des Melodramatischen - gleich, ob nun Douglas Sirk und Leo McCarey oder (Jacquot ist ein häufiger Opernregisseur) Puccini und Massenet. Anders als bei jenen will einem das eigene Herz bei Jacquot aber doch nie so recht brechen. Das mag an dem etwas zu bitterbösen Vergnügen liegen, das der Film am Scheitern seiner Figuren zeigt. Es riecht zwischen den Bildern und Klängen nach einem Hauch von Verachtung gegenüber deren Unbeherrschtheit, Hilflosigkeit und Naivität. Einmal setzt, unvermittelt und weit fortgeschritten im Film, gar ein Off-Erzähler ein, um Marcs neues Lebensglück mit Frau, Kind und lauschigem Eigenheim salbungsvoll zu kommentieren. Der einst stürmisch liebende Mann wird, handzahm domestiziert, im bürgerlichen Zoogehege vorgeführt. Dass das nicht gutgehen und Sylvie bald wieder vom Skype-Gespenst auf dem Computer ihrer Schwester in Fleisch und Blut übergehen wird, wissen wir als Zuschauer in fies-freudiger Komplizenschaft mit dem Film. Eine ehrliche Träne werden wir deshalb aber sicherlich nicht mehr vergießen.

Janis El-Bira

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

3 Herzen
(3 coeurs) - Frankreich 2014 - Laufzeit: 104 Min. - Start(D): 19.03.2015 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Benoît Jacquot - Drehbuch: Julien Boivent, Benoît Jacquot - Produktion: Christoph Friedel, Alice Girard, Genevieve Lemal, Olivier Père, Claudia Steffen, Edouard Weil - Kamera: Julien Hirsch - Schnitt: Julia Gregory - Musik: Bruno Coulais - Darsteller: Benoît Poelvoorde, Charlotte Gainsbourg, Chiara Mastroianni, Catherine Deneuve, Xavier Briere, Thomas Doret, Yvonne Gradelet, Joshua Heuzard Freche, André Marcon, Patrick Mille, Nicolas Simon, Elina Solomon, Cédric Vieira, Caroline Piette, Francis Leplay, Jean-Louis Croquet, Tien Shue, Xiaoxing Cheng - Verleih: Wild Bunch Germany

 

 

 

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