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Die
Zeit nach Mitternacht
Wann
endlich wird Martin Scorsese einen seiner genialen Filmanfänge konzentriert
bis zum Ende weiterführen?
DIE
ZEIT NACH MITTERNACHT (AFTER HOURS) ist für das Werk Martin Scorseses ein
exemplarischer Film. Ob NEW YORK, NEW YORK, THE
KING OF COMEDY
oder TAXI
DRIVER,
Scorseses Eröffnungssequenzen übersteigern die Erwartungen an den
weiteren Verlauf der Filme derart, daß sie daran letztlich scheitern müssen.
Das Geschick bei der Montage seiner Musikfilme (Scorsese ist vom Schneidetisch
zum Regiepult gelangt) WOODSTOCK und
THE LAST WALTZ steht unerklärt neben seiner offensichtlichen Ungeduld oder
Unfähigkeit, gute Storys, gute Ideen und Dialoge so rhythmisch anzuordnen,
daß der Spannungsbogen zum Ende ansteigt, den Film so strukturiert und
zusammenhält.
Der
junge Programmierer Paul Hackett (Griffin Dunne) verläßt das Gebäude
seiner Firma - und hinter ihm schließt sich das goldfarbene Scherengitter
des Portals: Symbol einer materiell saturierten, aber auch ein wenig langweiligen
und frustrierenden Yuppie-Existenz, die Hackett - ohne es zu ahnen - gerade
hinter sich gelassen hat und in die er sich schon bald zurücksehnen wird.
So
beginnt Scorseses neuer Film AFTER HOURS, gedreht nach dem Erstlingswerk des
bis dato völlig unbekannten Autors Joseph Minion. Der Film erzählt
die Geschichte, die Episoden einer Nacht Paul Hacketts in New York, die seine
Existenz auf absurd-groteske Weise zu zerstören droht. Der etablierte,
konformistische Programmierer gerät eher beiläufig in die Künstler-
und Bohemeszene von Soho, die sich als exaltiert-dämonischer Reigen origineller
und skurriler, ausgeflippter und exotischer Figuren entpuppt. (Und es ist wohl
mehr als nur eine zufällige Ironie, daß sich Scorsese dies Soho,
das als Metapher für ein spezifisches Lebensgefühl steht, aus diversen
Versatzstücken der Stadt New York für seinen Film zusammenklauben
mußte.)
Der
Nachtfilm in der Metropole, dem Asphaltdschungel, den man früher „film
noir“ nannte und der in den 80er Jahren immer mehr zur Spielwiese begabter Werbefilmer
(siehe: DIVA, SUBWAY, CHOOSE ME) degeneriert, ist von seinen filmischen Möglichkeiten
her als Erfolgsrezept fast narrensicher; verglichen -diesen Hunderten von Großstadt-Nacht-Odyssee-Filmen
ist AFTER HOURS wenig experimentierfreudig (wie etwa Chantal Akerrnans TOUTE
UNE NUIT)
und etwas blutleer-konstruiert wirkend (im Gegensatz etwa zu Jacques Brals EXTERIEUR
NUIT oder Scorseses MEAN
STREETS).
In
einer Cafeteria wird Paul Hackett über seiner Lektüre von Henry Millers
TROPIC CANCER von einer ein wenig neurotischen Blondine (Rosanna Arquette) angesprochen,
die seine Vorliebe für diesen Roman teilt. Noch am gleichen Abend verabredet
er sich mit ihr in ihrem Loft in Soho. Als er dort ankommt, hat er während
der Taxifahrt bereits seinen einzigen 20-Dollar-Schein verloren. Und Marcy,
die Blondine, ist natürlich nicht da. Statt dessen trifft er auf Kiki,
eine Bildhauerin mit unübersehbaren sado-masochistischen Neigungen, die
ihn für die Arbeit an ihren Skulpturen einsetzt, bis Marcy zurückkehrt.
Und
so weiter, und so weiter; was folgt, sind durchaus originelle, aber nicht überraschende
Variationen der bisherigen Ereignisse, in denen Paul seinem unerwarteten Ende
entgegentaumelt. So gehen auch die guten Einfälle und witzigen Dialoge
in diesem Theater des Pseudo-Absurden unter:
Paul
will das Appartment des Barkeepers, der ihm seinen Wohnungsschlüssel geliehen
hat, gerade verlassen; er wirft ein Papiertuch ins Klo, und zieht die Spülung.
Die Kamera befindet sich hoch oben in der Ecke des aseptisch sauberen Raums.
Die visuell klaustrophobische Situation wird durch den zentralen Bildgegenstand,
die das ganze Bildkader einnehmende Kloschüssel mit der dämonisch
leuchtenden blauen Flüssigkeit darin, unterstrichen. Hakkett zieht - wie
gesagt - die Spülung, das Wasser beginnt zu fließen und hört
und hört nicht auf zu fließen ... alles ist blau, Blutströme
- könnten für Paul nicht schreckerregender sein. Er schreit »Scheiße!«
und flüchtet.
Eine
solche Episode wird jedoch vom Feuerwerk der Verwirrung fast erstickt, die für
Paul immer bedrohlichere Formen annimmt. Der sexbesessenen Kellnerin einer Bar
kann er gerade noch entkommen, doch die Eisverkäuferin, der er dann in
die Hände fällt, scheint ihn endgültig zur Strecke zu bringen.
Paul flüchtet vor der auf ihn mittlerweile angesetzten Bürgermiliz
zur Bildhauerin June, die ihn mit Mull und Papier überklebt und solcherart
ein lebendes Kunstwerk aus ihm macht: Der Programierer im Innern der Skulptur
entgeht der Aufmerksamkeit seiner Verfolger. Aber wie es das Drehbuch will -
agile Einbrecher klauen ausgerechnet diese Skulptur aus Junes Keller und laden
sie in ihren Lieferwagen ...
Irgendwann
muß Scorsese und seinen Drehbuchautor Minion jedoch der Mut zu den finalen
Konsequenzen dieser alptraumhaften Odyssee verlassen haben - AFTER HOURS versucht
nämlich einen ebenso eleganten wie prekären Seiltanz zwischen Tragödie
und Komödie, ohne die Figur Paul Hackett der katastrophalen Absurdität
der Ereignisse wirklich ganz überantworten zu wollen. Dazu gehört
auch die seltsam »unentschiedene« Marcy (vgl. den bekannten Satz:
Ein Mann fällt. Steht er wieder auf, ist's eine Komödie, bleibt er
liegen, ist's eine Tragödie).
Dem
Film wird gewissermaßen das subtile mathematische Kalkül zum Verhängnis:
Das komplexe Gewerbe seiner ineinander verschlungenen Episoden ist viel zu artistisch
und filigran, als daß es wirklich jenen Riß in der Realität
bewirken könnte, hinter dem das Fantastische und Absurde schimmert. In
der strikten Funktionalität der Episoden, trotz des raffinierten traumatischen
Labyrinths, durch das Hackett irrt, hat AFTER HOURS doch immer einen harmonischen
Unterton, der die absurde Groteske dieser Nacht als inszeniertes Kalkül
desavouiert und die Rückkehr in die sichere Realität des Normalen
vorwegnimmt.
Es
ist paradoxerweise gerade die souveräne Perfektion seiner Konstruktion,
die AFTER HOURS kalkulierbar und damit irgendwann auch ein wenig langweilig
macht. Das kann auch die spontane Lust an Joseph Minios literarischen Eklektizismen
- Ray Bradburys TÄTOWIERTER MANN läßt ironisch grüßen
- nicht kaschieren. AFTER HOURS ist - determiniert durch sein Procedere, das
an die Auflösung einer mathematischen Formel erinnert - eine paradigmatisch
geschlossene Form mit einer fatal epigonalen Aura.
Denn
der Skulptur gewordene Programmierer kommt abermals abhanden - doch diesmal
am rechten Ort. Die Diebe - der ziemlich laue »running gag« des
Films - legen sich mit ihrem Lieferwagen etwas zu scharf in die Kurve und verlieren
dabei die Skulptur, die auf dem Asphalt zerschellt. Aus den Trümmern und
dem Staub wühlt sich Hackett hervor, und vor ihm öffnet sich das goldfarbene
Scherengitter eines Portals. Etwas derangiert betritt er - es ist neun Uhr früh
- das Gebäude seiner Firma und setzt sich vor den Bildschirm seines Computers,
der ihn mit den Worten »Good morning, Paul« begrüßt.
Die
Realität der Normalität, die Hackett nie endgültig hinter sich
gelassen hatte, hat ihn definitiv zurück. Der berühmte Riß in
der Realität, durch den das Fantastische und Absurde sichtbar ist, er hätte
sich vielleicht aufgetan, wenn der Projektor während der Vorführung
ausgefallen wäre. Die adäquate Lösung dieses filmischen Kalküls
wäre - seine Unlösbarkeit, wäre das Verschwinden und der Untergang
Paul Hacketts in den absurden Ereignissen dieser Nacht gewesen.
Nur
in einer solchen strukturellen und narrativen Offenheit hätte die authentische
Atmosphäre des Absurden gelegen. Aber man hat ja selten Glück - Sternstunden
des Kinos, die auf dem Versagen der Technik basieren, sind bekanntlich rar.
Michael
Ledel
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: “FILMFAUST”, 1986
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Die
Zeit nach Mitternacht
(Afterhours)
USA 1985
90 Minuten
REGIE:
Martin Scorsese, DREHBUCH: Joseph Minion KAMERA: Michael Ballhaus, SCHNITT:
Thelma Schoonmaker, MUSIK: Howard Shore PRODUZENTEN: Amy Robinson, Griffin Dunne,
Robert F. Colesberry, DARSTELLER: Griffin Dunne (Paul Hackett), Rosanna Arquette
(Marcy), Verna Bloom (June), Linda Fiorentino (Kiki), Teri Garr (Julie), lohn
Heard (Tom), Thomas Chong (Pepe), Cheech Marin (Neil) U.V.A. PRODUKTION: Double
Play Production, VERLEIH: Warner-Columbia Filmverleih.
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