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Yeah! Yeah! Yeah! (A Hard Days Night)

 

Ein Film mit den Beatles und ein Film über die Beatles. Also etwas für die Fans der liverpooler Sänger? Gewiß, doch wird der Film viele Beatlesverehrer überfordern. Mehr geschieht hier: In bemerkenswert gelungener Form beschreibt der Film den Mythos der Sängergruppe; je grotesker und absurder die Einfälle sind, um so mehr verfällt der Film in eine Art authentischer Komik, die der Wahrheit näher kommt als jeder explizite Dialog. Eine Reportage? Eine Komödie? Eine parodistische Selbstdarstellung? Mir diesen Vokabeln läßt er sich nicht begreifen, und will man ihn beschreiben, läßt sich die Handlung nicht erzählen.

 

Der englische Titel (wie der deutsche einem Beatles-Lied entlehnt) kommt der Sache schon näher. Ausgangspunkt ist der Bericht über einen Arbeitstag der Sänger. Die Struktur einer Reportage ist daher zu erkennen; die Beatles, Verehrern entgehend, im Zug unter sich, bei einer Probe, im Fernsehstudio; bei einer Pressekonferenz, in einem Tanzclub, während einer Aufführung. Ab und an bricht das Showbusiness durch: dann wird gesungen. Doch fragt man sich, ob die Einlagen noch zur Reportage gehören, zweifelt, ob überhaupt etwas berichtet wird. Der Reportage-Gegenstand konstituiert sich erst im Film. Die Beatles werden nicht abkonterfeit; ihre Wahrheit wird vom Film produziert. Gesten, Reden, Einfälle und Reaktionen geschehen vor der Kamera; die Authentizität der Selbstaussagen überträgt sich in den Film; Arbeitsmittel waren Kehlkopfmikrofone und Handkameras; entsprechend lebendig ist Ton und Bild, körniges Schwarz und blendendes Weiß von Scheinwerfern, die im Wege stehen.

 

Das Wahrheitsmaterial entbehrt des Pathos. Die Beatles legen sich nicht fest und flüchten in immer neue Einfälle absurder Komik. Im Drumunddran einer Fernsehaufnahme sieht man sie das Weite gewinnen. Regisseur Richard Lester läßt wie in seinem The Running Jumping Standing Still Film (in: Liebenswerte Leckerbissen, Fk 8/63) eine zu schnell gedrehte und unkontinuierlich geschnittene Sequenz folgen, in der die Beatles über die Wiese springen, sich zu einem Squaredance vereinen und in höchst willkürliche Ornamente erstarren. Eine Slapstickparodie, aber keine absurde und willkürliche. Solche Szenen vermitteln ein durchaus motiviertes Freiheitsgefühl: die Freiheit des Clowns von der Notwendigkeit, sein Tun und Lassen zu rechtfertigen.

 

Ohne jeden explizierenden Dialog und mit sinnvoll angewandten Mitteln des modernen Films hat Lester auf solche Weise einen der Gründe ins Bild gebracht, die den Charme und den Mythos der liverpooler Sänger ausmachen; sie sind ganz einfach da - mit all ihren Marotten und irren Einfällen; es gibt nichts zu explizieren, und dem Versuch, sich zu rechtfertigen, wird widerstanden. Keine Frage, daß diese Position eine Quelle unerschöpflicher Komik ist; jedenfalls in diesem Film werden die Konflikte mit der Außenwelt, die den nicht-integrierten Außenseitern übel will, komisch aufgelöst. In Yeah! Yeah! Yeah! erscheint daher als ständiger Begleiter der Beatles ein Opa, der sich allzeit bemüht, die Außenseitergruppe zu sprengen. Er fragt etwa Ringo in einer Kantine, warum er so ein mieses Buch liest. Mit der Antwort („weil's mir Spaß macht") gibt er sich nicht zufrieden und animiert den Jungen, bei seinem Alter und seiner Position endlich damit anzufangen, Mädchen aufzureißen. Ringo wird klar, daß die Außenwelt dergleichen von ihm erwartet. Er wird traurig. Und im Film folgt eine lange schöne Sequenz, unsentimental und von bitterer Komik, ohne jeden Dialog: Ringo läuft durch ein paar Straßen, hilft einer schönen jungen Dame über eine Matschstrecke hinweg, indem er seinen Mantel unter ihren Füßen ausbreitet, läßt die Vertreterin des weiblichen Geschlechts anschließend in ein Kanalisationsloch fallen und schlendert schließlich mit einem Jungen an einem Kanal entlang, der ihm aufgeregt und wichtig seine Lebenspläne erzählt: Frau, Beruf und Geld. Ringo hört sich wortlos an, wie begeistert der kleine Junge den Ansprüchen der Umwelt genügen wird. Eine Szene von unbestimmter Trauer und Komik, in der Sequenz des Kid und der Vitelloni - die Begegnungen Moraldos mit dem Arbeiterjungen - aufgehoben sind.

 

Die Beatles, mystifiziert wie in diesem Film, setzen als Wunschbild unsere Originale und Querköpfe des vorigen Jahrhunderts fort. Kaum geht es noch um ihre Lieder. Sicher, im Film sind sie enthalten. Doch gleichzeitig wird auch das Publikum gezeigt, in deren ekstatischen Schreien das Lied untergeht. Es geht um ihre Schrullen. die sie untereinander komisch-stoisch akzeptieren, und es zählt der Erfolg, mit dem sie ihre eigenen Angelegenheiten gegen die Ansprüche der Öffentlichkeit verteidigen – emsig-komisch und nachdrücklich wie Buster Keaton. Ein altmodischer Versuch, zum Scheitern verurteilt und auf träumerische Weise erfolgreich.

 

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

 

Dieser Text erschien im September 1964 in der Zeitschrift Filmkritik

Einen Rückblick auf diesen Film und diese Kritik unternimmt D. Kuhlbrodt im Jahr 2006 hier

 

Yeah! Yeah! Yeah!

A Hard Day's Night

Großbritannien 1964, P Proscenium. V United Artists - R

Richard Lester, B Alun Owen. K Gllbert Tayior, M John

Lennon u. Paul McCartney. D John Lennon, Paul McCartney,

George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell, Victor

Spinetti.

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