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X-Men: Der letzte Widerstand

 

Mit Pathos und Trompeten

 

Noch vor zehn Jahren erschien den Studio-Bossen in Hollywood der Gedanke, dass man hochdekorierte Theatermimen ins Zentrum eines Multi-Millionen-Dollar-Spektakels stellen könnte, ähnlich absurd wie der Wunsch nach ritueller Selbstentleibung. Inzwischen jedoch haben klassisch trainierte Schauspieler wie Branagh, Dench oder Holm in Bond-Filmen, Action-Krachern und Fantasy-Epen nicht nur bewiesen, dass sie in der Lage sind, flachen Klischeefiguren und hastig zusammengelöteten Dialogen eine würdige Kohärenz und Tiefe zu geben - sie sind sogar die einzigen, die sowas hinkriegen.

 

Die "X-Men"-Franchise nun hat das Glück, gleich zwei solcher gravitätischer Ausnahme-Darsteller vorzeigen zu können. Und spätestens in diesem dritten Film der Reihe entpuppt sich das Casting von Patrick Stewart und Ian McKellen als hassliebendes Antagonistenpaar endgültig als Geniestreich. Mitten im explosivsten, sinnentleertesten und dümmstmöglichen Hollywood-Hochglanz zelebrieren da zwei alte britische Theaterlegenden unbeeindruckt ihren Wettstreit um die größte schauspielerische Tiefe. Und die beiden schenken sich nichts - eine Szene nach der nächsten wird da ergriffen, emotional gedreht und zurückgedreht. Letztlich siegt McKellen um Haaresbreite dank eines eindrucksvollen Match Points: Während der unerträglich schmalzigen Coda des Films, in der man, wie spätestens nach dem 11. September in amerikanischen Filmen üblich geworden, nach der Vernichtung des Bösen den angerichteten Schaden inspiziert (aber als reparierbar erkennt) und emotional Abschied nimmt von den gefallenen Kameraden (aber gleichzeitig hastig versichert, dass alle schon drüber hinwegkommen werden), in dieser vor Pathos triefenden Abschlussmontage findet allein McKellen die Kraft, gegen allen Sentimentalitäts-Zwang von Musik und Inszenierung anzuspielen. Sein Schlussmoment eines zerrissenen, alten Mannes, nunmehr allein vor seinem geliebten Schachbrett, ist das einzige Bild, das noch Tage nach dem Film im Gehirn haften bleibt. Wo Dutzende Filmstars scheitern, schafft es erneut nur ein alter Theater-Haudegen, sich über das Schwülst-Bombardement zu erheben und innerhalb eines halben Augenblicks eine komplette Lebensgeschichte zu erzählen.

 

Dass diese interessanter ist als der von unzähligen Autoren zusammengepanschte Plot (bis zu fünf beteiligte Urheber finden sich bei der Recherche) ist traurig, aber vorhersehbar. Die bisher immens politisch orientierte Comic-Franchise verliert mit dem Weggang von Bryan Singer, den es zu dem noch verlockenderen "Superman"-Sequel zog, seinen gewohnt biederen, aber immerhin seriösen Tonfall. Das ist machnmal gar nicht schlecht: Fort ist der heilige Ernst, mit dem deutlich erkennbare Pulp-Kreaturen in Halloween-Kostümen sich um ein philosophisches Menschenbild bemühen, dann aber mangels Aufmerksamkeitsspanne des modernen Blockbusterpublikums gezwungen sind, sich statt dessen doch in Grund und Boden zu klopfen. Mit Brett Ratners lässigerer, aber auch uninspirierterer Regie halten immerhin kleine Prisen Komik Einzug in das X-Universum. Szenen wie jene, da eine in ihrem Autowrack eigeschlossene Familie dem scheinbar allmächtigen Magneto gegenübersteht und nichts Besseres zu tun weiß, als instinktiv die Türen zu verriegeln, damit der Freak wenigstens nicht reinkommt, tun diesem Szenario durchaus gut, das ja schon immer hart am Abgrund das Lächerlichen balancierte.

 

Leider geht aber auch alle Zurückhaltung flöten, die sich der strikte Perfektionist Singer auferlegt hatte. Nach jedem absurden Moment, der für ein kleines Grinsen sorgt, kommt ein erneuter Tiefschlag mit Pathos und Trompeten. Das kann ein völlig unnötiger Abstecher ins Teenie-Eifersuchtsdrama sein oder ein hastig hingebastelter und vollkommen unmotivierter Zwei-Minuten-Konflikt um den Engels-Mutanten Warren.

Richtig schlimm wird es jedoch erwartungsgemäß erst im dritten Akt, wo im wahrsten Sinne des Wortes alle Dämme brechen: Das Bild schreit, die Charaktere schreien, die Musik schreit - und der Zuschauer möchte sich nur noch genervt die Ohren und Augen zuhalten. Dazu kommen Logikfehler und Intelligenzbeleidigungen, die selbst eine liberale Blockbuster-Toleranzschwelle bei weitem überschreiten. Unglaublich? Wie wäre es damit: Keiner versteht, welche Fraktion am Ende eigentlich wofür kämpft. Das ist von der reinen Erzähltechnik her ein Armutszeugnis, aber vielleicht auch besser so. Schließlich würde man beim genaueren Durchdenken bemerken, dass unsere mutierten Helden gerade ihren "Last Stand" (mit dem "Widerstand" des deutschen, wie gewohnt fehlübersetzten, Titels hat das nichts zu tun) austragen, um der amerikanischen Regierung eine unmenschliche Waffe zu erhalten, die diese bereits einzusetzen bereit war, gegen jede Absprache und gegen jedes bessere Wissen. Plotlöcher will man sowas schon gar nicht mehr nennen. Solche haarsträubenden Verwirrungen offenbaren eine politische Widersprüchlichkeit und Dummheit, die dem stets übervorsichtigen Bryan Singer niemals unterlaufen wäre. Mit Verlaub: Happy End ist anders.

 

Daniel Bickermann

 

X-Men: Der letzte Widerstand

X-Men 3: The Last Stand. USA 2006. R: Brett Ratner. B: Zak Penn, Simon Kinberg u.a. K: Dante Spinotti. S: Mark Helfrich, Mark Goldblatt, Julia Wong. M: John Powell. P: 20th Century Fox, The Donners Comp., Marvel Enterpr. D: Hugh Jackman, Ian McKellen, Patrick Stewart, Famke Janssen, Ian McKellen, Halle Berry, Kelsey Grammer, Anna Paquin, Rebecca Romijn, Ellen Page - FSK: ab 12 - Länge: 104 min. - Start: 25.5.2006

 

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