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Wolfsmilch

 

 

 

Ein ästhetischer Genuß, dieser Film. Von erlesenem Geschmack, nobler Zurückhaltung und elegischer Resignation. Ja, unmöglich ist es, in dieser Welt Erfüllung, gar Liebe zu finden. Das sagen sich auch die Helden von WOLFSMILCH, Penner und Obdachlose in Albany, N.Y., 1938. Und da das Stadtstreicherpaar von den oscarwerten Darstellern Nicholson und Streep gespielt wird, ist WOLFSMILCH ein Film über Nicholson und Streep, die das asoziale Milieu vorspielen. Sie sind selbstredend hervorragend, ja erschütternd, und damit wir uns mit den Hollywoodstars besser identifizieren können, hat das Drehbuch (William Kennedy) kleine Hilfen parat. Erstens sind die Stars eigentlich keine Asoziale, sondern verhinderte Normalbürger. Deswegen spielt der Film auch die ihnen „eigentlich" gemäßen Karrieren aus. Streep, der gescheiterte und bös enterbte Musicstar, darf, wenigstens einmal, auf der Bühne brillieren - freilich nur imaginär -, und Nicholson darf als Grandpa im Kreise seiner typisch amerikanischen Familie den Enkel das Baseballfangen lehren, eine wohl zu Tränen rührende Szene, real gemeint.

 

Zweitens sind uns die so kunstvoll gespielten Asozialen dadurch vom Leibe gehalten, daß die Geschichte vor dreißig Jahren spielt - mit Rückblende bis 1916. Drittens ist das Milieu so erlesen und wohlriechend hergerichtet, daß es mit jedem keimfreien Operationstrakt konkurrieren kann. Die wunderschönsten Oldtimer und Straßenbahnen fahren durchs Bild. Die Pennermoden der vergangenen Jahrzehnte sind sorgfältig recherchiert und liebevoll nachgeschneidert. Und in der Slum-Wohnung aus der Zeit der Großen Depression ist mit übergroßer Sorgfalt noch ein Loch in den abgetretenen Teppich gearbeitet worden. Ein nostalgisch verklärtes, dem Zugriff entrücktes Subproletariat, ein gepflegtes lebendiges Museum mit beachtlichen Exponaten. Wie gesagt, ein ästhetischer Genuß.

 

Eine Handlung zu haben, läßt sich WOLFSMILCH nicht vorwerfen. Was passiert, war schon gewesen. Für Nicholson und Streep hatten neun Jahre nicht ausgereicht, ihre Liebe zu entdecken. Jetzt lebt Nicholson mit seiner Vergangenheit, d.h. mit den Toten, die er auf dem Gewissen hat, weshalb Albany von einer Anzahl Engel bevölkert wird, ganz in Weiß natürlich und mit viel übersinnlichem Licht beschienen; wir können dies deutlich sehen, weil wir zusammen mit dem Penner halluzinieren. Nachdem die Engelschar im Lauf des Films zugenommen hat - schließlich ist auch Meryl Streep dabei (Selbstmord!) -, ist der Film auch schon zu Ende. Halt, Tom Waits ist vorher noch von der Bürgerwehr totgeschlagen worden, übrigens recht realistisch, zwecks Säuberung der Stadt von asozialen Elementen.

 

Ich fragte Babenco, warum er denn jetzt Hollywoodfilme mache, nachdem er mit dem brasilianischen Cinema Növo (zuletzt: PIXOTE/Asphalthaie, 1980) gegen diese Art von US-Kino angetreten war. Er sagte, es sei ihm darum gegangen, mit Hollywoodstars einen Nicht-Hollywoodfilm zu machen. Ihm sei es egal, wie das auf das hollywoodgewöhnte Publikum wirke. Er habe die Stars für seine Sache eingespannt. - WOLFSMILCH ein subversiver Akt? Nein, er, Babenco, habe keine soziale Botschaft in den Film gesteckt. Ihm gehe es in diesem wie in den anderen Filmen um allgemeingültige ethische Probleme, um die Unmöglichkeit der Liebe in unserer Welt und um die fortwährende Anstrengung, die Liebe dennoch zu finden, sowie um das bessere Verständnis der Eigen-Art durch die Erfahrung des Anders-Artigen. Und da dies generelle Fragen seien, habe er mit ästhetischen Mitteln in WOLFSMILCH eine poetische Welt geschaffen, in der die Realität (die Zeit der Großen Depression) eher symbolisch mit den Depressionen der Stars korrespondiere.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 1/89

 

Wolfsmilch

IRONWEED

USA 1987. R: Hector Babenco. B: William Kennedy (nach seinem gleichnamigen Roman). K: Lauro Escorel. Sch: Anne Goursaud. M: John Morris. T : Robert J. Litt. Ba: Jeannine C. Opperwall. A: Robert Guerra. Ko: Joseph G. Aulisi. Pg: Taft Entertainment Pictures/Keith Barish Prods. Gl: Joseph H. Kanter, Denis Blouin. P: Keith Barish. V.- Metropol-Film. L: 144 Min. FSK: 16, ffr. St: 5.1.1989. D: Jack Nicholson (Francis Phelan), Meryl Streep (Helen Archer), Carroll Baker (Annie Phelan), Michael O'Keefe (Billy Phelan), Fred Geynne (Oscar Reo), Tom Waits (Rudy).

 

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