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Wir waren niemals hier

Das Störrische lieben lernen

 

Die härteste Band Deutschlands: Antonia Ganz hat über Max Müllers legendäre Band Mutter eine Dokumentation gedreht - "Wir waren niemals hier" läuft im Panorama der Berlinale [lief im Panorama der Berlinale und ist ab Mai 2007 auf DVD erschienen - die Redaktion der filmzentrale]

 

Wie soll man die Musik der Band Mutter beschreiben? Diedrich Diederichsen versucht es mit Worten: "minimalistischer Heavy-Rock" [Von Diederichsen hier ein Text zum Film]. Das Kurzstatement platzt in den Film rein, der sich liebevoll dem Phänomen der Mutter-Musik nähert. Wir erfahren: Die Musik, die Max Müller seit 20 Jahren macht, entzieht sich einer Festlegung. Kaum ist das Wilde und Chaotische akzeptiert, wird es sanft, verletzlich, heimelig, und "die Erde wird der beste Platz im All".

 

Für die Mutter-Band ist jetzt der "Wir waren niemals hier"-Film der beste Platz. Antonia Ganz hat aus entlegenen Winkeln und Ecken Super-8-Material der großen 80er-Jahre zusammengetragen. Max Müllers Gruppe hieß da noch Honkas oder Camping Sex. Was in den Privatwohnungen passierte, war auch öffentlich. Maxens Mutter kriegt einen Vokalpart, der ältere Bruder, Wolfgang, kommentiert das Treiben des jüngeren günstig, die Schwester überrascht in ihrem Laienchor mit "Maria, die durch den Dornwald ging".

 

Alles Disparate findet im Film auf wunderbare Weise genauso zusammen wie die auseinander strebenden Parts der Band. Umso größer ist der Spaß, wenn daneben die schlauen Sprüche von Jochen Distelmeyer oder Rocko Schamoni oder Alfred Hilsberg ins Leere gehen. In einer schönen Szene, von Antonia Ganz live mitgedreht, sieht man, wie Hilsberg, die Labelgröße der Achtziger, im hiesigen Jahrtausend wortlos, aber Türen schlagend die Mutter-Runde verlässt.

 

Der Film über "die härteste Band Deutschlands", wie sie gern betitelt wurde, ist heute eine runde Sache. Hätte Antonia Ganz den Wechsel von hart zu weich und zurück ("Die neue Zeit") toppen sollen? Sie nimmt sich zurück und lässt den Nummern die Zeit, die sie brauchen. Also spart sie sich die bekannten Peinlichkeiten, auch sind wir nicht im Moderatorenfernsehen, sondern schlicht dabei, im Privaten oder bei "Maria". In den Achtzigern wurde noch provoziert mit Hakenkreuzen, mit "KZ 36" oder dann mit dem Is-ra-el, das Max Müller obsessiv ins Mikrofon schreit, minutenlang. Die, die niemals hier gewesen sein wollen, sind gleichwohl immer da, vorzeitig eventuell. Produziert war der Titel "Europa gegen Amerika" vor Neinelewwen, erschienen ist er danach, und zurückgezogen wurde er entschieden nicht. - Das Störrische der Band Mutter muss man lieben, auch das des Films, der die Genres nicht achtet. Ein Unikum? Ein Unikat!

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz

Zu diesem Film gibt es im archiv mehrere Texte

 

Wir waren niemals hier

Deutschland 2005 - Regie: Antonia Ganz - Darsteller: Max Müller, Frank Behnke, Kerl Fieser, Florian Koerner von Gustorf, Tom Scheutzlich, Jörg Buttgereit, Regina Hoppe, Françoise Cactus, Edith Müller, Diedrich Diederichsen, Wolfgang Müller - Länge: 100 min. - Start: 20.10.2005

 

Wir waren niemals hier ist auf DVD erschienen im Mai 2007, als Bonusmaterial befindet sich darauf u.a. auch der berühmte Kurzfilm: Das Leben des Sid Vicious, (erschienen bei absolut Medien [www.absolutmedien.de])

 

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