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Willkommen im Tollhaus

 

 

 

Ich habe noch einmal im Collins-Wörterbuch nachgeschaut: von „Tollhaus" keine Spur. Warum auch? Schließlich geht es bei der Familie Wiener so viel verrückter nun auch nicht zu als in vielen anderen Mittelstandsfamilien auch. Erstens also: Einigen wir uns auf die Verwendung des amerikanischen Originaltitels. Zweitens folgt aus erstens als reine Vorsichtsmaßnahme: Man sollte sich die Originalfassung ansehen!

 

WELCOME TO THE DOLLHOUSE beginnt mit einer Kamerafahrt auf ein klassisches Familienportrait zu romantischem Klaviergeklimpere. Doch nicht das Zentrum des Bildes, das der lächelnde Papa einnimmt, ist das Ziel, sondern, rechts außen, ein gräßlich grinsendes Mädchengesicht hinter einer dicken Kurzsichtigenbrille. Schnitt. Eine amerikanische Schulcafeteria. Wieder die Grinserin, diesmal todernst. In einem peinlich hyperfemininen rosa Top mit biederem Schürzenrock sucht sie mit ihrem Tablett einen Platz. Die Kamera folgt ihrem Blick. Wir also auch. Überall quirlig-fröhliche Grüppchen, irgendwo ein Tisch an dem nur eine einsame Mitschülerin sitzt. „Can I sit down here?" Nach einigem Zögern und abschätzigem Blick höfliche Akzeptanz: „If you feel like it." Dann kommen deren Freundinnen: „Are you a lesbian?" Unter allgemeinem „Lesbo, lesbo"-Gejohle macht sich die Heldin davon.

 

Schnell, souverän und ohne viel Aufhebens führt uns dieser Start in den Film und offenbart Thema, Perspektive und Machart. Jugendleben im Herzen der amerikanischen Suburbs. Gesehen vom Rande, aus einer Außenseitersituation. Erzählt mit bravourösem Geschick. Hauptperson ist die elfjährige Dawn, jenes Mädchen, das wir vom Foto kennen. Das Foto hängt über der Couch im TV-Raum eines weißlackierten Einfamilienhäuschens in New Jersey, nicht weit von New York.

 

Dawn hat es schwer. Nicht nur, daß sie nicht hübsch ist, sie verhält sich auch entsprechend (vielleicht hängt ja eines vom anderen ab?). Außerdem heißt sie „Wiener" mit Nachnamen. Das reicht. Und so machen die anderen ihr und sie sich das Leben zur Hölle. „Wiener dog sucks" hat irgendjemand auf ihre Spindtür geschmiert. Und „I wish I were beautiful".

 

Dawn ist ein ungelenkes Wesen, aufrecht, aber mit den Schultern immer ein paar Zentimeter vor dem restlichen Körper. Verkrampft, verkniffen, auch in entspannteren Momenten. Verunsichert, doch eine Kämpfernatur. Dawn leidet, aber sie läßt die Beleidigungen nicht auf sich sitzen. Dawn kämpft. Auch für ihr Glück. Doch je mehr sie kämpft, desto kräftiger wird sie niedergeknüppelt: von den Mitschülern, den Lehrern, den Eltern.

 

Dawn lebt in einer Umgebung, wo die Mehrheit nicht die Norm, sondern Gesetz ist. In einer Familie, jüdischer Mittelstand, die die Rituale pseudoliberaler Erziehungskultur perfekt in Psychoterror umsetzt. „Tell her you are sorry und you love her", wird von dem Mädchen am Abendbrottisch gegenüber der kleinen Schwester gefordert. „Aber sie liebt mich nicht", sagt Dawn und verweigert die geforderte Erklärung. Bestrafung: die Nachspeise bekommt die Schwester.

 

Gegen ihre kleine Schwester Missy hat Dawn keine Chance: Süß, putzig, angehimmelt, gibt sie in ihrem pinkfarbenen Tutu die perfekte Vorgarten-Ballerina ab. Ein Wunschtraum von einem Mädchen. Einmal steht Dawn nachts mit dem Hammer neben Missys Bett. Aber dann sägt sie doch nur der Barbiepuppe den Kopf ab.

 

Dawns älterer Bruder ist eine ihr nicht unähnlich unglückliche Gestalt. Doch der ist braver Sohn seiner Eltern, verdrückt sein Leiden in intellektuellem Gemurkse und macht Rock(?)-Musik, um damit Punkte für die Collegebewerbung zu gewinnen. Wenn die Jungs in der elterlichen Garage „Satisfaction" anstimmen, klingt das unverkennbar grausam. Manchmal aber liest auch Mark Liebesbriefe, die auf pastelfarbigem Bunny-Papier geschrieben sind.

 

Dawn macht sich an einen Jungen ran. Mit dem Mut der Verzweiflung. Eine vollippige Schmalzbacke im Flower-Power-Hemd, Morrison-Verschnitt, der in Marks Band den Sänger mimt. Dawn weiß, daß er ein womanizer ist. Sie spekuliert, daß so einer, der mit jeder, vielleicht sogar mit ihr ins Bett geht. Steve scheint attraktiv und eine Hoffnung. Ihn schmatzend (Ton!) im Wienerschen Wohnzimmer Hühnerbeinchen mampfen zu sehen, vertreibt uns, Dawn nicht, die romantischen Wünsche.

 

Dawn verliebt sich auch ernsthafter, ohne es recht zu bemerken. In ihren Mitschüler Brandon, einen Außenseiter wie sie. Bezeichnenderweise beginnt diese Beziehung mit Beleidigungen und einer Vergewaltigungsdrohung. Dawn flieht diese Begegnung, doch sie zieht sie auch an. Anders als entstellt, scheint sich hier Nähe nicht herstellen zu lassen.

 

Wir sehen, daß Dawns Häßlichkeit keine physiologischen Ursachen hat. In einem anderen Film wäre das Trost, hier nicht. Und gerade darum haben wir Angst, daß Dawn irgendwann die Brille abnimmt und sich in einen Schwan verwandelt. Das, so viel sei hier verraten, passiert nicht.

 

Das klingt alles unerträglich grausam. Grausam ist es, unerträglich auch. Aber auch sehr komisch. „Dieser Film ist eine Komödie", sagt Regisseur Todd Solondz, „weil das die einzige mir bekannte Form ist, mit entsetzlichen Qualen umzugehen". Er hat recht. Die Komödie WELCOME TO THE DOLLHOUSE ist keine zarte Pubertätsgeschichte, sondern ein bösartiger, wütender Film. Hier geht es nicht um unerfüllte Jugendwünsche und deren retrospektiv betriebene sentimentale Auflösung. In WELCOME TO THE DOLLHOUSE wütet die Vergangenheit. Dabei macht dieser Film seine Heldin weder schöner noch häßlicher als sie ist. Wenn Dawn heldenhaft einen Schulkameraden verteidigt, der von ein paar anderen Jungs als „Faggot", als Schwuler, verprügelt wird, wird die aufrechte Rächerin diese Beleidigung schon ein paar Minuten später gnadenlos an einen anderen weitergeben.

 

Todd Solondz weiß, wie er seine Geschichte erzählen kann, ja muß. Lakonisch, knapp, ohne Abschweifungen, aber mit Gespür für wirkungsvolle filmische Rhetorik. Seine Figuren sind grelle, aber mit erstaunlicher Präzision getroffene Karikaturen. Die Kamera ist unaufdringlich, doch sehr bewußt eingesetzt. Jede Fahrt hat ihren Sinn. Jeder Schnitt seine Bedeutung. Kürzeste Sequenzen schon erzählen kleine Geschichten. Ein Stück Kuchen in Nahaufnahme. Ein Blick in den Spiegel und zurück. Immer wieder wird auf die niedliche Ballerina geschnitten.

 

Beim Forum der Berlinale, im Februar dieses Jahres, saß der Regisseur Todd Solondz auf dem Podium. Etwas ungelenk, schüchtern, bebrillt, erinnerte er an seine Heldin, auch wenn die Lebenserfahrung das Leiden mittlerweile mit ein wenig Koketterie überzuckert. Eigentlich habe er nach ersten schrecklichen Filmerfahrungen gar keine weiteren mehr machen wollen, berichtet er. Mehr oder weniger hineingetrieben habe man ihn in dieses Projekt. Jetzt sei er froh, wieder zum eigentlichem Job zurückzukehren: als Englischlehrer für Immigranten. Hoffentlich war auch daran mehr Koketterie denn Wahrheit.      

 

Silvia Hallensleben

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: epd film

 

Willkommen im Tollhaus

WELCOME TO THE DOLLHOUSE

USA 1995. R und B: Todd Solondz. P: Teil Skillman, Todd Solondz. K: Gabor Szitanyi. Sch: Alan Oxman. M: All Wisoff. T: Alex Wolfe. A: Susan Block, Lori Solondz. Ko: Melissa Toth. Pg: Suburban Pictures. V: Kinowelt. L: 87 Min. DEA: Berlinale 1996 St: 7.11.1996. D: Heather Matarazzo (Dawn), Daria Italinina (Missy), Matthew Faber (Mark), Angela Pietropinto (Mrs. Wiener), Bill Buell (Mr. Wiener), Brandon Sexton Jr. (Brandon McCarthy), Eric Mabius (Steve Rodgers), Victoria Davis (Lolita).

 

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