The Wild Bunch
Ein Bild, mit Variationen, steht, längst berühmt, für diesen Film:
Kinder haben sich um einen kleinen eingezäunten Bereich versammelt, in
dem sie Skorpione gefangen halten und dem Ansturm von Ameisen aussetzen.
Später werfen sie Stroh und Reisig darauf und zünden sie an, die
Skorpione verbrennen. Sekunde um Sekunde hält die Kamera auf dieses Bild,
dann zoomt sie auf die Kindergesichter, und hier zeigt sie das
eigentliche Grauen: man sieht unbeschwertes Lachen, eine unschuldige,
nicht einmal sadistische Freude am Töten.
Getötet wird viel in The Wild Bunch, der Film beginnt und endet mit
Schlachtfesten, die in die Filmgeschiche eingegangen sind. Am Anfang
schießen sich die Männer um Pike Bishop ihren Weg frei, am Ende finden
sie auch im grausigen Blutbad weder Freiheit noch Erlösung. Zwei Helden
präsentiert der Film und zerlegt sie gnadenlos: Bishop wie Thornton
nehmen sehr genau die strukturelle Position im Western ein, die einst die
Helden ausmachte, sie sind kompromisslos, intelligent, mutig. Dennoch:
beider Situation ist von Beginn an rettungslos moralisch korrumpiert,
beide lassen, ohne mit der Wimper zu zucken, Unschuldige sterben. Vor
allem: der Film schlägt sich auf die Seite weder des einen noch des
anderen, verschweigt, ostentativ, demonstrativ, nicht die dunklen Seiten.
Die erste Schießerei, nachdem Bishop und seine Männer in die von Thornton
aufgebaute Falle gelaufen sind, lässt bereits alle Fragen offen.
Peckinpah schneidet nicht nur schnell und er tut dies nicht um der
schieren Überwältigung des Betrachters willen. Die Konfusion, die er
inszeniert und auslöst ist Schnitt und Zoom und Perspektivenwechsel
gewordene Methode: man sieht, ohne jede Präferenz der Kamera, lachende
Täter, sterbende Opfer, die Guten, die kaltblütig Unschuldige erschießen,
die Bösen, die sich ihrer Haut erwehren, die durch und durch verkommene
Hilfstruppe Thorntons, den jungen Sadisten auf Seiten Pikes, der seine
Geiseln quält, den sehenden Auges zum Kanonenfutter zu machen dennoch
nicht zu rechtfertigen ist. Diese Konfusion aller moralischen Maßstäbe
ist der Ausgangspunkt. Der Rest des Films spielt das, im Aufgreifen und
Verändern der Topoi des heroischen Westerns, durch.
Wenn Pike und Dutch und der weise alte Mann aus Angels Dorf, in einem
der idyllischen Momente des Films darüber sinnieren, dass noch - und
gerade - die moralisch Verkommenen sich danach sehnen, wieder unschuldig
wie die Kinder zu werden, dann denunziert der Film zwar nicht diese
Sehnsucht, hat aber unerbittlich klar gemacht, dass es diesen Stand der
Unschuld nie gegeben hat. In den berauschten und berauschenden Idyllen,
in denen Peckinpah den Film immer wieder zu scheinhafter Ruhe kommen
lässt, träumt auch The Wild Bunch von dieser Unschuld, vergisst aber nie
die Gewalt und die Brutalität, die Voraussetzung und Zukunft (und im
Umgang mit den Frauen oftmals auch Gegenwart) des unvergesslichen
Augenblicks sind und sein werden. Die emotionalste Szene des ganzen Films
ist die des Abschieds der Männer aus Angels Dorf, ein Triumphzug von
unwiederbringlicher Schönheit. Einer Schönheit aber, die immer schon
vergiftet ist, einer Sehnsucht, die sich nicht verwirklichen lässt, einer
Unschuld, die es nie gegeben hat.
Bishop und Thornton sind, darauf insistiert der Film, in ihren
Heldentaten nichts als Söldner. Diener unterschiedlicher, aber in
vergleichbarer Weise nichtswürdiger Herren. Thorntons Auftraggeber
verkörpert Recht, Gesetz, Fortschritt und kapitalistische Zukunft und
nichts davon ist auch nur einen Pfifferling wert. Die Eisenbahn steht für
all das, die den Raum greift und dem Krieg wie dem Wirtschaften untertan
macht. Eine sinnlose, auch als seltsam wirkungslos inszenierte Geste Pike
Bishops ist es, den Zug rückwärts fahren zu lassen. Natürlich aber lässt
sich das Rad nicht zurück drehen. Auf der anderen Seite Bishops
Auftraggeber, Mapache, der Barbar im Uniformkostüm, gefährlich als schwer
kontrollierbare Marionette einer grauen Eminenz aus Deutschland. Alle
Fortschrittsidee wird hier gleich doppelt der Lächerlichkeit
preisgegeben: das Auto fährt immer nur im Kreis, erweist sich dennoch als
treffliches Folterwerkzeug, das Maschinengewehr wird zum Mittel der
Vernichtung der eigenen Leute - und das ist dann schon die Utopie von The
Wild Bunch: die Toten können wenigstens keinen Schaden mehr anrichten.
Ans Ende stellt Peckinpah eine ambivalente Form von Auferstehung, oder
eher: Limbo. Wir sehen Bilder der Helden, lachend, als spotteten sie dem
Tod. Es ist das Lachen, mit dem sie ihren Zusammenhalt zu demonstrieren
pflegten, in dem sie ihre rohen männerbündischen Scherze aufgehen ließen:
während des ganzen Films war dieses Lachen die - immer auch abstoßende -
Alternative zur Autoaggressivität der Gruppe. Ein Hohnlachen auf den
befriedeten Umgang noch miteinander, nicht befreiend, nur notdürftig und
für den Moment versöhnend. Andererseits: ein anderes Glück als dieses
momentane, durch nichts gerechtfertigte, vergängliche und nicht
wiederkehrende kennt der Film nicht. Also, doch, ein Happy End.
Ekkehard Knörer
Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in:
The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz
The Wild Bunch
USA 1968
Regie: Sam Peckinpah