Wie ein wilder Stier

Sein oder Nichtsein

 

Ein magischer Moment des Kinos: Die elegischen Klänge von Pietro Mascagnis "Cavalleria Rusticana" bilden den musikalischen Hintergrund für ein entrücktes Schauspiel in Schwarzweiß, einer fast heroischen Stilisierung von instinktiver Gewaltigkeit. Es ist, als beobachte man ein wildes Tier hinter den eigens gewählten Umzäunungen, eine unzähmbare animalische Kraft, Dynamik und Eleganz vermischen sich in dieser Darstellung auf gefährliche Weise. Der Mann in dem Mantel mit Leopardenfellmuster bewegt sich mit der Präzision eines Raubtiers, es ist die klassische Inszenierung eines jeden Boxkämpfers - schnelle Beine, kraftvolle Arme - eine stetige Abfolge von Aktion und Reaktion, selbst in Zeitlupe wirkt das Schattenboxen wie eine festgelegte Choreographie, ein Tanz innerhalb des Rings, ein Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner, allerhöchstens gegen das eigene Abbild.

 

Dieses Spiel beherrscht er. Jake La Motta (Robert de Niro) ist der Mann im Ring, geschaffen für den Boxkampf, eine Auseinandersetzung mit klaren Regeln, einfachen Prinzipien, unmissverständlichen Maximen. Überleben heißt es zumeist, besser sein als der Gegner, mehr einstecken können, Schmerz ignorieren, Aggression kultivieren. Nie zuvor war eine Filmkamera näher dran an den Athleten im Ring, porträtierte ihre Qualen diesseits und jenseits der Seile mit solch schonungsloser Metaphorik und warf gleichzeitig einen solch vielschichtigen Blick auf einen der vermeintlichen Helden des Faustkampfs, einen vermeintlichen Gewinner, einen der überlebt, immer wieder. Die Geschichte um den Mittelgewichtsboxer Jake La Motta ist im Grunde weniger interessant als die Geschichte des Menschen, Ehemann, Bruder, die sich in den Jahren zwischen 1941 und 1964 abspielt. Martin Scorsese inszeniert die dramatische Vita eines tragischen Charakters, wohlwissend um die glorreichen Jahre eines Mannes, der es zu mehr gebracht hat als ihm das Schicksal eigentlich zugestehen wollte, bevor ihm jedoch die eigene Instinkthaftigkeit und die Angst vor dem Versagen alles nehmen.

 

Es beginnt, wie eine der vielen amerikanischen Geschichten, mit dem sozialen Aufstieg, dem Entkommen ethnischer Wurzeln und der kontinuierlichen Erfüllung des amerikanischen Traums. La Motta ist Italo-Amerikaner, ein waschechter Emporkömmling aus Little Italy. Im Ring nennt man ihn nur den "Raging Bull" - den wilden Stier - , weil er mit geradezu barbarischer Aggressivität zu Werke geht, weil er einstecken kann wie kaum ein anderer, weil er seine Gegner in Momenten der Schwäche niedermäht, zerstört, unerbittlich und in emotionaler Rage über sie herfällt. Das Animalische liegt nahe, von Triebhaftigkeit und Instinkt wird sein Handeln und Sein seit jeher bestimmt und Zeit seines Lebens beeinflusst werden. Entkommen kann er ihnen nicht, diesen seinen schicksalhaften Charakterzügen. La Motta würde es auch gar nicht wollen, selbst wenn er um ihre zerstörerische Note wüsste. Schnell ist er geschafft, jener soziale Aufstieg. Es ist allerdings kein geographischer oder kultureller Ausbruch aus Little Italy, lediglich ein Hinauswachsen aus Armut und bescheidenen Lebensverhältnissen. Das soziale Umfeld des patriarchalischen Machtsystems irgendwo zwischen Katholizismus und organisiertem Verbrechen ist die einzige Sozialisation in der er sich tatsächlich auskennt, doch in der Wurzel der Sache passt er als notorischer Egozentriker und verstörter Egomane in kein gemeinschaftliches Gefüge, sei es auch noch so sehr auf ihn selbst fixiert. So will er keine Hilfe von den Strippenziehern hinter dem "big business" annehmen, ein zugegebenermaßen feiner Zug, doch ein durch und durch korrumpiertes System, in dem mehr als undurchsichtigen ,Geschäft Boxen' lässt kaum etwas anderes zu. La Motta kommt nicht zurecht mit den mafiösen Strukturen, er verweigert sie aus Stolz und Eigensinn, will den Erfolg nicht teilen, schließlich ist er es, der die Knochen hinhält, das Milieu ist ihm nicht geheuer. Respekt hat er keinen, vor niemandem, der ihn umgibt, dennoch fordert er selbigen vehement für sich ein. Weil er stärker ist als alles um ihn herum, konsequenter obendrein, bereit ist, alles auf eine Karte zu setzen, weil er mehr einstecken kann. Doch vor allem ist er nicht in der Lage, sich tatsächlich mit Menschen außerhalb des Boxrings, außerhalb von Gewalt, Instinkt und Aggressivität auseinandersetzen.

 

Wenige nur schaffen es, dem Menschen La Motta überhaupt nahe zu kommen, noch weniger sind für ihn wirklich von Bedeutung. Der Boxer ist Machtmensch und Macho in einem, Vertrauen schenkt er niemandem ohne Gegenleistung, zu aufrichtiger Hingabe ist er nicht fähig. Sein Bruder Joey (Joe Pesci) geht mit ihm durch Dick und Dünn, durchlebt die sportlichen Höhen und menschlichen Tiefen hautnah. Er ist mehr als jeder andere ein Vertrauter und doch gleichzeitig auch Mittel zum Zweck, Motor zum Erfolg, der den ungestümen Kämpfer in die rechten Bahnen weist. Es ist wahrscheinlich die längste Beziehung, die La Motta jemals eingeht, womöglich gar eine der Konstanten seines Lebens. Dass selbst dieser Eckpfeiler mit der Zeit und im Laufe der Tragik auseinanderbricht, ist bezeichnend. Auch seine zweite Ehe mit Vickie (Cathy Moriarty) leidet unter den psychotischen Anfällen La Mottas, der den ungezügelten Gewaltmenschen aus der Boxarena außerhalb des Rings nicht unter Kontrolle bringen kann. Eifersucht beherrscht sein Denken, abgesehen von der machistischen Grundhaltung eines Mannes, der geprägt ist durch eine Kultur der klassischen Rollenverteilung in Ehe und Beziehung, lässt ihn die Angst vor Enttäuschung und der Mangel an Vertrauen in jeder Hinsicht scheitern. Dabei ist er keineswegs gefühllos, kein Roboter, der sich durch die Abwesenheit von Emotionalität definieren lassen würde. Fast schüchtern beginnt die erste Kontaktaufnahme mit Vickie, einer wahren Schönheit aus der Nachbarschaft, groß, blond, stilvoll. Vielleicht ist auch sie nur Trophäe, Schmuckstück für den Champion. Doch er gibt sich Mühe, zu gefallen, lässt sich und ihr Zeit einander zu mögen. Anfangs ist er ein anderer als der Stier aus der Arena, kein Wilder, kein großer Aggressor. Was ihm fehlt, ist die Fähigkeit zu bedingungsloser Liebe.

 

Mit seinen Gegnern kommt er dagegen am Besten zurecht. Legitimiert sind im Ring alle Qualitäten, die La Motta erst zu seiner wahren Identität verhelfen. Das Ungestüme, das Animalische, das Triebhafte. Er ist kein technisch feiner Boxer, auch wenn er jede Finte beherrscht. Getrieben von einer unbändigen Entschlossenheit erdrückt er seine Kontrahenten förmlich auf der schweißgetränkten Matte. Blut ist überall, als Zeichen von Vitalität, inmitten der sportlichen Entscheidung zwischen Leben und Tod bedeutet Blut für den Boxer Stärke, das eigene so wie das des Gegners. Einmal bittet er seinen Bruder Joey ihn so hart wie möglich ins Gesicht zu schlagen. Einfach so, während sie am Küchentisch sitzend über das Boxen philosophieren. La Motta vermittelt hier keinen Standpunkt, er verdeutlicht sein tiefstes Selbst. Treffer sind nichts für ihn, Niederschläge kein Grund aufzuhören, Schmerzen die Triebfeder um zurückzuschlagen. Er provoziert Joey, der sich standhaft weigert an solch krankhafter Kommunikation teilzunehmen, solange, bis er zuschlägt. Gewalt ist Macht, so einfach ist das. Die Kämpfe im Ring unterliegen derweil einer beinahe symbolischen Verklärung, deren Aufgabe keineswegs die Glorifizierung des Boxsports oder die poetische Darstellung des Kampfes Mann-gegen-Mann sind, im Gegenteil. Martin Scorseses Inszenierung bedient sich effektvoller Stilmittel, um aus dem Boxring so etwas wie eine ästhetische Hölle zu erschaffen. Rauchschwaden hängen über der Szenerie, die förmlich Verwesung, Schweiß, Blut und Tränen atmet. Den Kämpfen mangelt es dagegen an Ästhetik, es bleibt keine Zeit für große Bilder, alles geschieht in kurzen, abgehackten Sequenzen, die Schnitte prasseln aufeinander, gebrochen von Zeitlupen, in denen Blut von den Seilen tropft, Großaufnahmen der Gesichter, in denen sich Entsetzen und Rage spiegeln. Realistisch wirkt das, es ist und bleibt jedoch der Realismus eines Künstlers.

 

Jake La Motta kann ihm nicht entfliehen, dem Hang zur Selbstdestruktion. Alles in seiner dramatischen Vita läuft auf ein Ende in unendlicher Tragik hinaus, da sich die Spirale aus Gewalt und Misstrauen nicht beliebig zurückdrehen lässt. Er ist kein Held, vielleicht nicht mal einer der viel beschriebenen Anti-Helden. Mehr Tier als Mensch, sieht sich er sich den eigenen Schwächen hilflos ausgeliefert, die Unfähigkeit zu emotionaler Bindung und menschlicher Nähe lässt ihn scheitern, auf der ganzen Linie. Scorsese liefert hier kein moralisches Lehrstück ab, sein Film ist in keiner Form belehrend oder gar einer wertenden Absicht unterlegen. Was ihm hier vielmehr gelingt ist eine gewagte und gewaltige Charakterstudie. Ein unheimlich faszinierendes und unbequemes Porträt einer zutiefst verlorenen Figur, die all das einbüßt, wofür es sich dem amerikanischen Traum nach zu leben lohnt. Wahrlich ein tragisches Drama, das sich dort abspielt, ein menschliches Versagen, der letzte Kampf eines Egomanen, der nicht zuletzt das Duell mit den eigenen Dämonen verliert.

 

Patrick Joseph

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.ciao.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Wie ein wilder Stier

(Raging Bull)

USA 1980, 129 Minuten

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Mardik Martin, Paul Schrader, nach dem Buch von Jack La Motta, Joseph Carter und Paul Savage

Musik: Pietro Mascagni („Intermezzo“ aus der Oper „Cavalleria rusticana“)

Kamera: Michael Chapman

Schnitt: Thelma Schoonmaker

Produktionsdesign: Gene Rudolf

Hauptdarsteller: Robert de Niro (Jake La Motta), Cathy Moriarty (Vickie La Motta), Joe Pesci (Joey La Motta), Frank Vincent (Salvy), Nicholas Colasanto (Tommy Como), Theresa Saldana (Lenore La Motta), Mario Gallo (Mario), Frank Adonis (Patsy), Joseph Bono (Guido), Frank Topham (Toppy), Lori Anne Flax (Irma), Charles Scorsese (Charlie)

 

 

 

 

 

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