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Weltmeister

 

Am Ende sitzt da ein kleines Mädchen mit einem großen Akkordeon auf einem Stuhl. „Es ist alles in bester Ordnung", sagt sie. Und wir wissen: gar nichts ist in Ordnung. Das Mädchen, Sabine heißt sie, sieht brav aus. Von ihrem Vater wird sie für eine Musik-Karriere getrimmt. „Weltmeister" heißt ihr Instrument.

Was in ihrem Inneren vorgeht, läßt sich nur erahnen.

 

Auch Aleksej spielt Akkordeon, doch hier geht es ums Überleben. Der Junge lebt als Sohn eines Offiziers in einer Kaserne der Roten Armee in der Provinz irgendwo bei Berlin. Schon der Besuch eines deutschen Mädchens ist in dieser Welt ein Regelverstoß. Alexej ist ein erbarmungswürdig schmächtiges Kerlchen mit wachen Augen in einem traurig-verzehrten Gesicht. „Lächle!" fährt ihn der Vater an und „Milchbubi", und dann öffnet er seine Hose, um dem Sohn zu zeigen, was man mit einer Frau zu machen hat. Da hat Aleksej gerade Sabine kennengelernt.

 

Vorsichtig umkreisen sich die beiden verlorenen Gestalten, scheinen sich näherzukommen. Doch bevor es zu einer Annäherung kommt, ist der Kontakt schon wieder abgebrochen. Sabine zieht sich in Erstarrung zurück und wappnet sich mit schnippischen Fragen, auf die sie nie eine Antwort bekommt. Aleksej ist viel zu verstört, um mehr zu tun, als stumm ein wenig Schutz einzufordern. Schrecklich unreif sind diese beiden jungen Menschen und doch schon vergreist.

 

Auch das Leben der Erwachsenen ist düster und hoffnungslos. Der Offizier hat fast ein ganzes Leben gegeben für etwas, das nicht mehr existiert. Nichts bleibt, jetzt wird die Familie zurückgeschickt, nicht einmal in die Heimat, sondern ins ferne Sibirien. Sabines Vater ist arbeitslos, die Mutter zieht fort, das legt sich als Schatten auf das Ehe- und Familienleben. Die Beziehungen der Menschen untereinander sind unsicher und falsch. Eine merkwürdige Gemütsstörung scheint sie auf Distanz zu halten, sie tasten sich durch die Tage und die beengten Stuben. Eine in ihren Bewegungen verlangsamte, manchmal fast stillgelegte Welt, für die Kameramann Slavomir Idziak Farben und ein Licht gefunden hat, das selbst das eher grelle Berlin (wohin Aleksej einmal flieht) zu melancholischem Grau verblassen läßt.

 

Man kann sie fühlen, die Kälte und Einsamkeit, die diese beiden Kinder umgibt. Nur bisweilen ein Lichtschein. Einmal, die Schwester ist gerade aus Moskau zurückgekommen, sitzt die Familie vertraut beisammen, Aleksej kauert auf dem Rücken des Vaters und massiert seinen nackten Oberkörper, fast lächelt er sogar. Ein kurzer Frieden, dann wird die entspannte Situation abrupt gestört.

 

Zwischen die Spielhandlung hat Regisseur Solomun in regelmäßigem Rhythmus dokumentarische Bilder vom Alltagsleben sowjetischer Soldaten montiert: Kantine, Drill, Schlafsaal, Marschübungen. Und den Abzug der Kämpfer, bei uns als Schritt in die Normalität gefeiert. Vielleicht sind sie jetzt woanders im Einsatz.

 

Zoran Solomun, der 41jährige aus Jugoslawien stammende Regisseur, seit vier Jahren in Berlin ansässig, hat bisher ausschließlich Dokumentarfilme gedreht. Für WELTMEISTER, einen poetischen Spielfilm mit dokumentarischen Zügen, hat er letztes Jahr einige Preise eingeheimst. Für ihn sei es ein „im großen Maße persönlicher Film" mit autobiographischen Elementen, eine so intensive Erfahrung, daß ihm immer noch schwindlig würde, wenn er daran dächte, sagte der Regisseur. Die Intensität ist zu spüren. Dazu tragen auch wesentlich die zwei großartigen Hauptdarsteller bei, die der Regisseur entdeckt hat - den Kasachen Alexander Meyer in einer Berliner Schule für russische Aussiedler. Was diesem Jungen wohl im Leben noch begegnen wird? Die Frage drängt sich auf. Denn eine Trauer läßt dieser Film zurück, die um so tiefer ist, als wir wissen, daß sie aus der Wirklichkeit kommt. Gar nichts ist in Ordnung. Auch wenn der Abspann schon läuft.

 

 

Silvia Hallensleben

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei epd film

 

WELTMEISTER

BRD 1993. R und B: Zoran Solomun. P: Hartmut Jahn. K: Slawomir Idziak. Sch: Petar Markovic. M: Milimir Draskovic. T: Klaus Heydemann. A: Andreas M. Velten. Ko: Marlies von Soden. Pg. Jahn Filmproduktion. V: Basis. L: 71 Min. St: 15.12.1994. D: Alexander Meier (Aleksej), Grit Hornig (Sabine), Valerij Ogorodnikow (Aleksejs Vater), Tatjana Kuprijanowa (Aleksejs Mutter), Mathias Schrader (Sabines Vater), Ruth Reinicke (Sabines Mutter), Aleksej Nesterow (Grischin).

 

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