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Der Weg der Träume

 

 

Der Geist des klassischen Erziehungs- und Bildungsromans weht durch diesen Film. Wie unter einem Glassturz und daher unangefochten spricht idyllische Landschaft zum Herzen des Reisenden August King und läutert ihn. Unser Held, verhärmter Witwer, ist im Jahre 1815 unterwegs in sein leeres Heim in den blauen Bergen des westlichen North Carolina. Gänse schnattern, Wolken glühen, Kühe muhen und Hähne krähen - in seiner düsteren Stimmung nimmt King das sanfte Gesetz der Natur erst mit menschlicher Hilfe wahr: Eine minderjährige Mulattin, Opfer sexueller Gewalt und darüber hinaus entflohene Sklavin, bittet um Hilfe. August King zögert, Fluchthilfe wäre Gesetzesbruch. Das Vorbildliche, das zu tun ist, muß er jedoch nicht in sich selbst finden, denn all die Bilder um ihn herum, die er wieder wahrzunehmen lernt, rufen es ihm zu. Die kalte Neugier der deutschen Nachbarn, der Fischers, die das Gesetz vertreten, ist nicht die Sprache der wahren Natur. Erst recht nicht das Klirren der Whiskyflaschen; der Sklavenhalter und mutmaßliche Vergewaltiger ist zudem noch Trinker.

 

Auf der anderen Seite der beredte Blick des mehrfach determinierten Naturkindes (minderjährig, schwarz, mißbraucht, Sklavin), erhabene meteorologische Phänomene, das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen des Getreides: all das wird zum Gesetz, und zwar zu einem sanften, dem August King fortan gehorchen wird. Mit brutaler Gewalt vollzieht sich demgegenüber das Gesetz der Zivilisation im westlichen North Carolina. Der seines Eigentums verlustig gegangene Sklavenhalter hängt auf dem Golgatha-Hügel einen ebenfalls entlaufenen Negersklaven an den Füßen ans Kreuz, ganz wie er es mit dem abgestochenen Schwein gemacht hat, und zerteilt ihn mit einem Hieb in zwei Menschenhälften. Auch äschert er, eine legale Sanktion, das Heim des August King ein, der das Gesetz der Zivilisation brach, während die geflüchtete Sklavin Virginia erreicht, das Land der Freiheit, für Sklaven jedenfalls.

 

Die Gewaltszenen sind schockierende Fremdkörper in der Naturlandschaft, in der der Wandersmann den Stecken in die Hand nimmt, um rüstig fürbaß zu schreiten. Jemand wie Adalbert Stifter, geboren 1805, hätte im Traum nicht daran gedacht, Brutalität unter dem besagten Glassturz auszustellen. Läßt man jedoch die seltsamen Brutalitäten, die wie eine Konzession an den mutmaßlichen Publikumsgeschmack erscheinen, außer acht, finden wir uns in der harmonischen und schlüssigen Welt des „Nachsommers" wieder. Wie Adalbert Stifter, aber gut 150 Jahre später, ist auch John Ehle, der seinen Roman „The Journey of August King" (1971) in das Drehbuch umschrieb, überzeugt, daß moralischem Zerfall nur durch geduldige Arbeit an Bildung und Erziehung begegnet werden könne. Ehle, im westlichen North Carolina geboren und dort Literaturprofessor, ist seit dreißig Jahren als Philanthropinist politisch aktiv, und er läßt explizit die große pädagogische Reformbewegung des späten 18. Jahrhunderts in die Wertediskussion des späten 20. Jahrhunderts einmünden. Dabei soll das Vertrauen auf die Sprache der Natur und auf die vernünftig-natürliche Entfaltung der menschlichen Kräfte bei ethisch und politisch korrekter pädagogischer Anleitung nach wie vor Garant für die Humanisierung des Gesamtlebens sein. Ehle war philanthropinistischer Berater des Gouverneurs Terry Sandford, Programmleiter der Ford Foundation, Mitglied der „White House Group for Domestic Affairs" und Mitglied des „National Council for the Humanities".

 

Mithin ist THE JOURNEY OF AUGUST KING dezidiert moralisches Programm und ethisches Vorbild für die Jetztzeit, und zwar ein beredt-bildhaftes, denn der polnische Kameramann Slawomir Idziak (Zanussi, Wajda und Kieslowski) hat bei seinem USA-Debüt die Farben eher „europäisch", nämlich unbunt, aber aquarellhaft differenziert eingefangen und die ebenso erhabenen wie Vertrauen erweckenden Panoramen und Wolkenlandschaften zum Sprechen gebracht: Mindestens anderthalb Jahrhunderte Abendland teilen sich im nordwestlichen North Carolina mit. Überzeugend auch die Körpersprache des Opfers, gespielt von Thandie Newton, deren Mutter aus Simbabwe und deren Vater aus Cornwall stammt. Am schwächsten ist der Film, wenn er sich auf Dialoge verläßt. Regisseur John Duigan, zuvor Schauspieler der Pram Factory in Melbourne, ernüchtert gelegentlich durch bühnenhafte Einfälle, zu denen die unselige Golgatha-Szene zählt, aber auch die Jodler-Einlage seines Witwer-Helden. Denn es ging ja ums Hinhören (und Hinsehen) - in der Natur. Von einigen Einbrüchen abgesehen, hält Duigan sein idealistisches Exponat aber sauber und rein: nostalgische Klassik, 1815.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: epd film 7/96             

 

Der Weg der Träume

THE JOURNEY OF AUGUST KING

USA 1994. R: John Duigan. B: John Ehle (nach seinem gleichnamigen Roman). P: Nick Wechsler, Sam Waterston. K: Slawomir Idziak. Sch: Humphrey Dixon. M: Stephen Endelman. T: Paul Ledford. A und Ka: Patricia Norris. Pg: Miramax. 1l: Kinowelt. L: 92 Min. St: 4.7.1996. D: Jason Patric (August King), Thandie Newton (Annalees), Larry Drake (Olaf Singletary), Sam Waterston (Mooney Wrighy), Nesbitt Blaisdell (Mr. Cole), John Doman (Bolton), Terry Nienhuis (Fisher), Dean Rader Duvall (Gabriel), Sara-Jane Wylde (Ida Wright).

 

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