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Wanda

 

In Erinnerung an Barbara Loden

 

„Woman is symptom to man.”

(Jacques Lacan)

 

Eine alte Frau schaut zum Fenster hinaus. Ein Kind schreit. Ein Mann verlässt das Haus. Wanda (Barbara Loden) wacht auf. Ein Steinbruch – irgendwo in Amerika. Dort steht das Haus. Ganz in Weiß gekleidet verlässt Wanda diesen Ort, leiht sich bei einem alten Mann, den sie kennt, ein bisschen Geld und zockelt los. Szenenwechsel. In einem Gerichtssaal warten Wandas Mann (Jerome Thier), die Kinder und Miss Godek (Marian Thier) auf Wanda. Die kommt zu spät. Die Eheleute werden geschieden, die Kinder dem Mann zugesprochen, der nun mit Miss Godek zusammenleben will. Wanda ist mit der Scheidung einverstanden, erklärt dem Richter, die Kinder seien bei ihrem Mann besser aufgehoben. Sie verlässt den Gerichtssaal, geht in die Fabrik, in der sie schon einmal gearbeitet hat, und will vom Besitzer (Milton Gittleman) erneut Arbeit. Der lehnt ab: Wanda sei zu langsam.

 

Was ist ihr geblieben – außer einer Handtasche und den Kleidern, die sie trägt? Nichts. Ein Bier, gezahlt von einem Gast in irgendeiner Kneipe, der mit Wanda ins Bett will. Irgendwo unterwegs lässt er sie zurück. Ziellos geht Wanda weiter, ins Kino, wo sie ihre Handtasche verliert und wieder findet, kaum noch Geld in der Tasche.

 

Wanda weint nicht, sie grämt sich nicht, sie lacht nicht. Sie geht einfach weiter, wo der Weg sie eben hinführt.

 

Barbara Lodens einziger Film – sie starb 1980 an Krebs im Alter von nur 48 Jahren, als sie gerade ihren nächsten Film plante – ist in Vergessenheit geraten, ebenso wie die Regisseurin und Schauspielerin selbst. Ihr Ehemann dagegen war berühmt und hieß Elia Kazan. Mit ihm war sie seit 1968 verheiratet – wie es heißt: eine schwierige Ehe mit dem extrem eifersüchtigen Regisseur. Barbara Loden spielte in zwei Filmen Kazans, in „Wild River” (1960) und „Splendor in the Grass” (1961). Nach 1970 schrieb sie noch mehrere Drehbücher. Dann vergaß man sie und ihren mit dem Kritikerpreis in Venedig bedachten Film, den Nicholas T. Proferes mit einer 16-mm-Handkamera drehte.

 

Wanda zieht also weiter, scheint sich um nichts Sorgen zu machen, will einfach dem Leben mit Mann und Kindern entfliehen, ebenso wie der tristen Umgebung im Kohlerevier. In einer Bar trifft sie auf Mr. Dennis (Michael Higgins), der dort gerade die Kasse ausgeraubt und den Barbesitzer gefesselt hinter den Tresen gelegt hat. Dennis schleppt Wanda mit, spendiert ihr ein bitter nötiges Essen. Als Wanda versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, erklärt Dennis ihr, er könne neugierige und freundliche Leute nicht ausstehen. Langsam aber sicher macht Dennis Wanda zu seiner gänzlich von ihm abhängigen Komplizin. Dennis plant den großen Coup. Er duzt sie, sie siezt ihn. Geplagt von Migräne will Dennis eine Bank ausrauben, den Bankdirektor als Geisel nehmen und Wanda das Fluchtauto, das er gestohlen hat, fahren lassen.

 

Wanda könnte weggehen, Dennis heimlich nachts verlassen, aber sie bleibt. Sie lässt es geschehen, was geschieht. Barbara Loden erzählt in „Wanda” auch eine Anti-Bonnie-and-Clyde-Story. Das Verhältnis zwischen Dennis und Wanda ist alles andere als Teil einer romantisierten Gangstergeschichte wie Arthur Penns „Bonnie and Clyde” (1967) – im Gegenteil. Dennis benutzt Wanda, sie ist sein Werkzeug; da ist nichts an Zuneigung, nicht die Spur eines Gefühls. Und Wanda? Was treibt sie zu Dennis? „Wanda” ist auch und vor allem die Geschichte einer Frau, die alles andere als eine (Film-)Heldin ist. „Wanda” ist zudem ein im engsten Wortsinn un-sentimentaler Film. Barbara Lodens Wanda ist kein „Emanzipationsfilm” im gängigen Sinn. Wanda ist nicht auf dem Weg zur Emanzipation. Wanda ist auf dem Weg – woher kann man nur ahnen, jedenfalls aus einer unglücklichen, lieblosen Ehe; wohin, das bleibt völlig offen. Als Wanda am Schluss nach dem gescheiterten Banküberfall umherirrt und in einer Spelunke landet, in der einige Männer und Frauen saufen, sitzt sie an deren Tisch, das Gesicht fast versteinert. Die um sie herum interessieren sie nicht. Wanda ist angelangt, irgendwo, so wie sie von irgendwo weggegangen ist.

 

Barbara Loden zeigt (und spielt) diese Wanda als eine Frau, die sich im emotionalen Niemandsland verloren hat. Sie ist weder Heilige, noch Kämpferin, weder auf dem Weg zur Befreiung, noch auf dem zum Untergang. Sie vegetiert durch eine Anti-Bonnie-and-Clyde-Geschichte als Anti-Heldin und ist doch zugleich so sehr Heldin in einem anderen Sinn. Der Film zwingt nämlich zum Nachdenken, zum Fragen, zum Spekulieren, überlässt es dem Betrachter voll und ganz, Schlüsse zu ziehen, und hinterlässt ein Gefühl der Unruhe, der Zerrissenheit, ja des Unwohlseins. Irgendwo zwingt „Wanda” zur Sympathie mit dieser Frau und gleichzeitig bewirkt die trostlos-kühle Darstellung verzweifelte Wut und Unbehagen gegenüber Wanda. „Wanda”, das ist kein verlogenes Aushängeschild irgendeines ideologisierten Feminismus. „Wanda” ist eher eine offene Wunde, die bis zum Schluss nicht verheilt.

 

Wertung: 10 von 10 Punkten.

Prädikat: Wertvoll

 

Ulrich Behrens

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei www.ciao.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Kritiken

 

Hinweis: Zu Barbara Loden siehe: Bérénice Reynaud: For Wanda, in: http://www.sensesofcinema.com/contents/02/22/wanda.html  

 

Wanda

(Wanda)

USA 1971, 102 Minuten

Regie: Barbara Loden

Drehbuch: Barbara Loden

Director of Photography: Nicholas T. Proferes

Schnitt: Nicholas T. Proferes

Darsteller: Barbara Loden (Wanda Goranski), Michael Higgins (Mr. Dennis), Dorothy Shupenes (Wandas Schwester), Peter Shupenes (Schwager), Jerome Thier (Ehemann), Marian Thier (Miss Godek),Anthony Rotell (Tony), M. L. Kennedy (Richter), Milton Gittleman (Fabrikbesitzer)

Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0067961

 

© Ulrich Behrens 2004

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