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Vitus
Transhumanistische
Propaganda
Cleveres Wunderkindfilmchen, das sich zuerst gekonnt
mit einigen falschen Fährten dem Verdacht auszusetzen weiß, eine
weitere banalsentimentalische Durcharbeitung des reaktionären Motivs des
von der Welt missverstandenen Genius-Sonderlings zu sein, der doch am liebsten
nur ein ganz normales Kind wie alle anderen wäre; doch bereits die unter
diesem Stern stehende erste Hälfte deutet einige erstaunliche Aspekte,
Bezüglichkeiten und Potentiale an den Rändern an, die sich in der
zweiten Hälfte ausformuliert finden werden:
Der Vater von Vitus zum Beispiel steht als Entwickler
von Hörhilfen an der vordersten Front zeitgenössischer Anfänge
des Cyborg-Zeitalters und möchte die Hörhilfe tatsächlich als
begehrenswerte, fähigkeitenoptimierende Erweiterung statt als bloßen
Anpasser an die Wahrnehmungsnorm der Allgemeinheit durchsetzen; bereits dass
er auch Vitus mit seinen Experimenten ausstattet, drängt den Film in die
transhumanistische Ecke, die Fortentwicklung des bisherigen Menschen durch inhärente
(Vitus von Geburt an) wie extern-maschinelle Aufwertung seiner Potentiale.
Dementsprechend erweist sich Vitus’ Problem seiner
Sonderposition im Weiteren auch nicht als Bedürfnis, der Normalität
anzugehören (auch wenn das Drehbuch, in Vorbereitung der falschen Fährte,
ihn dies selbst irgendwann, in Lüge, behaupten lässt), sondern als
Inkompatibilität seines Überschusses an Talenten und Interessen mit
der konformismusgeleiteten Eindimensionalität, die eine bürgerliche
Lebens- und Karriereplanung des überkommenen Angestelltenzeitalters nahelegt.
Was anderswo bereits das Happy End wäre, das Erlangen von Normalität,
wird hier von Vitus nur gefaked, um im Geheimen freier für sich weiter
werkeln zu können und so seine Talente als Übermensch vollends zu
entfalten, wie es der von der alten Gesellschaft der leitungsbedürftigen
Schwachen angebotene Lebensweg nie verstattet hätte.
Auch strukturell folgt der Film nun ganz Vitus’ Initiativcharakter;
anstatt ihn zum hilfsbedürftigen Objekt verständnisvoller Toleranz
und Einfühlung seiner Mitmenschen zu machen, macht er umgekehrt seine erwachsenen
Mitmenschen zu seinen Spielfiguren, mit deren Schicksalen er bald geschickt
zur Erzeugung seines eigenen Happy Ends herumhantiert: Schön, wie er da
seinem Großvater Bruno Ganz aus der finanziellen Misere hilft, zynisch,
wie er dafür erstmal den Niedergang der bürgerlichen Karrieren und
Lebensaussichten seiner Eltern ausnutzt, auch wenn er es natürlich im besten
überlegenen Wissen um auch ihr abschließendes Wohl tut. In jedem
Fall jedoch gerät Vitus in der zweiten Hälfte zum zwar nicht omnipotenten
(das Mädchen immerhin kriegt er nicht … so ganz, oder gar nur jetzt noch
nicht, darf man wohl mutmaßen beim abschließenden Blumenstrauß),
aber doch alleinigen aktiven Pol.
Und das Rumoren dieses Pols wird bemerkenswert optimistisch
und frei von schlechtem Gewissen erfolgsbejahend durchexerziert, wie es das
Sentimentalkino sonst kaum vermag: Arroganz gegenüber Gleichaltrigen und
Lehrern wird unkritisch als berechtigter Humorlieferant genommen, die Cleverness
im Austricksen der besorgten Mitmenschen gefeiert, die Überlegenheit über
die alte Gesellschaft und Menschheit gepriesen. Seine positiven Bilder findet
der Film bald in durch Intelligenz und Insiderwissen getriebene Erfolge Vitus’
im Finanzkapitalismus, der Börsenspekulation auf dem Rücken von Massenentlassungen
(aus der Firma seines unglücklichen Vaters) und im protzigen Technospaß-Gerät,
dem Flugsimulator, den sich ein nun dank Vitus Millionär gewordener Großvater
Bruno Ganz in die Scheune stellen kann. Als dieser sich dann auch noch ein Sportflugzeug
kauft und damit verunglückt, bereut er nicht etwa christlich, im Sinne
eines Zu-Hoch-Hinausgewollt-Seins, sondern weiß zu berichten: er sei geflogen,
habe sich einen Lebenstraum erfüllt. Nun mag er zufrieden sterben.
Die hymnische Abschluss-Sequenz schließlich
montiert dann alle Enderfolge Vitus’, Erlangung höchster gesellschaftlicher
und finanzieller Stellung seiner Familie, anarchisches Ausleben des Fliegereitriebes,
Ausarbeitung des Pianogenies, Würdigung der eigenen Potenz durchs begehrte
andere Geschlecht, zu einer bürgerlich-protestantisch unerhörten Omnipotenz-/Gottwerdung
auf Erden ohne Verzicht auf Irgendetwas, die sich mit dem allgemeinen Bild der
Schwäche des Menschen nicht mehr vereinen lässt und so positiv nur
noch begreifbar wird als, bewusste oder unbewusste, Vorschau - über den
Umweg des (rational noch nicht begründeten) Wunderkindes -auf einen transhumanistischen
Übermenschen der Zukunft.
Christian Heller
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Vitus
Schweiz
2006 - Regie: Fredi M. Murer - Darsteller: Teo Gheorghiu, Bruno Ganz, Julika
Jenkins, Urs Jucker, Fabrizio Borsani, Tamara Scarpellini, Kristina Lykowa,
Eleni Haupt, Daniel Rohr, Norbert Schwientek - FSK: ohne Altersbeschränkung
- Länge: 120 min. - Start: 21.12.2006
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