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Verwünscht

Das Böse im Märchen ist wie das Salz in der Suppe. Ohne die Ränke schmiedende, Äpfel vergiftende Gegenfigur bleibt von Schneewittchen und Co. kaum mehr als vornehme Blässe. Umso neugieriger machte die Ankündigung der Firma Disney, den Part der bösen Königin, Schwiegermutter und Teilzeithexe im diesjährigen Weihnachtsfilm an Susan Sarandon zu vergeben. Bisher war die Schauspielerin meist in sympathischen Rollen zu sehen, als eine der eher netten „Hexen von Eastwick“ machte sie keine Ausnahme. Nun aber darf sie ein veritables Schwiegermonster verkörpern, das deutlich an Machtpolitikerinnen in Zeichentrickklassikern wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ oder „Cinderella“ orientiert ist.

 

„Verwünscht“ ist überhaupt ein Film der disneyschen Selbstzitate. Es wimmelt nur so von niedlichen Tieren, zudem purzeln lauter burleske Kurzauftritte und musikalische Intermezzi ineinander. Dass gleich zwei Traumprinzen aufgeboten werden, macht es für die zunehmend verwirrte Hauptfigur allerdings etwas unübersichtlich: Man lernt Giselle als naives Herzchen kennen, das anfangs allein in einem Baumhaus lebt. Die Zeit vertreibt sich die hübsche Eremitin mit allerlei Tieren aus dem Wald, die ihr auch im Haushalt behilflich sind. Die rothaarige Schöne ist mit eher holzschnittartigen Anschauungen ausgestattet, aber das macht nichts, denn vorläufig ist Giselle bloß eine 2-D-Animationsfigur im gemalten Märchenreich, wo ein heiratswilliger Prinz nicht weit ist, argwöhnisch beäugt von dessen kaltherziger Mutter, die um nichts in der Zeichentrickwelt ihren Thron räumen will – und die nicht zufällig die Züge von Susan Sarandon trägt.

 

Es kommt, wie es bisher noch nie gekommen ist: Unmittelbar vor der Vermählung schubst die Königin ihre Rivalin samt Tüll und Tiara in einen Zauberbrunnen, der direkt an das New Yorker Kanalisationsnetz angeschlossen ist. Giselle kriecht in Gestalt der Schauspielerin Amy Adams aus dem Gulli ins Rush-Hour-Gedränge, treibt als entwurzelte Hochzeitsblume durch den Menschenstrom des Times Square und strandet, nach entwürdigenden Erstkontakten mit urbaner Kaltschnäuzigkeit, vor den Füßen eines geschiedenen Scheidungsanwalts. Pragmatiker Robert hält die Märchenmigrantin für therapiebedürftig, beherbergt Giselle aber seiner kleinen Tochter zuliebe, die sich nach Gute-Nacht-Geschichten sehnt – und nach einer Mutter. Die vakante Stelle war zwar für eine kernige Designerin reserviert, aber je länger Giselle in der realen Welt feststeckt, desto mehr gerät ihr zementiertes Welt- und Männerbild ins Wanken. Wenn Roberts behaarte Brust unterm Morgenmantel hervorguckt, streicht ihr gar ein libidinöser Schauer übers Gesicht. Oh brave new world.

 

Vor vier Jahrzehnten waren es die realen Figuren, die in Disney-Filmen wie „Mary Poppins“ oder „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ in Animationsszenen hineinschlüpften. Die Umkehrung dieses Motivs der fantastischen Reise – genauer: das satirische Verfahren, Märchenfiguren auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen zu lassen – ist eine clevere Idee, die freilich bereits die Produzenten der tschechischen Fernsehserie „Die Märchenbraut“ (1979-81) mit großem Witz ausgeführt haben. Anders als noch in den „Roger Rabbit“-Filmen werden im Fall von „Verwünscht“ die Ebenen jenseits und diesseits des Gullideckels, die Medien Realfilm und 2-D-Animation also, nicht vermischt. Daher springt auch das süße Streifenhörnchen Pip als „reales“ (selbstredend Computer-animiertes) Wuschelwesen aus der Kanalöffnung, das fortan von der Stadtbevölkerung mit einer Ratte verwechselt wird, dicht gefolgt von einem zwielichtig-dicklichen Knappen, der den Mordauftrag der Königin ausführen soll. Der Retter ist auch schon da: Prinz Edward tobt mit schwellenden Puffärmeln und gezücktem Schwert durch Häuserschluchten und schlitzt als erstes einen vermeintlichen Drachen auf, in dessen „Bauch“ sich nicht die gesuchte Jungfrau, sondern zu Tode erschrockene Buspassagiere finden. James Marsden erfüllt seine eigentlich recht undankbar-eindimensionale Prinzenrolle mit Bravour, während der fade Patrick Dempsey die Anziehungskraft des Advokaten auf Giselle nicht eben plausibel zu machen versteht. Tadellos-treuäugig irrt, flattert und tänzelt Amy Adams durch den Film. Sie gefällt mit einer hübschen Gesangsszene in Roberts Wohnung, wo ihr – zum Entsetzen des Mieters – Tauben, Mäuse, Ratten und Kakerlaken beim Hausputz helfen. Hier ist den Machern ein Kabinettstückchen gelungen, in dem ein mit Zahnbürsten bewaffnetes Mäusetrio das Klo putzt und eine gefräßige Taube sich klammheimlich aus der Kakerlakenkolonne bedient. Anlässlich eines bald darauf folgenden, üppig-kitschigen Tableaus vorm Springbrunnen im Central Park, mit Steelband, Tänzern und Luftballons, geht dann aber doch die Hoffnung zugrunde, Regisseur Kevin Lima könnte in seiner Komödie einige alte Disney-Klischees etwas kräftiger als zuvor erlaubt durch den Kakao ziehen. Letztlich geht es aber gar nicht um die Frage, ob die Heldin an den Tücken des Erdenalltags scheitert oder wächst. Kraft ihres Charmes verzaubert und verzuckert sie vielmehr ihre neue Umwelt, bis die Wirklichkeit vor so viel Naivität kapituliert und zur Disneyworld mutiert. Da wirkt es irgendwie konsequent, wenn das Finale in einem Ballsaal angesiedelt ist, in dem die Gäste so kostümiert sind, als seien sie einem Zeichentrickfilm entsprungen. Und die böse Königin? Die taucht erst gegen Filmende auf, wird daher nur kurz von Susan Sarandon gespielt und verwandelt sich schnell in einen geifernden Lindwurm, der ausgerechnet vom winzigen Streifenhörnchen erledigt wird. Die eigentliche Performance dürfte die Schauspielerin höchstens zwei Drehtage gekostet haben. Ob Susan Sarandon wirklich das Biest geben kann, weiß man also immer noch nicht.

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: film-Dienst

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Verwünscht

USA 2007 - Originaltitel: Enchanted - Regie: Kevin Lima - Darsteller: Amy Adams, Patrick Dempsey, James Marsden, Timothy Spall, Idina Menzel, Rachel Covey, Susan Sarandon, Michaela Conlin, Paige O'Hara - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 108 min. - Start: 20.12.2007

 

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