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Unsichere Überprüfung

 

Der Film ist zusammengesetzt aus lauter auf 16 mm umkopierten Stücken aus vielleicht 20 US-Filmen aller Gattungen, ein paar der historischen Kostümfilme können auch aus Italien sein. Manche Filme sind in Sorge, und da erscheinen die Bilder verzerrt, gelegentlich ist ein Ausschnitt einmal richtigherum und das nächste Mal falschherum kopiert, daß es aussieht wie Schuß und Gegenschuß der gleichen Sache. Ein paar Bilder ragen heraus. Die Flucht der Gangster in Fullers Tokio Story, als sie an einer hellen Wand entlanglaufen, die große Nummern trägt, und die Kamera fährt mit ihnen mit (endlose Flucht). Auch die Chuzpe von Fuller, einen Toten so von den Füßen her aufzunehmen, daß ausgerechnet der Fujiama hinter dem Bauch und Kopf des Toten erscheint, nicht nur der beste Beweis, daß der Film in Japan spielt, auch daß es komisch ist, mit einem Atelierbewußtsein im Freien zu drehen. Eine Sequenz hat viel zu tun mit Le Mepris: aus einem Spielfilm ist da hintereinandergestellt alles (?), was in diesem Film in einem Studioflur mit Türen zu vielen Studiozimmern passiert, Dreh- und Angelpunkt des ganzen Films. Diese Produktionsvernunft: Man dreht eine Menge an einem Ort, und das Drehbuch verteilt es im fertigen Film unauffällig, so daß es aussieht wie eine gleichmäßige Vielfalt. Es ist zu sehen, was einem Team einfallen kann in einem gewissen Rahmen, die Tür klingelt, einer kommt einer geht, einer überrascht den anderen im Flur, einer versteckt etwas vor dem anderen in seinem Zimmer, die Frau hat einen Büstenhalter, der Mann hat einen Revolver, die Türen gehen auf und zu, heraus und herein. Es sind die Orte, die festlegen, was da gespielt werden kann, Gefangene. Die vielen Filmausschnitte sind auf das verschiedenste miteinander verbunden. Es gibt es, daß ein Pärchen mit Mutter im Hubschrauber spazieren fliegt, ein Rummelplatzkinderkarussellhubschrauber, die Kamera wackelt etwas zur Flugimitation, sie zeigen enthusiasmiert nach unten und da müßte jetzt der Brunnen von Trevi sein, stattdessen fliegt ein Schlachtschiff aus einem anderen Film in die Luft. Etwas später brennt deshalb die See und die Amisoldaten verlassen wie die Ratten das brennende Schiff, dabei schauen ihnen die leitenden Reichen in Abendkleid und weißem Dinnerjackett von der Reeling einer Yacht in Monte Carlo beifällig zu. Es gibt auch die vergleichenden Montagen, der gute Mann im Krankenhaus, die Frau, die das süße Baby kriegt im Krankenhaus, und der Gangster im Sterben auf dem OP-Tisch im Krankenhaus, umringt von Ärzten und Detektiven, die aus ihm das Letzte herausholen. Überraschend die strukturelle Ähnlichkeit von einem Wagen, der im Westen angezündet wird, und der Anhäufung ritueller Kissen, die Sklaven zusammentragen und anzünden. Der Krankenwagen fährt zwischen Hemingways Krieg und einem Rennfahrerfilm hin und her. Es gibt das Duell von einem Mann, der verletzt in seinem Bett liegt, und einem anderen, der 10 000 Meilen entfernt hinter einem Pappmachefelsenstalagmiten (Stalagtiten?) versteckt ist. Die Montage zeigt sich als Mittel der Trennung, zu lange wurde sie als Mittel der falschen Verbindung diskriminiert. Was schon mal in der Filmkritik stand: Victor Mature gibt sich mit seinem Gesichtsausdruck einfach keine Mühe. Ein paar Bilder, aus Deserto Rosso angeblich, fallen ganz raus, das sieht aus, als ob zwei Versicherungsbeauftragte den Dreharbeiten zu all dieser Filmerei zuschaun.

 

Das Ganze ist vulgär und so bedenklich wie es sein muß, eine Weile freut man sich, weil alles so läuft wie geschmiert, dann schüttelt man den Kopf über diese Armut des Erzählkinos und macht sich ernsthafte Hoffnungen auf einen neuen Film, der aus all dem erscheinen müßte; es bleibt die Angst zurück, ob die Welt mit diesen drei vier möglichen Bildern und fünf sechs Gesten und sieben acht Worten nicht doch erschöpfend wiedergegeben sei.

 

Harun Farocki

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: „Filmkritik“ Nr.265 vom Januar 1979

 

 

Die unsichere Überprüfung

La verifica incerta

Italien 1964/65

von Alberto Grifi und Gianfranco Baruchello, im Verleih der Freunde der Deutschen Kinemathek

 

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