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Under The Skin(1997)

 

Von Ken Loachs working-class-Dramen über The Full Monty bis Girls' Night – mit dem Platz, den sich das britische Kino bei uns in der Publikumsgunst erobert hat, haben sich auch entsprechende Erwartungsstandards herausgebildet und weiterentwickelt: warmherzige loser-Geschichten, die gesellschaftliche Beziehungen engagiert erzählen und kommentieren; hart am Milieu, doch nicht zu hart; lieber und immer öfter ein wenig sentimental, doch immer gebändigt durch erzählerische Zurückhaltung und bei aller Bitternis schmackhaft gemacht durch eine Prise bewährten britischen Humors.

 

Under the Skin, der Debütfilm der jungen, in Rio de Janeiro geborenen britischen Regisseurin Carine Adler, scheint da eine neue Generation im britischen Kino anzukündigen. Diese Einschätzung macht sich weniger am jugendlichen Alter der 18jährigen Heldin fest als an der ungewohnten Konzentration des Films auf diese eine Person und ihr Seelenleben, eine Aufmerksamkeit, die sich in einer ungewohnt expressiven, subjektiven Bildsprache äußert. Ein bißchen wie die ganz junge Jean Seberg sieht diese Iris aus. Sehr blond, sehr hübsch, sehr kurzgeschnitten, mit kecker Aufmüpfigkeit in Gestik und Gesicht. Doch das Selbstbewußtsein, mit dem Iris ihrer Umgebung zu trotzen scheint, wird angekratzt, bevor sie überhaupt auftritt: von ihr selbst, durch die selbstreflektierenden ersten Sätze eines Off-Kommentars aus ihrer Perspektive, mit dem Under the Skin beginnt. Der aufmüpfige Gang ist ihre Abwehrhaltung. Dahinter ein verletztes, liebesuchendes, verunsichertes Mädchen. Nach dem Tumortod der Mutter (Rita Tushingham) nimmt diese Orientierungslosigkeit manische Züge an.

 

Iris reagiert auf den Schnitt, der sie so plötzlich ins Erwachsensein stürzt, mit kindlicher Aggressivität. Die schwelende Konkurrenz zu ihrer älteren Schwester Rose wird zum offenen Clinch, der sich am Wettstreit um angemessene Trauerrituale und persönliche Hinterlassenschaften festmacht. Ein anderer Teil der Angriffslust richtet sich, zum Eroberungszwang gewendet, auf das andere Geschlecht: Mehr oder weniger wahllos wirft sich Iris den Männern an den Hals, Abgebrühtheit vorgebend, doch auf Nähe hoffend. Die Handkamera folgt ihr dabei nervös und dicht auf den Fersen. Auch sonst ist die mit Zeitlupe- und Unschärfeeffekten angereicherte Bildsprache in diesem Film um einiges stärker stilisiert als wir das gemeinhin vom britischen Realismus gewohnt sind. Direkt. Unmittelbar. Polemisch. Einmal wird zum Beispiel aus einer Sexszene mehrfach auf einen Sarg gegengeschnitten, der in einem Krematorium in Flammen aufgeht. Eine krudes, überdeutliches Bild zwischen platter Seelen-Illustration und billigem Kontrasteffekt. Aber auch ein in seiner Schlichtheit überzeugender Gedankenüberschlag. Und vielleicht ist eine gewisse Roheit der Mittel ja das nötige Gegengift, unseren im Effekt-Kino müdegelaufenen Sinnen durch ein Stutzen wieder auf die Sprünge zu helfen? Vom Kinosessel zum „wirklichen Leben"? Denn der Bezug zur Wirklichkeit ist ganz offensichtlich das Ziel von Carine Adlers Kinobemühungen. Einen komplexen, vielschichtigen Frauencharakter habe sie schaffen wollen, sagt die Autorin/Regisseurin, eine Figur, die nicht in den immer noch üblichen Dichotomien aufgeht. Statt good oder bad das angry young girl: auch das ist so ganz neu nicht (siehe Michael Winterbottoms Butterfly Kiss). Carine Adler ist dies Programm allerdings nur ansatzweise gelungen, denn bei aller Komplexität ihres Hauptcharakters fallen die psychologischen Erklärungen, die in Under the Skin mitschwingen, so lehrbuchhaft aus, daß diese Iris einfach nicht lebendig werden will.

 

Etwa wenn sie sich in einem Akt kindlicher Travestie Perücke, Pelzmantel und Sonnenbrille aus dem Nachlaß der Mutter aneignet, um dann in dem bei ihr nur noch nuttig ausehenden Luxus-Outfit auf Männerfang zu gehen. Mimesis als Trauerarbeit. Der Versuch, das verlorene Objekt durch radikale Profanisierung zu entweihen. Psychologisch plausible Erklärungsfiguren, doch irgendwie zu konstruiert, um auch erzählerisch überzeugend zu sein. Auch diese Geschichte um schwesterliche Konkurrenz und töchterliche Trauerarbeit ist angesiedelt in den üblichen blümchentapezierten Reihenhäusern und Sozialwohnungen, Discos und Straßenecken im Norden des Inselreichs. Gedreht wurde in Liverpool, allerdings mit der Absicht, das Stadtbild möglichst weitgehend zu anonymisieren und damit zu generalisieren. Neben diesen räumlichen sind es auch personelle Kontinuitäten, die Under the Skin in die britische Kinotradition stellen: neben Rita Tushingham auch die Schauspielerin Claire Rushbrook, die schon in Mike Leighs Secrets and Lies die große Schwester gab und Ken–Loach-Kameramann Barry Ackroyd, der einmal zeigt, was er auch kann. Die junge Schauspielerin Samantha Morton, die hier ihr Kinodebüt gibt, tanzt unerschrocken auf allen Tonlagen von hilflos bis cool. Auch sonst ist dieser Film glänzend besetzt.

 

Silvia Hallensleben

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:  epd film

 

Under The Skin

under the skin

Großbritannien 1997. R und B: Carine Adler. P: Kate Ogborn. K: Barry Ackroyd. Sch: Ewa Lind. M: Ilona Sekacz. T: Gary Desmond, Paul Hamblin. A: John-Paul Kelly, Niall Mulroney. Ko: Frances Tempest. Pg: Strange Dog. V: Kairos. L: 81 Min. St: 10.12.1998. D: Samantha Morton (Iris), Claire Rushbrook (Rose), Rita Tushingham (Mutter), Mark Womack (Franck), Matthew Delamere (Gary), Christine Tremarco (Vron), Stuart Townsend (Tom).

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