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Under Fire

Vom Imperialismus der Bilder

 

Während Präsident Reagan die Hollywood-Filme der McCarthy-Ära in schauriges poiltisches Handeln übersetzt; während er von der Apokalypse phantasiert, und ein Showdown von nuklearen Dimensionen meint; während sein Überfall auf Grenada ahnen läßt, daß sein Afghanistan in Zentralamerika stattfinden wird, kommt aus Hollywood ein couragierter politischer Reißer zu uns in Reagans Pershing-Kolonie; ein Film, der ebntschlossen für die sandinistische Revolution in Nicaragua Partei ergreift. „Unter Feuer“ von Roger Spottiswoode (einem Mitarbeiter von Peckinpah; vor einiger Zeit wurde er mit „Terror Train“ als subtiler Horror-Regisseur bekannt) ist spannend, ja mitreißend – und die politische Besinnung, die den Film durchlodert, von makelloser Aufrrichtigkeit. In einer Zeit, in der die Widerstandsdskräfte hierzulande noch die Formen ihres „zivilen Ungehorsams“ möglichst en détail von der Ordnungsmacht absegnen lassen und mit der Polizei darin wetteifern, Aufsässigkeit zur Farce zu machen, erinnert uns dieser Film an die alte Weisheit, daß es in der Geschichte nur selten die Treue zum Legalitätsprinzip war, die versteinerte Verhältnisse zum Tanzen brachte.

 

Mehr noch: Spottiswoode hat über die Macht der Bilder nachgedacht und seine Zweifel, seine Kritik an dieser Macht zum Antrieb der Geschichte werden lassen, die er hier erzählt. Allerdings – er hat nicht konsequent genug darüber nachgedacht; und so wurde, was ein Pamphlet wider den Imperialismus der Bilder und der Sinne hätte werden können, doch nur zum Plädoyer gegen imperialistische Politik.

 

Soweit sich Hollywood der Story bemächtigt hat, ist sie rasch erzählt: Der Kriegsfotograf Russel Price (Nick Nolte) schießt seine hochbezahlten Bilder – aller Gefahren spottend und von politisch-moralischen Skrupeln unangefochten – vorzugsweise im Kugelhagel: sei es im afrikanischen Busch, wo der Film beginnt, sei es in der Endphase des Massenaufstands gegen Somoza in Nicaragua, wo Price alsbald vom rauen Alltagdes Nachrichtengeschäfts in eine Grenzsituation hineinkatapultiert wird, die ihn zur politischen Entscheidung zwingt. Zunächst freilich wecken die Brutalität der Somoza-Gruppen und der verzweifelte Mut eines auf Sieg oder Untergang kämpfenden Volkes in ihm gleichermaßen nur jene kalte Faszination, die, unablässig den Finger am Auslöser der Nikon, das Weltgeschehen in flagranti, in der Sekunde knallharter „Dramatik“ zu dertappen, will sagen zu verkaufen fest entschlossen ist.

 

Doch das Feuer der Revolution entflammt nicht nur die Liebe zwischen dem siegfriedhaften Hünen Price und der rassigen südländischen Schönheit Claire (Joanna Cassidy) – es treibt auch seinen politischen Läuterungsprozeß voran: Mit der engagierten Kollegin auf der Flucht vor Somozas blindwütig ballernden Garden und dörferzermalmenden Panzern, beginnt Price allmählich, zwischen den Interessen des Volkes und denen der Herrschenden zu unterscheiden. Soweit Hollywood: eine romantische Geschichte von Krieg und Liebe, von Tapferkeit und moralischer Bewährung und unstillbarem Verlangen nach Freiheit.

 

In diese Geschichte hineingeschrieben sind Bilder-Geschichten, die dem Bildermacher die Abgründe seiner Profession offenbaren und allmählich sein Selbstverständnis aushöhlen – sie führen letztlich die Umkehrung herbei. Die Sandinisten verlangen von Price, ein Foto von ihrem erschossenen Führer Rafael zu machen und dabei so zu manipulieren, daß es aussieht, als sei dieser noch am Leben – ein propagandistischer Trick, der einer Entmutigung der Massen vorbeugen soll. Price läßt sich, zögernd zunächst, darauf ein. Wenig später muss er feststellen, daß sandinistische Kämpfer standrechtlich erschossen werden, nachdem sie auf Grund seiner eigenen Bilder identifiziert werden konnten. Price beginnt zu lernen, und was er begreifen lernt, ist die Anfechtbarkeit einer Arbeitsmoral, die sich auf „Objektivität", auf die „Authentizität" bloßer Augenzeugenschaft beruft. Immer mehr entfernt sich Price von seinem Spiegelbild, dem Söldner Oates (Ed Harris), der, in Afrika noch an der Seite der Rebellen, seine Seele in Nicaragua an Somoza verkauft hat - immer mehr zeigt sich in diesem Wandlungsprozeß, daß die Berufsethik des zwischen den Fronten pendelnden, über den Fronten stehenden Berichterstatters eine Landsknechtsethik ist.

 

Was hier zur Debatte steht, ist nicht mehr und nicht weniger als das amoralische Know-how des„wertfreien" Dokumentarismus; ist die Manipulierbarkeit seiner Bilder; ist das Prostitutionsgeschäft der großen und kleinen Fälscher von „Life" und „Stern", die uns ihre erkauften, erschlichenen oder zur Not montierten Dokumente als Wirklichkeit verkaufen wollen: der Imperialismus der Bilder-Industrie.

 

Sonderbarerweise (und hier ist von den Grenzen Hollywoods zu reden) läßt die Radikalität dieser „Botschaft" die Bilder des Films selbst unangetastet. Für Spottiswoode wird der Problemfall des Action-Reporters nicht zum Problem seines eigenen Kinos, seines eigenen Verhältnisses zum Sichtbaren und zur fotografisch-filmischen Reproduktion. Der Reporter-Blick ist bis zum Schluß die Blickweise auch des Films - und während uns die Story davon überzeugen will, daß das Auge der allgegenwärtigen, aktionslüsternen Kamera ein usurpatorisches Auge, ein Organ der Gewalt und der Überwältigung ist, bleiben die Bilder in dieser Ästhetik der Gewalt, der Überrumpelung der Wirklichkeit mit den Mitteln des kommerziellen Kinos hermetisch eingeschlossen. Dieser Film, der so parteilich die Barbarei des Imperialismus in Zentralamerika angreift, kommt von den imperialistischen Klischees des Action-Kinos, vom imperialen Blick auf Menschen und menschliche Verhältnisse nicht los. Unfreiwillig enthüllt diesen Blick das Schlußbild: Bei der Siegesparade der Sandinisten sehen wir Price am Straßenrand in der Menschenmenge - frontal, hünenhaft, mit blond wallendem Haar, das Gewimmel der schwarzhaarigen Indios um mehr als Haupteslänge überragend: ein „tough guy", der durch die Hölle gegangen ist, geläutert nunmehr, doch noch immer: ein Turm in der Schlacht.

 

Klaus Kreimeier

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 12.11.1983

 

Under Fire

UNDER FIRE

Unter Feuer

USA - 1982 - 128 min. - Verleih: Orion im Filmverlag - Erstaufführung: 11.11.1983/12.10.1984 Kino DDR/28.12.1985 DFF 1- Produktionsfirma: Lion's Gate - Produktion: Jonathan Taplin

Regie: Roger Spottiswoode

Buch: Ron Shelton, Clayton Frohman

Vorlage: nach einer Erzählung von Clayton Frohman

Kamera: John Alcott

Musik: Jerry Goldsmith

Schnitt: John Bloom, Mark Conte

Darsteller:

Nick Nolte (Russell Price)

Gene Hackman (Alex Grazier)

Ed Harris (Oates)

Joanna Cassidy (Claire)

Jean-Louis Trintignant (Jazy)

René Enriquez (Präsident Somoza)

 

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