zur startseite

zum archiv

Twist and Shout

 

Der dänische Film von Bille August ist etwas Besonderes, Schönes, Anrührendes, Tragisches, mitunter Komisches. Ein Film über Sechzehnjährige, die ernst genommen werden. Ein Entwicklungsroman in Oldtime-Bildern. Was er nicht ist: ein Nostalgiefilm aus der Beatleszeit mit much fun und Pennälerscherzen.

 

Mit dem Titel TWIST AND SHOUT holt sich der Film exakt das falsche Publikum, und das richtige, das er haben könnte, wird abgeschreckt. TWIST AND SHOUT ist die Kehrseite des Titels; hoffen wir, daß es sich beizeiten herumspricht. Im Schein des „Blue Moon" stünde der Film besser da. Wenn ich richtig geguckt habe, steht dieser Titel noch im Vorspann.

 

Die Eltern aus der Perspektive der Jugendlichen: das bringt fahles Licht auf die vorgeblich so sonnige Nostalgiezeit. Der Film lebt von diesem Kontrast. Er entlarvt unsere aktuelle Vorstellung vom Segen des Twist-and-Shout-Zeitalters und legt dadurch, zugespitzt, den elterlichen Schrecken und die Demütigungen einer deformierenden Erziehung frei. Gerade wenn es Papa und Mama so gut meinen und nur das beste wollen. Dabei fing alles fröhlich an. Erste Parties, erster Flirt, erster Sex, 'raus aus dem Elternhaus, Spaß, wie findet man die erste Liebe, wie behält man sie, Erfahrungen machen. Genau das klappt aber nicht, weil die Eltern Regie führen wollen - im kleinbürgerlichen Lager ebenso wie im großbürgerlichen. Deren Strategie läuft auf die Vermeidung von Erfahrungen heraus. Der liberale, aufgeklärte, fortschrittliche Vater managt die jugendliche Beziehung: ein falsch-kumpelhaftes Klopfen auf die Schulter, trink einen Schluck, mein Junge, nimm die Zigarette, nimm meine Tochter, und die zukünftige Schwiegermutter organisiert die Verlobung; die Organisation ist perfekt, bloß um die Inhalte - das Problem ist bekannt - kümmert sich niemand, womit hier gemeint ist, um die Jugendlichen selbst. Eltern hören nicht hin. Und daraus zieht der Film manch dramaturgischen Gewinn. Für Eklat ist gesorgt. Der kleinbürgerliche Vater, ein verkappter Sadist, bringt seine Familie emotional auf Null. Für ihn sind Erfahrungen, gar Abenteuer das Böse schlechthin. Er hält Sohn (und Mutter) in seinem Haus in einer Art Isolationshaft - und beredt weiß er seine Brutalität als rührende Sorge und pädagogische Bemühung zu verkaufen. Der Sohn darf nicht zur großen Liebe, er muß das Haus hüten - er tuts -, derweil absolviert Papa den freitäglichen Sexualakt bei der Ortsnutte. Das ist satirisch zugespitzt; in der Unterhose steht er vor den Jugendlichen und versucht, ein letztes Mal, seine väterliche Autorität zu wahren. Wahr ist es; so sieht es aus, wenn Betroffene draufgucken. Und es macht wütend.

 

Mit den Betroffenen meine ich die Kinder. Fairerweise schiebe ich hier ein, daß sich die Sache aus dem Vater-Gesichtswinkel offenbar anders darstellt. In der Vorstellung, in der ich den Film sah, fühlten sich die Väter als Betroffene, und sie reagierten wütend auf den Film. Im Bordell gehts doch ganz anders zu! Der Vater hat doch recht, die Zügel anzuziehen! Er will doch nur das Beste! Wieso springt der Film so unglaublich mit ihm um!

 

Der Film läßt Interpretationen zu; er kommentiert nicht, und er hütet sich, verbal zu verdammen. Den Dialogen sind Thesen nicht zu entnehmen. Die Interpretation, die ich vorausgeschickt habe, ist, zugegeben, meine. Und das Tolle an TWIST AND SHOUT ist, daß Stellung erst allmählich, während des Ablaufs des Films bezogen werden kann - unter dem Eindruck von Bild und Musik. Helles Licht, bunte bis falsch-bunte Farben im Großbürgerhaus. Fahles Licht, dämmrig-blasses Unigraubraun im Haus des Bordellmoralisten. Lähmung und Zwielicht, Strenge und Lieblosigkeit- es braucht keine Worte, um das Elternhaus als Gefängnis und das Kinderzimmer als Zelle zu empfinden. Daß dies der Blickwinkel des Anstaltsinsassen, des Kindes ist, braucht ebenfalls nicht explizit zu werden. Der Film nimmt von vorneherein und ganz selbstverständlich diese Position ein. Der eifersüchtige junge Mann, der in Gedanken bei Anna auf der Silberhochzeit in Svendborg ist, - er sieht sie folgerichtig in geiler Positur vor weißen Matrosen und beim schweinischen Treiben mit besoffenen Bauern auf dem Hof. Und wenn auf der Kloschüssel abgetrieben wird - eine extreme Sequenz -, dann darf man gewiß sein, daß nicht (allein) dieser Fakt, sondern die Reaktion darauf ihr Bild gefunden hat. Wie also reagieren die jugendlichen Helden im Film? TWIST AND SHOUT schreit nach der befreienden Wendung. Damit findet der Film sein zweites Thema: die Solidarität der Betroffenen - unabhängig von den Generationsschranken. Sohn und Mutter finden die Kraft und den Mut, den Vatertyrannen zu stürzen und das Weite zu suchen. Ein freier, weitschweifender Blick des Films in den letzten Sequenzen: grüne Landschaft, ferner Horizont, ein Straßenband: Aufbruch.

 

Held ist der Sohn, der die kranke Mutter ins Auto getragen hat. Sie ist vom despotischen Hausherrn in Depression, in emotionalen Ruin gezwungen worden. Die Bilder der Unterjochung, des Leidens, des zaghaften Aufbegehrens, der kaltschnäuzigen Zurechtweisung sind nachhaltig und tief berührend. Der Imperativ des Twist and Shout ist hier der dramaturgisch notwendige Aufruf zur Tat und zum lauten Aufbruch aus den offenen und versteckten Sadismen der Twist-and-Shout-Zeit.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 7/87

 

Twist and Shout

TRO HAB OG KŚRLIGHED Dänemark 1984. R: Bille August. B: Bille August, Bjarne Reuter. K: Jan Weincke. Sch: Janus Billeskov Jansen. M: Bo Holten. T: Niels Bokkenhäuser. Ba: Søren Krag Sørensen. Ko: Frangoise Nicolet. Pg: Per Holst Filmproduktion und Palle Fogtdal in Zusammenarbeit mit dem Danish Film Institute, The Children's Film Council und dem Coproductions Fund of Danmarks Radio. P: Ib Tardini. V: Ascot. L: 107 Min. FSK 12, ffr. FBW: Wertvoll. St: 14.5.1987. D: Adam Tensberg(Bjern), Lars Simonsen (Erik), Camilla Seeberg (Anna), Ulrikke Juul Bondo (Kirsten), Thomas Nielsen (Henning).

 

zur startseite

zum archiv