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True North

Steve Hudsons Melodram über Menschenschmuggel, "True North", hat nicht viel mehr als eine Menge Wasser und filmische Unbedarftheit zu bieten.

 

Die Lage für den schottischen Fischfänger "Providence" ist düster, wenn nicht aussichtslos. Die Fische bleiben aus, die Rechnungen bleiben offen - und so bleibt dem Maat Sean (Martin Compton) nichts anderes übrig, als beim Landaufenthalt auf dem europäischen Festland einen Mann aufzusuchen, der Schmuggelware für die Fahrt zu den britischen Inseln organisiert. Sean denkt an Zigaretten, der deutsche Hintermann (gespielt von Hark Bohm) aber nicht. Er hat Menschenmaterial aus China, das illegal nach Großbritannien einreisen will.

 

Sean nimmt die Chinesen heimlich an Bord, sagt seinem Vater (Gary Lewis), dem Kapitän des Bootes, aber nicht Bescheid. Eingeweiht wird nur der raubeinige Fischer Riley, der sich bei Huren herumtreibt, der ein grobe Sprache spricht, der auf dem Schiff Pornos schaut und dem Peter Mullan das verleiht, was man unter uns Rampensäuen so Leben nennt: Es rüttelt ihn, es schüttelt ihn, er lacht und weint und trinkt und fischt zum Stein- und Beinerweichen. Womit klar sein sollte: Dieser Riley ist im Grunde seines Herzens doch ein feiner Kerl. Nämliches gilt womöglich auch für den vierten Mann im Boot, den intellektuell anders begabten und schrecklich verklemmten Smutje (Steven Robertson).

 

Auch er bekommt im Kammerspiel eine wichtige Rolle. Ihm nämlich ist die Entdeckung der blinden Passagierin Su Li (Angel Li) vorbehalten. Das kleine Mädchen gehört zum Schmuggelgut, ist aber, ohne dass die Bootsmänner das merkten, ausgebüxt, als ihre Leidensgenossen unter Deck verbracht wurden. Nun versteckt sie sich hier, nascht von den Vorräten da und als der Smutje ihr dann auf die Schliche kommt, muss sie sich ausziehen und ein Bad nehmen und man denkt, dass das Drehbuch, das unter Einsatz eines angelaufenen Spiegels mit versteckten pädophilen Neigungen des Kochs spielt, nicht ganz bei Trost ist.

 

Dabei meint "True North" es nur gut. Der Film, das Regie- und Drehbuchdebüt des "Verbotene Liebe"-Darstellers Steve Hudson, macht mächtig Wind, Wasser, Wellen - und vor allem Tragödie. Den Chinesen unter Deck geht es zusehends schlechter. Einer wird schwer krank und dann stirbt er. Sean muss seinem Vater das Geheimnis beichten und der zieht seine Konsequenzen. In erster Linie ist "True North" einfach unbedarft, ein filmisches Malen nach Zahlen, ein Melodram aus dem Drehbuch-Workshop. Der Film will nur: betroffen machen, ein wichtiges Thema (Menschenschmuggel) spannend vorführen, eine düstere Geschichte erzählen, die zu Herzen geht. Die ästhetischen Mittel, die Giuseppe Tornatore [vergl. Die Unbekannte, die fz-Redaktion] zur Verfügung stehen, besitzt er - im Guten wie im Bösen - bei weitem nicht. Er will hinaus auf nichts als Echtwasser, Echtwind und Echttrauerspiel. Dabei hat er im Grunde nur eins: im Kino echt nichts verloren.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 21.05.2008 in www.perlentaucher.de

 

True North

Großbritannien / Deutschland / Irland 2006 - Regie: Steve Hudson - Darsteller: Peter Mullan, Martin Compston, Gary Lewis, Angel Li, Steven Robertson, Hark Bohm, Pat Kiernan, Shi Ming, Ren Hao, Wang Li Jun, Anna Breuer - Länge: 96 min. - Start: 22.5.2008 

 

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